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Schweizer Arzt setzte 8 Menschen Luftröhren ein – 7 davon sind gestorben

STOCKHOLM 20230621 Italienske kirurgen Paolo Macchiarini vid en presskonferens med anledning av domen i malet mellan Aklagarmyndigheten och Paolo Macchiarini som meddelades av Svea hovrätt pa onsdagen ...
Muss ins Gefängnis wegen Körperverletzung: Paolo Macchiarini. Bild: www.imago-images.de

Schweizer Arzt setzte 8 Menschen neue Luftröhren ein – nach der OP sind 7 davon gestorben

Einst galt der Arzt Paolo Macchiarini als Überflieger, heute ist klar, dass er in einigen Fällen skrupellos gehandelt hatte. Die neue Netflix-Doku «Bad Surgeon» entlarvt die Lügen des Chirurgen.
06.12.2023, 19:3116.12.2023, 09:18
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Paolo Macchiarinis Ex-Verlobte, Benita Alexander, tritt in der Dokumentation über den in Basel geborenen Arzt als Protagonistin auf. Macchiarinis Eltern stammen aus Italien. Benita Alexander ist US-Amerikanerin und arbeitet als Journalistin, sie lernte Macchiarini 2013 während der Dreharbeiten für einen TV-Beitrag kennen.

Sie erzählt den Zuschauern alles über Macchiarini: der Chirurg, dessen Zukunft einst so vielversprechend schien. Eigenen Angaben zufolge studierte er in Pisa und in Birmingham, Alabama. Dann habe er in Besançon, Frankreich, geforscht und promoviert.

Macchiarinis Ex-Verlobte, Benita Alexander.
Macchiarinis Ex-Verlobte, Benita Alexander. Bild: Screenshot Instagram/benitaalexander_official

Er operierte Menschen in der ganzen Welt: in den USA, UK, Russland und Südafrika. 2010 wurde er bejubelt, denn er habe angeblich eine bahnbrechende neue Methode der Luftröhren-Transplantation entdeckt. Dabei setzte er seinen Patienten künstliche Luftröhren ein, deren Gewebe aus Stammzellen gezüchtet worden seien.

Jahre später wird klar, dass seine Methode nicht bahnbrechend, sondern für viele seiner Patienten verheerend war. Denn Macchiarini hatte seine Transplantationserfolge und Forschung zum Teil klar gefälscht.

Letzte Hoffnung: Paolo Macchiarini

In der Netflix-Doku erzählen auch verschiedene Angehörige von Patientinnen und Patienten von ihren Begegnungen mit Macchiarini. Ihre verstorbenen Familienmitglieder hatten Krebs, oder andere unheilbare Krankheiten. Die Prognosen, welche andere Ärztinnen machten, waren schlecht.

Nur einer konnte ihnen Hoffnung schenken: Paolo Macchiarini. Alle zeichnen das gleiche Bild von ihm, er sei anfänglich ein charismatischer und professioneller Arzt gewesen.

Ein ABC-Beitrag über Macchiarini aus dem Jahr 2010

Der US-Amerikaner Chris Lyle war Macchiarinis Patient, seine Mutter und Schwester treten ebenfalls in der Dokumentation auf. Lyle hatte einen Tumor in der Luftröhre.

Sein Schwager stiess während seiner Recherchen auf einen Beitrag von ABC-News, er kontaktierte Macchiarini. Dieser bot seine Hilfe an und operierte Chris Lyle 2011 im renommierten Karolinska-Spital in Stockholm. Lyle und seine Familie waren hoffnungsvoll, denn schliesslich gehört das Karolinska-Institut zu den angesehensten medizinischen Universitäten Europas und ist überdies der Sitz des Nobelpreis-Komitees.

Macchiarini setzte Lyle eine Plastikluftröhre ein, auf welcher scheinbar menschliche Stammzellen angesiedelt waren. Zuerst schien es, als sei die Operation gelungen, wenige Monate nach der Behandlung verstarb Lyle jedoch. Seine Mutter und Schwester seien nach der Operation noch in ständigem Austausch mit Macchiarini gewesen.

«Meine Kehle verwest»

Je mehr die Zuschauerinnen und Zuschauer über Macchiarini erfahren, desto skurriler wird die Geschichte. Seine Ex-Verlobte Benita Alexander erklärt, dass er auch Barack Obama, Bill Clinton und sogar Papst Franziskus behandeln würde, das alles sei aber höchst geheim. Zudem hätte Macchiarini verkündet, dass sie der Papst höchstpersönlich trauen würde.

Beruflich konnte Macchiarini seinen Schein wahren. Er reiste im Jahr 2012 nach Russland und filmte dort einen Dokumentarfilm über eine Transplantation. Er, der Halbgott in Weiss, setzte Julia Tuulik eine neue Luftröhre aus Plastik ein. Tuulik war eine junge Mutter, deren Leben nach einem Unfall erschwert wurde, weil ihre Luftröhre beschädigt war.

Im Dokumentarfilm über den Arzt wurde die Prozedur als Erfolgsgeschichte geschildert. Die Realität hingegen war tragisch. Noch vor der Premiere der Dokumentation schrieb Tuulik in einem Brief:

«Drei Wochen nach der ersten Operation öffnete sich eine eitrige Fistel und seitdem verwest meine Kehle. Ich wiege 47 Kilo. Ich kann kaum laufen. Ich habe Atemprobleme und kann nicht mehr sprechen. Und ich rieche so schlecht, dass Menschen vor mir zurückweichen.»

Wenige Monate nach der Operation ist auch Tuulik verstorben. Sie und Lyle waren nicht die Einzigen, deren Körper die künstliche Luftröhre abstiess: Zwischen 2011 und 2014 hatte Macchiarini bei mindestens acht Patienten und Patientinnen Plastikluftröhren eingesetzt. Viele von ihnen waren unheilbar krank, alternative Heilungsmöglichkeiten gab es nur selten. Drei der Operationen fanden am Karolinska-Institut in Stockholm statt. Sieben Patienten starben, nur einer überlebte – seine künstliche Luftröhre wurde wieder entfernt.

So flog alles auf

Macchiarinis Umfeld wurde skeptisch. Seine Mitarbeiter im Karolinska-Institut stellten seine Forschung infrage. Hatte er wirklich Tierversuche durchgeführt, bevor er begann, Menschen künstliche Luftröhren einzusetzen?

Einige seiner Mitarbeiter, die in der Netflix-Doku auftreten, sind der Meinung, dass seine Patientinnen und Patienten seine Versuchskaninchen gewesen seien und er vorab mangelhafte bis gar keine Forschung durchgeführt hatte.

Doch laut verschiedenen Medienberichten, unter anderem der Aargauer Zeitung, habe das Karolinska-Institut die Warnungen von Wissenschaftern und Whistleblowern ignoriert und den Betrug später zu vertuschen versucht. Es habe schliesslich von der Publicity profitiert: Die scheinbaren Erfolge seien ausschlaggebend gewesen für eine Spende von 50 Millionen US-Dollar aus China.

Schweden, Chirurg Paolo Macchiarini in Stockholm vor Gericht The surgeon Paolo Macchiarini at Svea Court of Appeal in Stockholm, Sweden, April 21, 2021 for the fifth day of the trial. The surgeon was  ...
Macchiarini während seines Gerichtsprozesses.Bild: www.imago-images.de

Im Jahr 2016 wurde Macchiarini entgültig entlarvt – seine Ex-Verlobte arbeitete mit der «Vanity Fair» zusammen und schilderte exklusive Details. Die «Vanity Fair» titelte: «The Celebrity Surgeon Who Used Love, Money, and the Pope to Scam an NBC News Producer». Zu Deutsch: «Der Star-Arzt, der Liebe, Geld und den Papst benutzte, um eine NBC-Produzentin zu betrügen».

Das Urteil

Macchiarinis Kartenhaus zerfiel – geschäftlich wie auch privat. Denn plötzlich wurde bekannt, dass Macchiarini nicht nur seine Patientinnen und Patienten belog, sondern auch verschiedene Frauen betrogen und belogen hatte. Nebst seiner Ex-Verlobten hatte Macchiarini nämlich noch eine Frau und Tochter in Italien. Besonders brisant: Seine Frau in Italien war die Mutter eines Patienten, der ebenfalls von Macchiarini operiert wurde und später verstarb.

Das Ende der nervenaufreibenden Netflix-Doku: Ein Gericht in Stockholm entschied im Juni 2023, dass Macchiarini wegen schwerer Körperverletzung zweieinhalb Jahre Haft absitzen muss. Mindestens zwei seiner Patienten hätten ohne die Transplantationen länger leben können. Bei einem weiteren Patienten sei der Eingriff trotz medizinischer Notlage «unverantwortlich» gewesen. Macchiarini hat Berufung eingelegt gegen dieses Urteil. (jub)

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Musiker spielt Saxophon –während er am Hirn operiert wird
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38 Kommentare
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Stargoli
06.12.2023 20:06registriert Januar 2015
Für Menschen mit hohem Gerechtigkeitssinn, wie es hier genannt wird, werden die 2,5 Jahre Haft wohl zu wenig sein (ja ich zähle mich dazu).
Meine Meinung stützt sich aber nur auf diesen Artikel.
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Remus
06.12.2023 21:18registriert Dezember 2016
Die Doku ist sehr erschreckend. Diese "Luftröhre" die er eingebaut hat, war vom Material her schlechter, als das was für Abflussrohre benutzt wird. Ausserdem hatten diverse Lieferungen dieser "Luftröhren" Material- und Herstellungsfehler. Und er wusste dies und baute diese trotzdem ein. 2 1/2 Jahre sind lächerlich.
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homo sapiens melior
06.12.2023 19:52registriert Februar 2017
2,5 Jahre für so viel Rücksichtslosigkeit mit Todesfolge? Mir scheint, die Gerichte in Schweden sind auch nicht anständiger als die in der Schweiz. Verdonnert werden immer nur die Kleinen, bei den Grossen reichen Pro-Forma-Urteile.
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