Schweiz
International

Crans-Montana: Italienische Medien provozieren Schweizer Politiker

Streit wegen Crans-Montana: So provozieren italienische Medien gerade Schweizer Politiker

Die italienischen Medien schüren die Empörung gegen die Schweiz gezielt. Alt-Ständerat Lombardi kam bei einem Auftritt kaum zu Wort. Und Rai 3 ging ins Dorf eines Nationalrats, bis die Polizei kam.
06.02.2026, 06:4406.02.2026, 06:44
Othmar von Matt / ch media

Als Filippo Lombardi am letzten Freitag in der Sendung «Dritto e Rovescio» (Vorhand und Rückhand) des italienischen Privatsenders Rete 4 zu Crans-Montana auftritt, geht es Moderator Paolo Del Debbio nicht darum, den Stadtrat von Lugano möglichst ausgewogen zu befragen. Im Gegenteil. Der ehemalige Ständerat soll offensichtlich blossgestellt werden – als Vertreter einer reichen und empathielosen Schweiz. Der Dialog verdeutlicht das:

Rete-4-Moderator Paolo Del Debbio wendet sich demonstrativ ab und lässt den tobenden Filippo Lombardi ins Leere laufen.
Rete-4-Moderator Paolo Del Debbio wendet sich demonstrativ ab und lässt den tobenden Filippo Lombardi ins Leere laufen.Bild: rete 4
Rete-4-Moderator Paolo Del Debbio wendet sich demonstrativ ab und lässt den tobenden Filippo Lombardi ins Leere laufen.
Filippo Lombardi versucht mit seinen Argumenten zu Crans-Montanta durchzudringen, doch Rete-4-Moderator Paolo Del Debbio ist gar nicht interessiert an seinen Antworten.Bild: rete 4

Moderator: Das Wallis hat für jede verletzte oder verstorbene Person eine Entschädigung von 10'700 Euro gesprochen – mit Wartezeiten von 10 bis 15 Jahren. (Pause) 10'700 Euro. (Zeichnet mit der Hand einen Strich)

Lombardi: Sie sind nicht gut informiert ...

Moderator (ironisch): Ah ... sicher.

Lombardi: Sie verbreiten da Fake News. Bitte lassen Sie mich das klarstellen.

Moderator: Sagen Sie, welche Zahl richtig ist.

Lombardi: Die Zahl ist richtig, aber sie steht nicht für das, was Sie sagen.

Moderator (ironisch): Sicher.

Lombardi: Normalerweise müssen Opfer bei den Behörden einen Antrag stellen. Doch hier hat der Kanton sofort reagiert, aktiv den Kontakt zu den Opfern und ihren Familien aufgenommen und bedingungslos Soforthilfe gewährt.

Moderator: Das ist skandalös.

Lombardi: Lassen Sie mich ausreden ...

Moderator: Das ist skandalös. Diese Summe ist ein Almosen. Der Kanton soll diese Summe behalten, wir kümmern uns selber darum. (Applaus im Studio)

Lombardi (Zornesröte steigt in sein Gesicht, er ballt die Fäuste, spricht immer lauter): Sie reden Unsinn. Sie reden Unsinn. Der Kanton gibt 10 Millionen aus für unmittelbare Ausgaben.

Moderator: Ja. Sicher. Almosen.

Lombardi: Zudem wird eine Stiftung gegründet. Es gibt bereits zahlreiche private Spender. Der Bund hat ebenfalls seine Bereitschaft angekündigt, zu zahlen. Es geht um hunderte von Millionen Franken.

Moderator (ironisch): Bravo! Bravo! (Wendet sich demonstrativ von Lombardi ab)

Das Problem mit der Pasta all'Amatriciana

Ähnliche Erfahrungen mit italienischen Fernsehjournalisten macht auch der Tessiner FDP-Nationalrat Alex Farinelli. Als die italienische Regierung am 26. Januar in einer Medienmitteilung fordert, es müsse gemeinsame italienisch-schweizerische Ermittlungen in Crans-Montana geben, damit der nach Rom berufene Botschafter Gian Lorenzo Cornado wieder in die Schweiz zurückkehre, wird er auf «60 Minuti» beim Tessiner Sender RSI 2 ungewöhnlich deutlich. «Auf diesen Frontalangriff muss man ganz klar reagieren», betont er. «Wir lassen uns nicht von einem anderen Land erpressen. Wenn der italienische Botschafter in Rom bleiben muss, kann er meiner Meinung nach weiterhin Pasta all'Amatriciana essen.»

Mit der Pasta all'Amatriciana spricht er auf eine klassische römische Spezialität an, die im 19. Jahrhundert aus Amatrice in den Abbruzzen nach Rom kam und sich dort in den Küchen ausbreitete. Den Satz mit der Pasta entdeckte Rai 3, der dritte Kanal des öffentlich-rechtlichen Senders Italiens. Die 30 Sekunden lösten bei den Zuschauern Entrüstung aus. Rai 3 wollte deshalb Farinelli in der Talkshow von Moderator Massimo Giletti haben. Doch dieser sagte ab. Mit Folgen.

Zwei Journalisten von Rai 3 reisten in Farinellis Heimatdorf Comano und suchten dort zwei Tage lang den Nationalrat. Bis die Polizei auftauchte und die beiden fragte, was sie hier tun. In einem Beitrag in Rai 3 sagten die Journalisten, es sei Farinelli gewesen, der die Polizei gerufen habe.

Nationalrat Alex Farinelli, FDP-TI, spricht an der Delegiertenversammlung der FDP Die Liberalen Schweiz, am Samstag, 18. Januar 2025 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Der Tessiner FDP-Nationalrat Alex Farinelli.Bild: keystone

Das dementiert dieser. «Ich habe die Polizei nicht gerufen», betont er. «Doch wenn in einem kleinen Tessiner Dorf zwei unbekannte Personen zwei Tage lang einfach herumstehen, fragt sich die Bevölkerung: Was wollen die hier?» Dass dann jemand die Polizei rufe, sei durchaus üblich.

Die Journalisten seien «ohne jede Vorankündigung» ins Tessin gekommen und hätten erst vor Ort den Kontakt mit ihm gesucht, betont Farinelli. Mit diesem Vorgehen habe Rai 3 «die Verhältnismässigkeit verloren». Diese Aktion gehe schlicht zu weit. «Ich bin ja nicht der Gemeindepräsident von Crans-Montana.»

Farinelli räumt allerdings ein, dass der Satz mit der Pasta all'Amatriciana  «nicht besonders geschickt» gewesen sei. Gleichzeitig betont er aber: «Es ist inakzeptabel, dass uns ein befreundeter Staat so behandelt. Hier geht es um italienischen Wahlkampf.»

Filippo Lombardi wiederum verteidigt Farinelli zwar, sagt aber auch: «Er hat das Bonmot mit der Pasta all'Amatriciana zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt geäussert. Die italienischen Sender wiederholen jetzt diese 30 Sekunden seit zwei Wochen, und man versteht es falsch.» Er selbst hätte das Bonmot anders formuliert: «Ich freue mich darüber, mit dem italienischen Botschafter im Restaurant Luce in Bern eine Pasta all'Amatriciana zu essen, sobald er wieder hier ist.»

Lombardi will der Schweiz helfen

Lombardi selbst trat dreimal im italienischen Fernsehen auf zu Crans-Montana: zweimal auf Rete 4 und einmal bei Rai 3. Einmal reiste er dafür eigens nach Rom. Er tat dies aus eigenem Antrieb. «Wenn dein eigenes Land Fehler gemacht hat und sich in einer schwierigen Lage befindet», betont er, «muss jemand aus der Schweizer Politik sein Gesicht zeigen.»

Der Tessiner CVP-Politiker Filippo Lombardi wurde beim zweiten Ständeratswahlgang nur ganz knapp nicht in die kleine Kammer wiedergewählt. Ein Tessiner Anwalt und CVP-Politiker zieht das Wahlergebnis  ...
Mitte-Politiker Filippo Lombardi.Bild: KEYSTONE

Als traumatisch hat er seinen Auftritt bei Rete 4 und Moderator Paolo Del Debbio zwar nicht erlebt. Dafür ist Lombardi als Journalist und Verwaltungsratspräsident von Teleticino zu wetterfest. Dennoch sagt er: «Es scheint leider absolut unmöglich zu sein, die Situation aus Schweizer Sicht in Italien zu erklären. Die Emotionen und die Polemik überwiegen ständig, und das ist sehr frustrierend.»

In seiner eigenen Analyse kommt aber die Schweiz auch nicht gut weg. «Das Schweizer System scheint versagt zu haben, angefangen bei der Gemeinde und der Walliser Staatsanwaltschaft», sagt Lombardi. Seine Folgerung: «Wir müssen unser System anpassen.»

Lombardi kritisiert auch das fehlende Mitgefühl des Landes. «Die Schweiz muss mehr Empathie zeigen den Opfern gegenüber, auch gegenüber Schweizer Opfern», sagt er. Für Juristen seien in einem solchen Fall Jahre «kein Problem». Ganz anders sehe das bei den Opfern aus: «Für sie ist jeder vergangene Tag eine Ewigkeit.»

Parmelin reist nach Mailand – aber nur für Olympia

Erstaunlicherweise hat die Staatsanwaltschaft Rom in ihrem Rechtshilfeersuchen nicht um die Einsetzung eines gemeinsamen Ermittlungsteams gebeten. Das schreibt das Bundesamt für Justiz. Mitte Februar werde es aber ein erstes technisches Treffen geben zwischen den Strafbehörden beider Länder. «Im Rahmen dieses Treffens wird auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe besprochen.»

Schon zuvor reist Bundespräsident Guy Parmelin nach Mailand an die Olympischen Winterspiele von Mailand Cortina 2026. Er nimmt dort an einem Empfang des Internationalen Olympischen Komitees teil, besucht die Eröffnungszeremonie, trifft sich mit dem italienischen Präsidenten Sergio Mattarella und trifft Schweizer Athletinnen und Athleten.

epa12638509 Swiss Federal President Guy Parmelin (R) delivers remarks during an official commemorative ceremony as part of a national day of mourning following the deadly fire at the 'Le Constell ...
Bundespräsident Guy Parmelin, hier an der Gedenkfeier in Martigny, bietet sich bald die Gelegenheit, italienische Brandopfer zu besuchen.Bild: keystone

Zumindest nicht im offiziellen Programm enthalten ist ein Besuch im Ospedale Niguarda Ca'Granda in Mailand. Dort liegen die italienischen Schwerverletzten der Brandkatastrophe von Crans-Montana.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
157 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Raki
06.02.2026 07:00registriert Januar 2024
Man sollte die italientischen Provokationen und die gezielte Empörungsbewirtschaftung einfach ignorieren und sich auf die Ermittlungen und die Opfer konzentrieren. Dann wird es kurz etwas lauter und schriller aus Italien und verebbt dann, da das nächste Thema oder der nächste Skandal ins mediale und politische Blickfeld gerät. Warum sich (ehem.) Schweizer Politiker so aufs Glatteis führen lassen um den italienischen Medienzirkus am Laufen zu halten, erschliesst sich mir nicht. Politische Schreihälse sollte man schreien lassen, bis sie ne wunde Kehle haben und merken, dass keine Reaktion folgt.
15912
Melden
Zum Kommentar
avatar
Grandmaster
06.02.2026 07:05registriert Dezember 2024
Ja gewisse italienische Politikern sind meisterlich wenn um Populismus geht. Man erinnert sich an den korrupten Fernseh-Mogul der sich zum Präsidenten wählen lies um dem Gefängnis zu entgehen. Das Wissen über Medien zu manipulieren ist sicher noch da.
12713
Melden
Zum Kommentar
avatar
Militia... is back!
06.02.2026 07:03registriert August 2025
So könnte man zur ganzen Situation auch folgendes schreiben: Nachdem der erste Schock und Empörung sich etwas gelegt haben, sieht man nun, dass alles wie immer ist. Die Italiener sind emotional und fordern händeringend Aktionismus und treiben munter weiter die Sau durchs Dorf. Die Schweiz macht, was sie immer macht. Ruhig, bürokratisch, unaufgeregt. Am Schluss werden die Schlussfolgerungen gezogen, Urteile gefällt und vollstreckt. Ich glaube, eine ruhige und seriöse Untersuchung bringt den Opfern langfristig mehr als wenn alle durcheinander Zeter und Mordio schreien.
9923
Melden
Zum Kommentar
157
Brandgefahr: BMW ruft Hunderttausende Autos zurück
BMW ruft weltweit Fahrzeuge zurück in die Werkstatt. Grund für den Rückruf sind Probleme mit dem Starter. Es kann zu einem Kurzschluss kommen. Im schlimmsten Fall besteht Brandgefahr.
BMW ruft weltweit Hunderttausende Autos zurück. Betroffen sind Modelle aus mehreren Reihen. Dabei handelt es sich um Fahrzeuge aus den Baureihen 2er-Coupé, mehrere Varianten von 3er, 4er und 5er, den 6er-Gran-Tourismo, die 7er Limousine, X4, X5, X6 und Z4 mit einem Starter-Relais aus dem Produktionszeitraum Juli 2020 bis Juli 2022. Es können aber auch Fahrzeuge betroffen sein, in denen ein fehlerhafter Starter nachträglich bei einer Reparatur verbaut wurde.
Zur Story