wechselnd bewölkt
DE | FR
Schweiz
Frankreich

Wie Bundesrat Berset von zwei Kampfjets zur Landung gezwungen wurde

Eine Cessna 182.
Eine Cessna 182.bild: shutterstock

Bersets Rendez-vous mit der französischen Luftpolizei – ein Drama in 5 Akten

Vergangene Woche wurde Bundesrat Alain Berset bei einem Ausflug mit einer Cessna von der französischen Luftpolizei zur Landung gezwungen. Die Geschichte wirft Fragen auf – ein Drama in fünf Akten.
13.07.2022, 12:0313.07.2022, 12:25
Dennis Frasch
Folge mir
Mehr «Schweiz»

Ein gemütlicher Ausflug mit der Cessna

Bundesrat Alain Berset ist Hobbypilot. 2009 erwarb der SP-Politiker eine Pilotenlizenz, in seiner Freizeit mietet er sich immer wieder mal kleine einmotorige Sportflugzeuge. So auch am vergangenen Dienstag, dem 5. Juli.

Die Sonne schien, das Thermometer im französischen Burgund zeigte rund 27 Grad an, es war perfektes Flugwetter. Berset mietete sich die Cessna 182 HB-TDR und hob ab. Allein. Von einem Sportflugplatz zum nächsten. So zumindest der Plan.

Bundesrat Berset wird vom Himmel geholt

Die französische Luftpolizei hatte aber andere Pläne für den Bundesrat: Nach einer Luftverkehrskontrolle kam es zu einer Fehlinterpretation seitens Bersets, was zu einem Luftpolizeieinsatz der französischen Armée de l’Air führte.

So ungefähr könnte Bersets Cessna 182 aussehen.
So ungefähr könnte Bersets Cessna 182 aussehen.bild: shutterstock

Zwei Rafale-Kampfjets werden losgeschickt, um Berset zurück auf den Boden zu holen. Nach einer Identitätskontrolle am Boden sowie einem Austausch über den Sachverhalt konnte der Bundesrat seinen Flug mit dem von ihm gemieteten Flugzeug wieder aufnehmen.

Grobes Fehlverhalten oder Missverständnis?

Dass die Öffentlichkeit dies überhaupt weiss, ist verschiedenen Medien zu verdanken, die Wind von der Sache bekamen und beim Eidgenössische Departement des Innern (EDI) um eine Bestätigung gebeten hatten.

Die oben genannten Schilderungen zeigen die offizielle Variante, wie sich die Geschehnisse zugetragen haben sollen. Denn das EDI sah sich gezwungen, eine Stellungnahme zu veröffentlichen, nachdem die NZZ ein anderes Bild der Lage gezeichnet hatte.

Dem zufolge löste Berset gleich zwei Interventionen der Police du Ciel aus. Berset soll auch direkt vom Flugplatz Fribourg-Ecuvillens gestartet sein, nicht erst in Frankreich. Auf einen ersten Einsatz der Luftpolizei habe Berset «ungewöhnlich reagiert». Im Rahmen eines zweiten Einsatzes wurde er dann von der französischen Luftwaffe zur Landung gezwungen.

«Etwas am Flug des Schweizer Kleinflugzeugs muss die französischen Flugverkehrsleiter gewaltig irritiert haben. Sonst hätten sie nicht die Kollegen der Luftwaffe informiert», schrieb die NZZ.

Der Einsatz der Luftpolizei mit Kampfjets stelle eine hohe Eskalationsstufe dar. Normalerweise würden verirrte Sportflugzeuge per Funk dazu aufgefordert, sich auf die erlaubte Route zurückzubegeben. Ein Einsatz mit Kampfjets erfolge nicht, wenn der Pilot den Anweisungen Folge leiste. Es müsse also ein «gröberes und möglicherweise längeres Fehlverhalten eines Piloten vorliegen», schreibt der «Tages-Anzeiger».

Die Luftwaffenbasis und Emmanuel Macron

Gemäss der NZZ bestand Bersets Fehlverhalten darin, der Luftwaffenbasis Avord zu nahe gekommen zu sein. Dort stehen Teile eines französischen Luftraumüberwachungs- und Frühwarnsystems. Die fliegende Kommandozentrale stehe wegen des Kriegs in der Ukraine oft im Einsatz.

Die Zeitung belegt ihre Behauptungen mit Flugdaten von «Flightradar24», die Bersets Cessna 182 HB-TDR rund zehn Kilometer südlich der Luftwaffenbasis registrierte. Eine Kontrollzone, die nur mit der Erlaubnis eines Fluglotsen durchflogen werden darf. Dies dürfte zum Einsatz der Kampfjets geführt haben.

Der Fall sei anschliessend nach Paris gemeldet worden. Weil es sich bei Bundesrat Berset um ein Mitglied der Schweizer Landesregierung handle, sei auch der französische Präsident Emmanuel Macron informiert worden.

Eine «affaire privée»?

In Frankreich gebe es rund 200 Luftpolizeieinsätze pro Jahr. «Es ist das erste Mal, dass es ein Regierungsmitglied betrifft», sagt Loïc Tatard, Infochef der französischen Luftwaffe, zu «20min». In der Schweiz kam es 2020 zu fünfzehn sogenannter Hot Missions. 2021 sogar nur zu drei.

Gegenüber der NZZ sagte der Mediensprecher Bersets, dass kein Verfahren eröffnet wurde und es sich um eine Privatangelegenheit handle. Ob es noch zu einer Untersuchung kommen wird, ist unklar.

Die NZZ selbst hält die Sache nicht für eine «affaire privée». Die französischen Streitkräfte befänden sich derzeit im Echteinsatz und schützten die Nato-Ostflanke gegen russische Übergriffe. Für sie ist deswegen klar, dass es sich um eine «affaire publique» handle: «Allen Beteiligten müsste eigentlich schon aus sicherheitspolitischen Überlegungen an einer transparenten Klärung des Vorfalls gelegen sein. Ein Mitglied der Schweizer Landesregierung hat in einem Nachbarland einen Einsatz der Luftwaffe ausgelöst.»

Aviatik-Exerperte Sepp Moser schätzt den Fall hingegen als «nicht so dramatisch» ein. Gegenüber dem «Blick» sagte er: «Für einen Piloten ist ein solcher Vorfall peinlich. Wenn er Mitglied in einem Flugclub ist, wird er wohl noch ein paar Mal damit aufgezogen und muss bestimmt eine Runde zahlen.»

Was meinst du: «affaire privée» oder «affaire public»?
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Hawker Hunter
1 / 7
Hawker Hunter
Hawker Hunter.
quelle: public domain (via eth bildarchiv)
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Schockmoment für Passagiere – Flugzeug fängt bei Landung Feuer
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
101 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
En Espresso bitte
13.07.2022 12:36registriert Januar 2019
Für mich ganz klar affaire privée.

Berset macht als Bundesrat einen guten Job, aber die affaires privées häufen sich bei ihm in letzter Zeit etwas zu sehr für meinen Geschmack.
9831
Melden
Zum Kommentar
avatar
bundy
13.07.2022 12:41registriert Februar 2016
Drama?
7012
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sk8/Di3
13.07.2022 12:28registriert Juli 2019
Beste Werbung für Rafale-Kampfjets! Die sind also gut geeignet auch für die Schweizer Armee. Ob nun Herr Berest bei Frau Amherd ein wenig Lobby-Arbeit machen wird, werden wir sehen... Er könnte ja nach Italien fliegen, dann schicken die die F-35, somit hätte er einen Direktvergleich. Dann könnte er das auch als "Geschäftsreise" verbuchen. ;)
6413
Melden
Zum Kommentar
101
Menschen in Leichentüchern an Pro-Palästina-Demonstration auf dem Bundesplatz
In Bern fand am Samstagnachmittag eine Kundgebung statt. Im Zentrum standen dabei die zivilen Opfer im Gazastreifen.

Rund 500 Menschen haben am Samstag auf dem Bundesplatz in Bern der Opfer des Krieges in Gaza gedacht. Mit einer symbolischen Aktion machte die Gruppe «Action for Palastine» mit ihrer Kundgebung auf die über 30’000 getöteten Zivilistinnen und Zivilisten in Gaza aufmerksam.

Zur Story