Zwei Tragödien, ein Gefühl: Warum die Schweiz verletzlicher wirkt als je zuvor
Schon wieder. Blumen und Kerzen an einer Unglücksstelle. Der trauernde Bundespräsident mit einem Strauss in der Hand. Feuerwehrleute, die sich Schulter an Schulter Halt geben. Weinende Jugendliche. Stille Andacht.
«Erneut müssen wir trauern», sagte Bundespräsident Guy Parmelin am Mittwochabend in Kerzers. Die Bilder von Crans-Montana hängen noch in unseren Köpfen. Und nun kommen Neue dazu. Die Ohnmacht, die Trauer, die Wut sind gleich.
Und doch ist vieles anders. Crans-Montana und Kerzers sind unterschiedliche Dramen.
Bei der Katastrophe im Club Le Constellation ist offensichtlich, dass Menschen und Behörden Fehler gemacht haben. Der hochentflammbare und dilettantisch montierte Schaumstoff an der Decke, der wegen einer Wunderkerze auf einer Champagnerflasche Feuer fing. Die ungenügenden Brandschutzkontrollen der Gemeinde. Versäumnisse, die sich benennen lassen.
Die Suche nach den Schuldigen für den Tod der 41 zumeist jungen Menschen und für die teils schweren Brandverletzungen von 115 weiteren wird noch Jahre dauern – zumindest im juristischen Sinn. Bereits ist absehbar, dass Gerichtsurteile Teile der Öffentlichkeit empören werden. Denn viele haben ihr persönliches Urteil längst gefällt – vor allem über das Barbetreiberpaar Moretti. Doch die Höhe der Strafe wird sich nicht am Leid der Opfer bemessen, sondern am Verschulden der Angeklagten. So funktioniert ein Rechtsstaat. Die Vorverurteilungen werden zusätzlich strafmildernd wirken.
Die Brandkatastrophe hat die Schweiz in ihrem Selbstverständnis getroffen. Wir stehen für Sicherheit und Qualität. Wir gehen davon aus, dass Behörden Vorschriften durchsetzen und Gefahren minimieren, wo es in ihrem Einflussbereich liegt. Jugendliche haben das Recht, in einem Club sorglos zu feiern. Das Selbstbild der perfekt organisierten Schweiz hat durch das Brandinferno tiefe Risse bekommen.
Kerzers liegt anders
Ein 65-jähriger Mann übergoss sich in einem Postauto mit Benzin und zündete sich an. Fünf weitere Menschen riss er mit in den Tod. Das jüngste Opfer war gerade mal 16 Jahre alt. Ein sinnloser Akt individueller Gewalt.
Die Tamedia-Zeitungen haben Hintergründe zum Täter recherchiert. Sie zeichnen das Bild eines Mannes am Rand der Gesellschaft, dessen Leben seit Jahren aus den Fugen geraten war. Er lebte in einem vermüllten Wohnwagen, litt an Suchtproblemen, hatte einen Beistand.
Die Freiburger Staatsanwaltschaft bezeichnete den Täter am Mittwoch als «psychisch instabil». Was das genau heisst, welche Diagnose der Mann hatte (wenn er überhaupt eine hatte), in welchen Institutionen er behandelt wurde (oder eben nicht), ob die Tat voraussehbar war – das müssen die Ermittlungen klären.
Während sich Brandschutzvorschriften kontrollieren und durchsetzen lassen, ist der Umgang mit psychisch kranken Menschen eine weit schwierigere gesellschaftliche Aufgabe.
Ein freiheitlicher Rechtsstaat kann nicht jeden Menschen unter Generalverdacht stellen. Er kann nicht jeden psychisch angeschlagenen Bürger lückenlos überwachen. Er kann nicht jede mögliche Gewalttat voraussehen. Absolute Sicherheit gibt es nicht – es sei, wir geben die Freiheit preis.
Sicherheit in einer offenen Gesellschaft bedeutet nicht, dass nichts Schreckliches geschieht. Sie bedeutet, dass wir Risiken begrenzen, ohne unsere Freiheit aufzugeben. Dass wir hinschauen, wo Systeme versagen. Und dass wir anerkennen, wo es keine perfekte Kontrolle geben kann.
Immerhin: Stand heute hat die Berner Kantonspolizei umgehend gehandelt, als ein Spital den späteren Täter als vermisst gemeldet hatte. Sie schickte Patrouillen los, telefonierte mit Familie und Bezguspersonen, schrieb ihn im Fahndungssystem aus. Nur leider vergeblich.
Vielleicht ist das die nüchterne Lehre dieser Tage: Der Staat kann viel, aber er kann nicht alles. Und wir sind verletzlicher, als wir es wahrhaben wollen.
An der nationalen Trauerfeier zu Crans-Montana hat die 17-jährige Aline Morisoli treffend gesagt: «Wir können dem Leben keine Tage hinzufügen, aber wir können den Tagen mehr Leben hinzufügen!» Diese Worte erinnern uns daran, was trotz allem in unserer Verantwortung liegt.
