Täter von Kerzers kehrte an Stationen seines Lebens zurück – und wartete lange mit der Tat
Roger K. kam am Dienstagabend, 10. März, mit dem Zug in Düdingen an. In der Nähe wohnte er früher mit seiner Frau, deren Namen er bei der Heirat annahm. Das Paar führte jahrelang ein unauffälliges Leben, bekam zwei Kinder und später Enkelkinder. Roger K. arbeitete als Lastwagenfahrer und träumte von Fahrten in den hohen Norden.
Doch dann zerbrach dieses Leben: Die Ehe scheiterte und wegen einer schweren Muskelkrankheit musste er seinen Beruf aufgeben. An diesem 10. März war er in schlechtem Zustand. Er war im Spital Aarberg in Behandlung, vermutlich wegen seiner Krankheit. Dann verliess er es plötzlich, ohne sich abzumelden. Das Spital alarmierte die Polizei, diese fand ihn nicht, erkannte aber auch keine Gefahr.
Roger K. war verzweifelt. Er stand kurz davor, seine Existenzgrundlage zu verlieren. Er lebte in einem Camper in der Nähe von Aarberg und konnte die Rechnungen für den Standplatz nicht mehr bezahlen. Ende März musste er diesen verlassen. In seinen letzten Jahren lebte er sozial isoliert und verwahrlost. Reporter fanden viele leere Alkoholflaschen bei seinem Camper.
Eine Route entlang seiner früheren Lebensorte
In Düdingen stieg er in das Postauto der Linie 122 nach Kerzers. Abfahrt war um 17.51 Uhr, Kante B. Er hatte Behälter mit einer brennbaren Flüssigkeit dabei, vermutlich Benzin.
Meist ist der Bus bei der Abfahrt in Düdingen am besten gefüllt; im Schnitt nehmen 29 Personen Platz – das zeigen die Auslastungsdaten zu diesem Kurs, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegen. Auf der Fahrt über die Landstrassen leert sich der Bus kontinuierlich.
Das Postauto rollte an Kleinbösingen vorbei – eine weitere Station seines Lebens. Hier hatten er und seine Frau zuletzt zusammengewohnt. Im Durchschnitt sind hier noch 25 Personen im Bus. An den folgenden Stationen sinkt die Belegung rasch.
Die Pendlerinnen und Pendler kehrten in ihre Wohnungen heim. Roger K. hätte in Kerzers in den Zug nach Aarberg umsteigen können, zurück in seinen verwahrlosten Camper. Doch er hatte einen tödlichen Plan. Er wartete lange.
Er schlug zu, als der Bus fast leer war
Erst vor der Endstation stand er von seinem Klappsitz in der Mitte des Busses auf. Es war der Abschnitt mit der geringsten Auslastung. Im Schnitt sitzen hier noch sechs Passagiere im Bus. An diesem Dienstag waren es sieben. Hinzu kamen der Täter Roger K. und der Chauffeur Albino R.
Der randständige Mann übergoss sich mit der Flüssigkeit und betätigte ein Feuerzeug auf Brusthöhe. «Als er sich anzündete, zeigte er keine Reaktion, kein Zögern. Sein Gesicht war emotionslos.» So beschrieb der Passagier Faton Morina im Spital die Szene gegenüber dem «Blick». Er war einer von drei Passagieren, die sich verletzt aus dem Bus retten konnten.
Er, Morina, habe geschrien: «Nein! Stopp! Türe öffnen!» Der Fahrer habe das Postauto sofort auf der Strasse angehalten. Doch das Feuer habe sich blitzartig über den Boden ausgebreitet. «Dann kam der Rauch. Es wurde pechschwarz», berichtete Morina. Erst beim zweiten Versuch konnte er die Tür öffnen.
Wie Psychiater die Tat einordnen
Der Ablauf gibt Hinweise darauf, wie die Tat einzuordnen ist. Psychiater Frank Urbaniok beschrieb in der «Sonntagszeitung» drei Modelle:
- Attentat: Jemand bringt sich mit dem Ziel um, möglichst viele andere Menschen zu töten.
- Erweiterter Suizid: Jemand will sterben und nimmt andere Menschen mit, zum Beispiel Familienmitglieder, weil er sich an ihnen rächen oder sie nicht allein zurücklassen will.
- Suizid mit Knalleffekt: Jemand nimmt sich das Leben und nimmt dabei in Kauf, dass andere sterben. Es ist aber nicht das primäre Ziel, sie zu töten. Er will vor allem ein Zeichen setzen.
Das erste Modell kommt nach dem aktuellen Wissensstand nicht in Frage. Hätte Roger K. möglichst viele Leute töten wollen, hätte er wohl früher gehandelt. Oder er wäre in Kerzers im Bus sitzen geblieben, wo am Bahnhof im Durchschnitt elf Fahrgäste eingestiegen wären.
Die Kantonspolizei Freiburg verwendete diese Woche den Begriff des «erweiterten Suizids». «Nein, das war ein erweiterter Mord», sagte Psychiater Reinhard Haller gegenüber dieser Zeitung. Er vermutet «ein wahnhaftes Erleben, Halluzinationen, vielleicht innere Stimmen». Hinweise darauf, dass Roger K. eine Person im Bus kannte, gibt es nicht. Vielleicht hatte er die anderen Menschen nicht beachtet, versunken in seiner wirren Gedankenwelt.
Urbaniok ordnete den Fall eher als Suizid mit Knalleffekt ein: Roger K. habe womöglich nicht still sterben, sondern ein öffentliches Zeichen setzen wollen. Darauf könnte auch ein Vorfall vor sieben Jahren hindeuten: Damals verschanzte sich Roger K. in einem SRF-Gebäude in Bern und drohte, sich selbst etwas anzutun, wie der «Blick» berichtete. Damals überwältigte ihn die Polizei und die Sanität brachte ihn ins Spital. (aargauerzeitung.ch)
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