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Schweiz
Gesundheit

Die Schweiz muss gut 600'000 Corona-Impfdosen vernichten – die Gründe

Warum die Schweiz mehr als 600'000 Covid-Impfdosen vernichtet und nicht ausliefert

Bei 620'000 Impfstoffen von Moderna ist das Ablaufdatum erreicht. Warum wurden die Dosen nicht in ärmere Länder verschickt? So einfach ist das nicht, aber Epidemiologe Marcel Tanner sagt, jemand müsste nun die Verantwortung übernehmen und anpacken.
01.06.2022, 04:0603.06.2022, 15:44
Bruno Knellwolf / ch media

Wie Medikamente haben auch Impfstoffe ein Ablaufdatum. Danach werden die Arzneimittel in der Regel entsorgt. Beim Aspirin zu Hause sind da viele wohl etwas grosszügiger, exakt eingehalten werden diese Verfalldaten aber bei den Covid-Impfstoffen.

FILE - Vials for the Moderna and Pfizer COVID-19 vaccines are seen at a temporary clinic in Exeter, N.H. on Thursday, Feb. 25, 2021. The Food and Drug Administration has authorized another booster dos ...
Die Schweiz lagert Covid-Impfstoff von Moderna, dessen Verfalldatum bald abläuft. Deshalb muss der Impfstoff vernichtet werden.Bild: keystone

In der Schweiz werden zur Zeit noch rund 6.9 Millionen Impfdosen gelagert. Nach der Beschaffungsstrategie des Bundesrates soll für die Schweizer Bevölkerung jederzeit genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, erklärt Simone Buchmann vom Bundesamt für Gesundheit BAG. «Dies soll auch dann gelten, wenn sich die Lage plötzlich ändern sollte. Damit wird bewusst in Kauf genommen, dass unter Umständen auch zu viel Impfstoff vorhanden ist.»

Bei 620'000 gelagerten Corona-Impfdosen von Moderna läuft aber das Ablaufdatum nächstens ab. Deshalb müssen 420'500 Dosen in der Armeeapotheke und 200'000 in den Kühlschränken der Kantone vernichtet werden. Warum werden diese nicht in andere Länder geliefert? Im Rahmen der Covax-Initiative der UNO, welche für eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe sorgen soll?

15 Millionen Impfdosen ins Ausland

Bereits am 23. Februar 2022 hat der Bundesrat entschieden, maximal 15 Millionen Impfstoffdosen an Covax weiterzugeben. «Die Umsetzung wurde vom BAG umgehend an die Hand genommen», sagt Buchmann. Dazu gehört die Verhandlung von Spendevereinbarungen mit Gavi, einer weltweit tätigen Impfallianz mit Sitz in Genf, und den Herstellerfirmen. «Von den bisher vier Millionen gespendeten AstraZeneca-Dosen hat Gavi bisher 1.7 Millionen Dosen an Empfängerländer ausgeliefert», sagt Buchmann. AstraZeneca-Dosen wurden zu Pandemiebeginn bestellt, aber nie gebraucht.

marcel tanner
Marcel Tanner, Epidemiologe und ehemaliger Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts.Bild: juri junkov

Die Gründe, warum bis jetzt nicht mehr ausgeliefert wurden, sind vielfältig: Simpel ist eine Weitergabe von Impfdosen nicht, sagt der Basler Epidemiologe und ehemalige Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts Marcel Tanner, der Jahrzehnte in Afrika und Asien gearbeitet hat und massgeblich an der Entwicklung eines Malaria-Impfstoffs beteiligt war. «Impfstoffe müssen zum Beispiel gefroren weitergegeben werden, auch richtig verpackt und es braucht Flugzeuge. Das ist aufwendig, aber machbar», sagt Tanner.

Vielerlei Hürden

Dann gibt es formelle und juristische Hürden aufgrund der Verträge der Pharmafirmen. Versicherungs- und Haftungsfragen sind zu klären. Jene Länder, die Impfstoff erhalten, müssen zum Beispiel einwilligen, die Haftung für eventuelle Nebenwirkungen zu übernehmen. «Die logistischen Anforderungen für den Transport und die Lagerung von mRNA-Impfstoffen sind hoch», bestätigt Buchmann. Die notwendige Infrastruktur sei in Staaten mit tieferen Einkommen oftmals nur teilweise vorhanden. «Zudem sind gewisse Gesundheitssysteme nicht darauf angelegt, grossflächige Impfkampagnen durchzuführen», sagt die BAG-Vertreterin.

Nachfrage nimmt auch in Entwicklungsländern ab

Auch sei die Weitergabe von Covid-19-Impfstoff unter anderem abhängig von der Nachfrage. «Derzeit nimmt diese auch in einkommensschwachen Ländern deutlich ab.»

Trotzdem sagt Tanner: «Im Prinzip ist es möglich, überschüssige Impfdosen an Covax abzugeben. Das Prozedere für eine Weitergabe an die Covax ist bekannt. Aber dafür braucht es eine Langzeitplanung.» Das allerdings bedeute, dass man generell die Impfplanung nicht nur aus einer nationalen, sondern einer internationalen Perspektive erstelle. Er sagt:

«Wir leben nicht in einer ersten, zweiten und dritten Welt. Wir leben in einer gemeinsamen Welt.»

So kurz vor Ablauf der Moderna-Impfstoffe sei die Weitergabe nun noch komplizierter. Das bestätigt Buchmann: «Damit die Empfängerstaaten ausreichend Zeit für die Verimpfung haben, fordert Covax die Geberstaaten dazu auf, Impfstoffdosen mit möglichst langer Haltbarkeit zu spenden. Die minimale Vorgabe von Covax ist jedoch, dass die gespendeten Dosen noch mindestens 10 Wochen haltbar sind, wenn diese im Empfängerland ankommen.» Das allein bindet einen Teil der gelagerten Impfstoffe.

Tanner fordert Taten

Überschüssige Dosen abzugeben sei eine Pflicht, sagt der Epidemiologe Tanner. Dafür brauche es statt langer Diskussionen allerdings Taten.

«Das müsste in der Schweiz von höchster Regierungsstelle kommen.»

Jemand müsste die Verantwortung übernehmen und anpacken. So wie auch die Armee die Verteilung der Impfdosen mitorganisiert habe, müsste diese das eigentlich auch für die internationale Auslieferung übernehmen.

Moderna nennt die letzte Meile als grosses Problem

Das Problem hat auch Moderna erkannt. «Die gerechte Verteilung ist nach wie vor ein grosses Problem, und die Schliessung der ‹letzten Meile› bei der Verteilung von Impfstoffen in den Entwicklungsländern stellt nach wie vor eine grosse Hürde dar», sagt ein Mediensprecher von Moderna. Die Zahl an Impfungen ist generell riesig. Weltweit wurden durch die verschiedenen Pharmafirmen etwa 13 Milliarden Dosen Covid-19-Impfstoff hergestellt und davon wurden 11 Milliarden verabreicht.

FILE - A Maasai woman receives the AstraZeneca coronavirus vaccine at a clinic in Kimana, southern Kenya on Aug. 28, 2021. The World Health Organization said Thursday, April 14, 2022 that the number o ...
Eine Masai-Frau in Kenia lässt sich gegen das Coronavirus impfen.Bild: keystone

Moderna könne dieses Problem aber nicht alleine lösen, sei aber bereit, mit anderen zusammen zu arbeiten, um vor Ort eine Lösung zu finden. Moderna verfolgt dafür gemäss dem Mediensprecher eine mehrteilige Strategie. Hier nur die wichtigsten Teile:

Zum einen verzichtet Moderna auf Patente und setzt seine geistigen Eigentumsrechte in diesen Ländern gegenüber eigenen Impfstoffherstellern nicht durch.

Dann baut Moderna eine mRNA-Produktionsanlage in Kenia. «Diese kann bis zu 500 Millionen Dosen pro Jahr herstellen. So verfügt Afrika über eine eigene lokale Impfstoffquelle», sagt der Mediensprecher. Weiter wird an einer neuen Vakzin-Generation geforscht, die nicht mehr so stark gekühlt werden muss, was in Afrika wichtig ist.

In einer globalen Gesundheitsstrategie sollen zudem mRNA-Impfstoffe gegen die 15 wichtigsten Krankheitserreger in Entwicklungsländern wie Tuberkulose, Malaria und HIV entwickelt werden.

Ablaufdatum kann bei Swissmedic verlängert werden

Um die Vernichtung von Impfstoffen zumindest zu verzögern, wäre eine Verlängerung des Ablaufdatums möglich. «Die Hersteller beantragen jeweils aufgrund ihrer Studien ein Verfalldatum des Impfstoffs», sagt Alex Josty von Swissmedic. Wenn später nach der Zulassung neue Studiendaten hinzukommen, kann die Haltbarkeitsdauer verlängert werden. «Dieses Vorgehen zur Verlängerung der Laufzeit ist bei allen neuen Arzneimitteln üblich, nicht nur bei Impfstoffen», sagt Josty.

Zum Zeitpunkt der Zulassung der mRNA-Impfstoffe von Moderna und Pfizer/Biontech lagen erst Daten über wenige Monate vor. Deshalb wurde nur eine kurze Laufzeit genehmigt. Dank der neuen Studiendaten konnte Swissmedic die Haltbarkeit des Pfizer/Biontech-Impfstoffs zum Beispiel von neun auf zwölf Monate verlängert. Beim Moderna-Impfstoff gibt es noch keine solche Verlängerung. (aargauerzeitung.ch)

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Spiderman97
01.06.2022 07:27registriert August 2021
Lieber werden in der reichen Schweiz die Impfstoffe vernichtet, anstatt den Impfwilligen den Booster-Booster zu erlauben. Blöder geht es wirklich nicht mehr...
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