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Kinder? Nöö! Warum sich  junge Frauen unterbinden lassen wollen

Sie sind jung, zufrieden mit ihrem Leben und ohne Kinderwunsch – Sarina May und Nadja Jäggi wollen sich unterbinden lassen. Ihr Problem: Ihre Männer sind skeptisch. Und kein Arzt will es machen.

Rebecca Wyss / Schweiz am Wochenende



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Horror, Angst, Schrei

Frauen, die mit 30 sagen, sie wollten keine Kinder, werden nicht ernst genommen. Dabei sind manche von ihnen so sicher, dass sie sich unterbinden lassen wollen.

Nadja Jäggi will keine Kinder. Das weiss die Kindergärtnerin seit vielen Jahren. «Ich hatte beruflich immer so viele Kinder um mich herum, dass ich zu Hause nicht auch noch welche wollte.» Trotzdem hat sie das Thema lange hinausgeschoben, auf später vertagt. Sie hatte das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. «Wenn man mit Mitte 20 sagt, man wolle nicht Mutter werden, winken alle ab und sagen, das komme noch.»

Mittlerweile ist Nadja, die ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte, 33 Jahre alt. Gemeldet hat sich der Kinderwunsch nicht. Im Gegenteil. Sie will dem Thema endgültig einen Riegel schieben: Nadja will sich unterbinden lassen. «Ich habe so viele Jahre mit Hormonen verhütet, darauf habe ich keine Lust mehr. Ich möchte eine endgültige Lösung.»

Auch Sarina May, 30, will diesen Weg gehen. Sarina ist seit zehn Jahren mit ihrem Ehemann zusammen. Beide sind erfolgreich im Job. Sie seit kurzem als Selbstständige mit einem Softwareunternehmen, er als DJ. Ein Power-Paar. Kinder? Nein, danke. «Für mich ist es unvorstellbar, so viele Jahre meines Lebens für ein Kind zu opfern», sagt sie.

Es zu erziehen, zu bilden, zu versorgen, sich ganz nach ihm auszurichten. Für all das müsste sie ein grosses Stück ihrer eigenen Freiheit aufgeben. «Das will ich nicht.» Für sie steht fest: «Je früher ich die Unterbindung machen kann, desto besser.»

Später kommt die Reue

Nadja und Sarina schwimmen gegen den Strom. Schweizer Frauen und Männer wollen Mutter und Vater sein oder noch werden. Schon in jungen Jahren. Nur sechs Prozent der 20- bis 29-Jährigen wollen laut einer Befragung des Bundesamts für Statistik (BFS) keine Kinder. Alle anderen haben ihn, den Kinderwunsch.

Auch wenn sie sich diesen erst spät erfüllen: im Durchschnitt die Frau mit knapp 32 Jahren, der Mann mit 35 Jahren. Manche können ihn erst nach langer Zeit oder gar nicht verwirklichen. Immer mehr versuchen Paare dann, sich anders zu helfen. Mit künstlicher Befruchtung zum Beispiel. Deren Zahl hat sich innerhalb eines Jahrzehnts fast verdoppelt. 2002 unterzogen sich laut BFS rund 3400 Paare einer In-vitro-Fertilisation. In der aktuellsten Statistik aus dem Jahr 2014 waren es mehr als 6300 Paare pro Jahr.

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Träumt nicht davon, Mutter zu werden: Sarina May, 30. zug

Sarina hat sich wegen der Unterbindung jetzt bei der Frauenärztin angemeldet, Nadja war vor einigen Wochen schon da. Die Spezialistin sollte sie über die Vor- und Nachteile sowie die Risiken einer Unterbindung aufklären. Weit kam das Gespräch nicht. «Die Ärztin blockte sofort ab», berichtet Nadja. «Sie sagte, ich sei zu jung und ich würde keinen finden, der es macht.»

Patrick Rittmann, leitender Arzt der Frauenklinik des Zuger Kantonsspitals, wundert das nicht. «Auch wir sind zurückhaltend, wenn es um eine Unterbindung bei einer jungen Frau geht», sagt er. «Ich sehe immer wieder Frauen, die den Eingriff rückgängig machen wollen.» Frauen, die sich nach ihrem letzten Kind haben operieren lassen und dann einen neuen Partner kennen gelernt haben. Mit diesem wollen sie nun wieder eine Familie gründen.

Dieses Szenario haben laut Rittmann viele Ärzte vor Augen, wenn es um Frauen zwischen 20 und 30 geht. Ein Mensch verändert sich, genauso wie seine Lebensumstände. Plötzlich haben die Freundinnen alle Kinder, oder man trifft den Mann fürs Leben. Plötzlich ist er dann doch da, der Kinderwunsch. Laut Rittmann halten sich die Mediziner deshalb an eine Faustregel: «Eine Unterbindung kommt dann infrage, wenn die Frau mindestens 30 Jahre alt ist und zwei Kinder geboren hat.» Gemäss Gesetz müssen Sterilisationswillige mindestens 18 Jahre alt und mündig sein.

Sarina May kann die Befürchtungen der Ärzte nachvollziehen, obschon sie auch sagt: «Ich weiss jetzt schon, dass ich in zehn Jahren nicht anders fühlen werde.» Nadja Jäggi hingegen ärgert sich: «Es ist anmassend und nicht richtig, wenn ein Arzt über mein Schicksal entscheidet. Ich fühle mich als erwachsene Frau nicht ernst genommen.»

Die beiden Frauen sind sich ihrer Sache sicher, trotzdem ist ihr Entscheid kein einfacher. Zumal sie verheiratet sind. Wie gehen die Ehemänner damit um? «Mein Mann hätte anfangs gerne Kinder gehabt, am liebsten Zwillinge, am liebsten gleich heute», sagt Sarina. Mit der Zeit habe er selbst gesehen, dass das Leben zu zweit, das sie sich zusammen aufgebaut hätten, so stimme.

«Mein Partner hat mit der Kinderfrage noch nicht abgeschlossen», sagt Nadja. Einige Male sassen sie und ihr Liebster sich schon am Küchentisch gegenüber und besprachen ihre Bedenken. Er, der zwar keinen Kinderwunsch verspürt, ihr aber von Facebook-Posts seiner männlichen Freunde erzählt. In denen diese die Vaterschaft als «das Schönste in deren Leben» beschreiben.

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Er, der sie fragt: «Meinst du nicht, wir verpassen etwas und bereuen unseren Entscheid später?» Sie, die ihn versteht: «Ich will nicht über seinen Kopf hinweg entscheiden.» Sie, die die Hoffnung hat, dass er später seine Meinung noch ändert. Was sagt er zur Unterbindung? «Er findet es nicht gut.» Ihr Mann wolle sich fünf weitere Jahre Zeit geben, um sicher zu gehen, dass er sich nicht doch etwas verbaue.

Die Mediziner stellen sich quer, die Ehemänner sind nur mit halbem Herz dabei – wenn eine junge Frau eine Unterbindung machen lassen will, läuft sie auf. Allein schon mit der gewollten Kinderlosigkeit stösst sie an gesellschaftliche Grenzen. Immer wieder kommt die eine Frage: Haben Sie (auch) Kinder? «Ich habe mir schon überlegt, ob ich sagen solle, ich könne keine bekommen», sagt Sarina May. Die Frage nach dem Nachwuchs und das anschliessend zögerliche «Ahaaa» oder das «Warum nicht?» – all das kommt meist von Frauen, sagt Sarina.

Kinderlose «sind komisch»

Der Soziologe Klaus Preisner hat eine Erklärung dafür: «Es ist auch heute noch eine gesellschaftliche Normvorstellung, dass Kinder zu einem erfüllten Leben gehören und eine Frau erst durch Mutterschaft komplett ist.» Frauen identifizierten sich viel stärker mit der Mutterrolle, als dies Männer mit der Väterrolle täten. «Bei Frauen erfährt man schnell, dass sie Kinder haben. Oder eben keine. Bei Männern ist das anders.» Deshalb bewerteten Frauen weibliche Kinderlose eher als komisch. Oft unbewusst.

Die stärkere Identifikation kommt nicht von ungefähr. «Das Leben eines Mannes verändert sich mit der Vaterschaft weniger als jenes der Frau mit der Mutterschaft», sagt Preisner. Männer pflegten nach der Geburt in etwa die gleichen Freundschaften und arbeiteten fast gleich viel. Bei Frauen ist das anders. Die meisten reduzieren ihr Arbeitspensum auf zwei, drei Tage und suchen sich Freundinnen, die auch Kinder haben.

Das bekommt Nadja Jäggi immer wieder zu spüren. Sie ist eine der wenigen kinderlosen Frauen in ihrem Freundeskreis. «Ich treffe mich nicht mehr gerne mit befreundeten Müttern.» Schnell drehe sich das Gespräch nur noch um die Kinder. «Ich sitze stumm daneben und fühle mich ausgeschlossen.» Es komme ihr vor, als wären alle Mütter Teil eines Klubs, dem sie nicht angehöre. Deshalb sei es auch schwierig für sie, wenn sie höre, dass wieder eine schwanger sei. «Wieder eine mehr, die Mitglied wird und die ich dann als Freundin verliere.» (aargauerzeitung.ch)

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