Streit wegen Crans-Montana: So provozieren italienische Medien gerade Schweizer Politiker
Als Filippo Lombardi am letzten Freitag in der Sendung «Dritto e Rovescio» (Vorhand und Rückhand) des italienischen Privatsenders Rete 4 zu Crans-Montana auftritt, geht es Moderator Paolo Del Debbio nicht darum, den Stadtrat von Lugano möglichst ausgewogen zu befragen. Im Gegenteil. Der ehemalige Ständerat soll offensichtlich blossgestellt werden – als Vertreter einer reichen und empathielosen Schweiz. Der Dialog verdeutlicht das:
Moderator: Das Wallis hat für jede verletzte oder verstorbene Person eine Entschädigung von 10'700 Euro gesprochen – mit Wartezeiten von 10 bis 15 Jahren. (Pause) 10'700 Euro. (Zeichnet mit der Hand einen Strich)
Lombardi: Sie sind nicht gut informiert ...
Moderator (ironisch): Ah ... sicher.
Lombardi: Sie verbreiten da Fake News. Bitte lassen Sie mich das klarstellen.
Moderator: Sagen Sie, welche Zahl richtig ist.
Lombardi: Die Zahl ist richtig, aber sie steht nicht für das, was Sie sagen.
Moderator (ironisch): Sicher.
Lombardi: Normalerweise müssen Opfer bei den Behörden einen Antrag stellen. Doch hier hat der Kanton sofort reagiert, aktiv den Kontakt zu den Opfern und ihren Familien aufgenommen und bedingungslos Soforthilfe gewährt.
Moderator: Das ist skandalös.
Lombardi: Lassen Sie mich ausreden ...
Moderator: Das ist skandalös. Diese Summe ist ein Almosen. Der Kanton soll diese Summe behalten, wir kümmern uns selber darum. (Applaus im Studio)
Lombardi (Zornesröte steigt in sein Gesicht, er ballt die Fäuste, spricht immer lauter): Sie reden Unsinn. Sie reden Unsinn. Der Kanton gibt 10 Millionen aus für unmittelbare Ausgaben.
Moderator: Ja. Sicher. Almosen.
Lombardi: Zudem wird eine Stiftung gegründet. Es gibt bereits zahlreiche private Spender. Der Bund hat ebenfalls seine Bereitschaft angekündigt, zu zahlen. Es geht um hunderte von Millionen Franken.
Moderator (ironisch): Bravo! Bravo! (Wendet sich demonstrativ von Lombardi ab)
Das Problem mit der Pasta all'Amatriciana
Ähnliche Erfahrungen mit italienischen Fernsehjournalisten macht auch der Tessiner FDP-Nationalrat Alex Farinelli. Als die italienische Regierung am 26. Januar in einer Medienmitteilung fordert, es müsse gemeinsame italienisch-schweizerische Ermittlungen in Crans-Montana geben, damit der nach Rom berufene Botschafter Gian Lorenzo Cornado wieder in die Schweiz zurückkehre, wird er auf «60 Minuti» beim Tessiner Sender RSI 2 ungewöhnlich deutlich. «Auf diesen Frontalangriff muss man ganz klar reagieren», betont er. «Wir lassen uns nicht von einem anderen Land erpressen. Wenn der italienische Botschafter in Rom bleiben muss, kann er meiner Meinung nach weiterhin Pasta all'Amatriciana essen.»
Mit der Pasta all'Amatriciana spricht er auf eine klassische römische Spezialität an, die im 19. Jahrhundert aus Amatrice in den Abbruzzen nach Rom kam und sich dort in den Küchen ausbreitete. Den Satz mit der Pasta entdeckte Rai 3, der dritte Kanal des öffentlich-rechtlichen Senders Italiens. Die 30 Sekunden lösten bei den Zuschauern Entrüstung aus. Rai 3 wollte deshalb Farinelli in der Talkshow von Moderator Massimo Giletti haben. Doch dieser sagte ab. Mit Folgen.
Zwei Journalisten von Rai 3 reisten in Farinellis Heimatdorf Comano und suchten dort zwei Tage lang den Nationalrat. Bis die Polizei auftauchte und die beiden fragte, was sie hier tun. In einem Beitrag in Rai 3 sagten die Journalisten, es sei Farinelli gewesen, der die Polizei gerufen habe.
Das dementiert dieser. «Ich habe die Polizei nicht gerufen», betont er. «Doch wenn in einem kleinen Tessiner Dorf zwei unbekannte Personen zwei Tage lang einfach herumstehen, fragt sich die Bevölkerung: Was wollen die hier?» Dass dann jemand die Polizei rufe, sei durchaus üblich.
Die Journalisten seien «ohne jede Vorankündigung» ins Tessin gekommen und hätten erst vor Ort den Kontakt mit ihm gesucht, betont Farinelli. Mit diesem Vorgehen habe Rai 3 «die Verhältnismässigkeit verloren». Diese Aktion gehe schlicht zu weit. «Ich bin ja nicht der Gemeindepräsident von Crans-Montana.»
Farinelli räumt allerdings ein, dass der Satz mit der Pasta all'Amatriciana «nicht besonders geschickt» gewesen sei. Gleichzeitig betont er aber: «Es ist inakzeptabel, dass uns ein befreundeter Staat so behandelt. Hier geht es um italienischen Wahlkampf.»
Filippo Lombardi wiederum verteidigt Farinelli zwar, sagt aber auch: «Er hat das Bonmot mit der Pasta all'Amatriciana zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt geäussert. Die italienischen Sender wiederholen jetzt diese 30 Sekunden seit zwei Wochen, und man versteht es falsch.» Er selbst hätte das Bonmot anders formuliert: «Ich freue mich darüber, mit dem italienischen Botschafter im Restaurant Luce in Bern eine Pasta all'Amatriciana zu essen, sobald er wieder hier ist.»
Lombardi will der Schweiz helfen
Lombardi selbst trat dreimal im italienischen Fernsehen auf zu Crans-Montana: zweimal auf Rete 4 und einmal bei Rai 3. Einmal reiste er dafür eigens nach Rom. Er tat dies aus eigenem Antrieb. «Wenn dein eigenes Land Fehler gemacht hat und sich in einer schwierigen Lage befindet», betont er, «muss jemand aus der Schweizer Politik sein Gesicht zeigen.»
Als traumatisch hat er seinen Auftritt bei Rete 4 und Moderator Paolo Del Debbio zwar nicht erlebt. Dafür ist Lombardi als Journalist und Verwaltungsratspräsident von Teleticino zu wetterfest. Dennoch sagt er: «Es scheint leider absolut unmöglich zu sein, die Situation aus Schweizer Sicht in Italien zu erklären. Die Emotionen und die Polemik überwiegen ständig, und das ist sehr frustrierend.»
In seiner eigenen Analyse kommt aber die Schweiz auch nicht gut weg. «Das Schweizer System scheint versagt zu haben, angefangen bei der Gemeinde und der Walliser Staatsanwaltschaft», sagt Lombardi. Seine Folgerung: «Wir müssen unser System anpassen.»
Lombardi kritisiert auch das fehlende Mitgefühl des Landes. «Die Schweiz muss mehr Empathie zeigen den Opfern gegenüber, auch gegenüber Schweizer Opfern», sagt er. Für Juristen seien in einem solchen Fall Jahre «kein Problem». Ganz anders sehe das bei den Opfern aus: «Für sie ist jeder vergangene Tag eine Ewigkeit.»
Parmelin reist nach Mailand – aber nur für Olympia
Erstaunlicherweise hat die Staatsanwaltschaft Rom in ihrem Rechtshilfeersuchen nicht um die Einsetzung eines gemeinsamen Ermittlungsteams gebeten. Das schreibt das Bundesamt für Justiz. Mitte Februar werde es aber ein erstes technisches Treffen geben zwischen den Strafbehörden beider Länder. «Im Rahmen dieses Treffens wird auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe besprochen.»
Schon zuvor reist Bundespräsident Guy Parmelin nach Mailand an die Olympischen Winterspiele von Mailand Cortina 2026. Er nimmt dort an einem Empfang des Internationalen Olympischen Komitees teil, besucht die Eröffnungszeremonie, trifft sich mit dem italienischen Präsidenten Sergio Mattarella und trifft Schweizer Athletinnen und Athleten.
Zumindest nicht im offiziellen Programm enthalten ist ein Besuch im Ospedale Niguarda Ca'Granda in Mailand. Dort liegen die italienischen Schwerverletzten der Brandkatastrophe von Crans-Montana.
