Das ikonische Bild entstand am 30. November 1992 in Bütschwil im Kanton St.Gallen. Christoph Blocher, 50, war an diesem nasskalten Tag ins Toggenburg gereist, um kurz vor der Abstimmung vom 6. Dezember gegen den Beitritt der Schweiz in den Europäischen Wirtschaftsraum EWR zu sprechen.
Als Blocher kam, standen Hunderte vor dem Gebäude, in dem der Vortrag stattfand. Als er eintreten wollte, umringten ihn sofort die Mosnacher Trichlerfründe. So entstand das Bild mit Treicheln und Stumpen.
Gut 32 Jahre später führt Blocher erneut einen Treichlerzug an. Diesmal folgt ihm die Treichlergruppe Jurasüdfuss Welschenrohr durch die Tennishalle von Balsthal, beklatscht von 495 Personen an der SVP-Delegiertenversammlung.
Der Kreis schliesst sich. Zwar trägt SVP-Doyen Christoph Blocher, inzwischen 84 Jahre alt, kein Treichlerjoch mehr. Zu schwer ist es. Doch wie 1992 will er mit der SVP eine Annäherung der Schweiz an die EU verhindern – diesmal mit einem umfassenden neuen bilateralen Vertrag. SVP-Präsident Marcel Dettling kündigt Blocher an als «modernen Wilhelm Tell der Schweiz», als «unseren Freiheitskämpfer».
Blocher ist auch vor einem seiner wohl letzten grossen öffentlichen Auftritte nervös. Er erstellt zwar nicht mehr 18 Redefassungen wie früher – sondern nur fünf. Eine gewisse Gelassenheit ist mit dem Alter eingekehrt. Dieses stellt ihn aber auch vor neue Herausforderungen.
Er spricht gegenüber CH Media über seine Ängste: Hat er genug Energie? Lässt ihn das Gedächtnis im Stich? Oder könnte ihm eine gröbere Verwechslung unterlaufen? «Dass ich etwa die Schweiz mit der EU verwechsle», wie er laut lachend anfügt.
An diesem Samstagmorgen legt Blocher eine fehlerfreie, kraftvolle Rede hin. Sie dauert zwanzig Minuten, genauso lange wie im Programm angekündigt. Er hält sie ohne Blick in sein Manuskript, spricht dreimal von der «Classe politique», welche die Schweiz zu einer EU-Kolonie machen wolle. Zweimal erwähnt er im Gegenzug die «armen [letzten] Mohikaner», welche die Interessen der Schweiz noch verteidigten: die SVP und ihre Vertreterinnen und Vertreter.
Mit «Classe politique» holt Blocher den Kampfbegriff aus der Mottenkiste, der den rasanten Aufstieg der SVP von der Oppositions- zur Regierungspartei begleitete. Danach verschwand er weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs.
Blocher sagt, er habe den Begriff nun wiederbelebt, weil er keine bessere Umschreibung gefunden habe für jene mit Rang und Namen, die befürchteten, dass Volksabstimmungen ihre Macht beschränkten.
Nachdem er zwanzig Jahre lang «durch den Kakao» gezogen worden war, wie er sagt, ist Blocher heute kein rotes Tuch mehr. Das zeigt sich daran, dass letzthin selbst Sanija Ameti auf ihn zukam, wie er erzählt. Sie ist Co-Präsidentin der Operation Libero, jener Organisation, die sich dem Kampf gegen den antieuropäischen Kurs der SVP verschrieben hat. Ameti habe ihm gesagt, sie sehe ihn gerne auftreten und könne viel von ihm lernen. «Ja», war Blochers lakonische Antwort: «Ich finde keine Gegner mehr – und jetzt muss ich euch auch noch ausbilden.»
Getäuscht hat sich Christoph Blocher, wenn es um Donald Trump geht. Noch 2016 habe er gesagt, dass eine Person, die sich so aufführe, nicht Präsident der USA werden könne, erinnert er sich. Er musste seine Meinung revidieren. «Wenn es jemand aushält, mit so viel Dreck beworfen zu werden und so viele Prozesse zu überstehen, dann macht ihn das glaubwürdig», sagt Blocher. Ähnliches habe er bei sich selbst erlebt. «Man darf Donald Trump nicht unterschätzen», betont er. «Er tut nur unseriös.» In Tat und Wahrheit habe er sich minutiös auf seine zweite Amtszeit vorbereitet.
«Zurzeit findet in der westlichen Welt eine konservative Revolution statt», analysiert Blocher. Der Konsens, die Welt so zu gestalten, wie es die Elite wolle und alle mit einer anderen Meinung auszugrenzen, falle in sich zusammen. Er habe das in den 1980er- und 1990er-Jahren selbst erlebt. Die Schweiz sei hier der Zeit voraus. Themen wie Bürokratie-Abbau und Eindämmung der Migration kämen nun auf die Agenda.
«Ich bin überzeugt, dass die CDU in Deutschland mit der AfD regieren wird», sagt Blocher weiter. «Aber nicht, weil die CDU davon überzeugt ist. Sondern weil sie gar nicht mehr anders kann.» Das habe sich bereits in Österreich gezeigt. Obwohl sich die ÖVP stets von der FPÖ distanzierte, führt sie inzwischen Koalitionsverhandlungen mit ihr. Und in Frankreich, glaubt Blocher, werde wohl Marine Le Pen neue Präsidentin.
Könnte Trumps Zollpolitik für die Schweiz zum Problem werden? Ja, sagt Blocher. «Wir exportieren viel.» Noch sei unklar, für welche Produkte in welchen Ländern Trump mehr Zölle wolle. Im Gegensatz zu 2016 gehe Trump differenziert vor. Man dürfe aber nicht vergessen, dass die USA die Zölle nie abgeschafft hätten. «Auf die Produkte, die wir bei der Ems Chemie haben, zahlen wir nach wie vor 22 Prozent Zoll.»
Er selbst sei als Person nicht vergleichbar mit Trump, glaubt Blocher. «Ich bin ein anderer Typ, er ist ein Amerikaner, das bin ich gar nicht. Was aber Bürokratie, Freiheit und Staatsdefizit anbelangt, denken wir gleich.»
Blochers Auftritt war für die Delegierten der Höhepunkt der SVP-Versammlung. Wie wird er sich künftig einbringen? «Ich stehe bei den Komitees nicht mehr zuvorderst», sagt er. 2028, wenn die Abstimmung folge, sei er bereits im 88. Altersjahr. Deshalb dürfe man nicht unersetzlich werden.
An Abschied denkt er trotzdem nicht. Dafür habe er zu viel Erfahrung im Kampf um die Souveränität: «Ich werde im Hintergrund überall mitwirken.» (aargauerzeitung.ch)
Das ist der grösste Etikettenschwindel der SVP. Keine Partei verlangt so viel Gehorsam und Linientreue von ihren Parteisoldaten, wie die SVP, die ausschliesslich von der kleinen Zürcher Elite geführt wird.