«Zwei aus der Partei trauen sich nicht, sich zu outen» – Lea Blattner zu ihrem Rücktritt
Im letzten April hat sich die Co-Präsidentin der Jungen EVP Lea Blattner als lesbisch geoutet. Homosexualität ist in der Evangelischen Volkspartei immer noch ein Tabuthema. Das hat Blattner daraufhin am eigenen Leib erfahren. Nach ihrem Outing wurde sie mit Hass und Gewaltandrohungen überschüttet – auch aus den eigenen Reihen. Am letzten Montag hat sie nun auf Social Media ihren Rücktritt bekannt gegeben. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger gibt sie einen Einblick in ihr Leben vor dem Coming-out – und darüber, wie es jetzt weiter geht.
Lea Blattner ist in einer Freikirche gross geworden. Dort habe sie gelernt, dass Homosexualität eine Sünde sei und Lesben und Schwule in die Hölle kommen würden, so die Baselbieterin. Ein Glaube, den sie lange in sich trug: «Es war für mich eine schreckliche Vorstellung und ich hatte grosse Angst, so zu enden», sagt sie gegenüber der Tageszeitung.
«Mir wurde klar, dass ich Frauen liebe»
Trotzdem habe sie früh gemerkt, dass sie nicht wie andere in ihrem Alter gewesen sei. So habe sie etwa nie für Jungs in Boybands geschwärmt. In der Pubertät sei dann die Erkenntnis gekommen: «Mir wurde klar, dass ich Frauen liebe.» Durch ihren Bruder sei die heute 33-Jährige aber in ein sehr konservatives Umfeld geraten. Dort sei ihr von Seelsorgern gesagt worden, dass Homosexualität eine Krankheit sei. Etwas, was Blattner lange für die Wahrheit hielt:
Ihr Bruder sei in dieser Zeit deshalb so präsent gewesen, weil die Politikerin bereits mit 16 Jahren von zu Hause auszog und mit ihren Eltern nur wenig Kontakt hatte. Der Grund dafür sei ein sexueller Missbrauch durch einen Familienangehörigen in ihrer Kindheit gewesen, sagt Blattner.
Dieser Übergriff sei dann auch in der Freikirche thematisiert worden, berichtet die Politikerin. Aber nicht im herkömmlichen Sinne. So griff Blattner, um das Lesbischsein in sich zu «heilen», zu heftigen Mitteln: Mit einer Konversionstherapie wollte sie sich die Homosexualität austreiben. «Ein Coach hat versucht, den Ursprung meiner Homosexualität zu finden. Er sagte etwa, der Täter, der mich als Kind sexuell missbraucht hatte, habe einen Dämon in sich getragen.»
Doch nicht nur das. Ihr Betreuer habe zusätzlich noch von Erbsünden gesprochen, so Blattner. Davon, dass etwa ihre Grosseltern etwas Schlimmes getan hätten, für das sie heute noch büssen müsse. Aus diesem Grund nahm Blattner laut dem «Tages-Anzeiger» auch an Dämonenaustreibungen teil. Dazu erzählt sie:
Zu Blattners «Heilung» gehörten aber nicht nur Dämonenaustreibungen. Als letzten Ausweg aus ihrer Homosexualität sei ihr gesagt worden, dass sie einen Mann heiraten müsse, berichtet sie. Und auch auf das hörte die junge Frau. Sie verlobte sich mit einem Mann, doch heute sagt sie dazu: «Es fühlte sich falsch an. Es war nicht fair, mir und ihm gegenüber.»
Was Blattner schlussendlich aus der Selbstverleugnung brachte, war eine Frau:
Diese Freundin habe ihr dann wieder Freude in ihr Leben gebracht. Dies in einer Zeit, als sie mit Suizidgedanken gekämpft habe. Suizid wird in vielen Freikirchen ebenfalls als Sünde angesehen. Die drohende Hölle hält viele Gefährdete mit christlichem Glauben vom Freitod ab. So auch Blattner.
«Ich habe Gott und mich selbst neu kennen gelernt»
Sie habe aber gewusst, dass es mit diesen Gedanken so nicht weitergehen könne. Darum habe sie sich dann eine Seelsorgerin aus der methodistischen Kirche gesucht, die auf queere Personen spezialisiert war. Und endlich habe sich etwas geändert: «Ich habe Gott und mich selbst neu kennen gelernt und kam in Kontakt mit anderen queeren Personen. Das war Ende 2023. Seither fühlte ich mich erstmals akzeptiert», so Blattner im Tages-Anzeiger-Interview.
Trotz allem Erlebten ist Blattner heute nicht wütend auf ihre Seelsorger und Coaches: «Ich denke wirklich, dass sie mir nichts Böses wollten. Sie sind nicht imstande, sich selbst und ihr Weltbild zu hinterfragen.» Wut empfindet die Politikerin nur gegenüber Menschen, die ihr ihr Erlebtes absprechen wollen.
Darum möchte sich die Politikerin heute auch weiterhin für queere Personen einsetzen. Die Frage, ob sie das in der EVP machen will oder ganz aussteigen wird, lässt sie offen. Blattner verrät aber, dass Hilfe für LGBTQIA+-Personen ihrer Ansicht nach auch in der eigenen Partei nötig wäre: «Nach dem Coming-out schrieben mir zwei Personen aus der Partei. Sie würden sich nicht trauen, sich zu outen.»
