Tödliche Schneemassen – warum so viele Menschen in Lawinen sterben
Am späten Nachmittag des 1. Novembers 2025 geht bei der Vertainspitze im Südtirol eine Lawine ab und begräbt fünf deutsche Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Sie konnten nur noch tot aus den Schneemassen geborgen werden. Das Unglück war diese Saison die bisher tödlichste Lawine in den Bergen Europas – doch bei Weitem nicht die einzige. Laut des Europäischen Lawinenwarnsystems (EAWS) endeten diesen Winter bereits 90 Lawinenniedergänge tödlich.
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Tödliche Lawinenunfälle 2025/26
124 Menschen haben ihr Leben unter der weissen Masse verloren – 23 mehr als der Jahresdurchschnitt. Die meisten davon in den Alpen und bei erhöhter Lawinengefahr. Alle davon beim Ausführen einer Bergsportart und alle ausserhalb der markierten Pisten.
Seit dem November gibt es konstante Meldungen über tödliche Lawinenniedergänge im Alpengebiet. Die letzte vor wenigen Tagen an der Tamlspitze in Österreich, wo zwei Bergsteiger nur noch tot geborgen werden konnten. Doch warum sterben diesen Winter so viele Menschen unter dem Schnee? Sind sie unvorsichtig geworden und nehmen nicht genügend Rücksicht auf das Lawinenrisiko bei ihren Berggängen?
Warum ist die Lawinensituation so angespannt?
Europa erlebt einen der tödlichsten Winter seit einem Jahrzehnt. In Japan und Nordamerika ist es zwar auch zu einzelnen verheerenden Unglücken gekommen, die Zahlen stehen aber kaum im Verhältnis zu den europäischen. Doch wie kommt es dazu? Lukas Dürr, Lawinenprognostiker beim SLF, gibt Auskunft: «Die Gründe für die vielen Todesopfer in ganz Europa können vielfältig sein und lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Der ungünstige Schneedeckenaufbau in weiten Teilen der Alpen dürfte aber mit ein Grund dafür sein.»
Doch was bedeutet das? Anfang Dezember schneit es im gesamten Alpenraum. Darauf folgt eine Periode mit niedrigen Temperaturen, klarem Himmel und wenig Niederschlag. Während dieser Zeit bildet sich eine sogenannte Altschneeschicht. «In langen, kalten Schönwetterperioden im Hochwinter wandeln sich die Schneekristalle in der Schneedecke stark um», erklärt Lukas Dürr. «Vor allem, wenn wenig Schnee liegt. Es entstehen grosse, kantige Kristalle. Diese Kristalle haben wenige Bindungen zueinander und bilden eine lockere, weiche Schicht», so der Lawinenprognostiker weiter.
Diese schwache Altschneeschicht wird erst dann gefährlich, wenn grössere Mengen Neu- oder Triebschnee (Schnee, der durch den Wind verweht und angehäuft wurde) auf der schwachen Schicht zu liegen kommen. «Der festere, in sich gebundene Neuschnee liegt auf der schwachen Schicht und kann leicht als Lawine ausgelöst werden.» Diese schwachen Schichten, wie Lukas Dürr weiter erklärt, sind auch für die langanhaltend angespannte Lawinensituation in Europa verantwortlich.
In vielen Gebieten der Alpen kommt es ab Mitte Januar dann auch zu grösseren Mengen an Neuschnee, die nun die Altschneeschicht überlagern und so die Lawinengefahr stark anheben. «Damit war der schneearme Winterstart sicher zu einem Teil für die länger anhaltende angespannte Situation verantwortlich», wie Lukas Dürr abschliessend festhält.
1 = geringe Lawinengefahr
2 = mässige Lawinengefahr
3 = erhebliche Lawinengefahr
4 = grosse Lawinengefahr
5 = sehr grosse Lawinengefahr
Daher ist ein Blick auf das Lawinenbulletin, beispielsweise des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung, unabdingbar, doch macht es den Berggang nicht automatisch sicher. Am 17. Januar gingen in Österreich gleich drei Lawinen nieder. In den Gebieten galt kein erhöhtes Lawinenrisiko (Stufe 2) oder gar nur geringe Gefahr (Stufe 1). Trotzdem lösten sich die Schneebretter und rissen sieben Schneesportlerinnen und Schneesportler in den Tod.
15 Tote in der Schweiz
Bislang sind in diesem Winter 15 Menschen in der Schweiz in einer Lawine ums Leben gekommen. Auch hier allesamt bei Skitouren oder bei Variantenabfahrten ausserhalb der gekennzeichneten Pisten.
Lawinenstufe
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Anzahl Tote
Gemeldete Lawinenunfälle 2025/26
Bislang starben diese Saison keine Menschen in der Schweiz wegen Lawinen, die bis ins Tal rollten. Ein Blick zurück in die Daten der Lawinentoten, welche vom SLF seit 1936 gesammelt werden, zeigt diese Veränderung deutlich. Während bis in die späten 1980er Jahre beinahe jährlich Menschen in Gebäuden oder auf Verkehrswegen von Lawinen verschüttet wurden, kommt es seit Anfang der 2000er fast nur noch zu Unglücken beim Wintersport.
Ein herausragender Winter war der Lawinenwinter von 1951. Der tödlichste Winter bislang in der Schweiz kostete 99 Menschen das Leben, über 1500 Gebäude wurden in den Schneemassen zerstört. Damals war das Problem aber ein anderes. Nicht zu wenig Schnee und eine schwache Schicht, sondern schlicht zu grosse Mengen an Neuschnee. Bereits im November fiel überdurchschnittlich viel Schnee. Mitte Januar lag in der Schweiz rund 200 Prozent der üblichen Schneemenge, in Teilen Graubündens und des Tessins gar bis 400 Prozent.
Doch die tödlichste Lawine in der Geschichte der modernen Schweiz geschah gar nicht im Winter. Im August 1965 begrub eine Gletscherabsturz 88 Menschen beim Mattmark-Stausee, die meisten davon italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.
Vor dem Unglück gab es bereits Warnungen. Es brachen Eisstücke vom Gletscher ab und Experten warnten vor der Gefahr einer Lawine – aber die Bauleitung entschied sich gegen ein Alarmsystem oder andere präventive Massnahmen. Doch offiziell wird das Unglück von Mattmark nicht als Lawine in der Statistik aufgeführt, da es sich um einen Gletscherabsturz handelt. Daher taucht die Katastrophe auch nicht in der Lawinen-Datenbank des SLF auf. Das Forschungsinstitut sammelt seit 1936 alle 1419 tödlichen Lawinen. Insgesamt wurden in den letzten 90 Jahren 2166 Menschen in der Schweiz tot aus Lawinen geborgen.
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Tödliche Lawinen seit 1936
Die Gefahr durch Lawinen kommt in unterschiedlichen Formen. Sei es die Unmengen an Schnee vom Winter 1951, ein bröckelnder Gletscher wie in Mattmark oder eine tückische Altschneeschicht wie in diesem Winter – Lawinen sind und bleiben eine der tödlichsten Gefahren in den Bergen.
Für die Karte zu Europa haben wir am 7. März 2026 auf die Datenbank der tödlichen Lawinen des europäischen Lawinenwarnsystems (EAWS) zurückgegriffen.
Lawinenunglücke Schweiz 2025/26
Für die Karte zur aktuellen Saison in der Schweiz haben wir am 7. März 2026 auf die Datenbank des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF zurückgegriffen. In der Datenbank sind alle gemeldeten Lawinenunfälle erfasst.
Lawinenunglücke Schweiz 1936 bis 2025
Für die Karte zu vergangenen Wintern haben wir am 7. März 2026 auf die historische Datenbank des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF zurückgegriffen. Darauf sind alle Lawinen mit tödlichem Ausgang seit 1936 aufgeführt.
