Schweiz
International

Tödliche Schneemassen – Warum so viele Menschen in Lawinen sterben

Lawinen töten 123 Menschen in Europa diesen Winter. Bild zeigt Rettungsteam in einer darüber eine Karte aller tödlichen Lawinen in Europa
Tödlicher Ausgang – 124 Menschen sind in Europa diesen Winter bereits in Lawinen gestorben.Bild: watson/keystone

Tödliche Schneemassen – warum so viele Menschen in Lawinen sterben

124 Menschen sind diesen Winter europaweit bereits Lawinen zum Opfer gefallen. Das sind überdurchschnittlich viele Todesfälle und die Saison ist nicht vorbei. Wo gingen die Lawinen nieder und was macht diesen Winter derartig tödlich? Ein Blick in den aktuellen und die vergangenen Winter.
07.03.2026, 08:1607.03.2026, 08:53

Am späten Nachmittag des 1. Novembers 2025 geht bei der Vertainspitze im Südtirol eine Lawine ab und begräbt fünf deutsche Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Sie konnten nur noch tot aus den Schneemassen geborgen werden. Das Unglück war diese Saison die bisher tödlichste Lawine in den Bergen Europas – doch bei Weitem nicht die einzige. Laut des Europäischen Lawinenwarnsystems (EAWS) endeten diesen Winter bereits 90 Lawinenniedergänge tödlich.

Lawinenstufe

1

2

3

4

5

Anzahl Tote

Tödliche Lawinenunfälle 2025/26

124 Menschen haben ihr Leben unter der weissen Masse verloren – 23 mehr als der Jahresdurchschnitt. Die meisten davon in den Alpen und bei erhöhter Lawinengefahr. Alle davon beim Ausführen einer Bergsportart und alle ausserhalb der markierten Pisten.

Seit dem November gibt es konstante Meldungen über tödliche Lawinenniedergänge im Alpengebiet. Die letzte vor wenigen Tagen an der Tamlspitze in Österreich, wo zwei Bergsteiger nur noch tot geborgen werden konnten. Doch warum sterben diesen Winter so viele Menschen unter dem Schnee? Sind sie unvorsichtig geworden und nehmen nicht genügend Rücksicht auf das Lawinenrisiko bei ihren Berggängen?

Warum ist die Lawinensituation so angespannt?

Europa erlebt einen der tödlichsten Winter seit einem Jahrzehnt. In Japan und Nordamerika ist es zwar auch zu einzelnen verheerenden Unglücken gekommen, die Zahlen stehen aber kaum im Verhältnis zu den europäischen. Doch wie kommt es dazu? Lukas Dürr, Lawinenprognostiker beim SLF, gibt Auskunft: «Die Gründe für die vielen Todesopfer in ganz Europa können vielfältig sein und lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Der ungünstige Schneedeckenaufbau in weiten Teilen der Alpen dürfte aber mit ein Grund dafür sein.»

Doch was bedeutet das? Anfang Dezember schneit es im gesamten Alpenraum. Darauf folgt eine Periode mit niedrigen Temperaturen, klarem Himmel und wenig Niederschlag. Während dieser Zeit bildet sich eine sogenannte Altschneeschicht. «In langen, kalten Schönwetterperioden im Hochwinter wandeln sich die Schneekristalle in der Schneedecke stark um», erklärt Lukas Dürr. «Vor allem, wenn wenig Schnee liegt. Es entstehen grosse, kantige Kristalle. Diese Kristalle haben wenige Bindungen zueinander und bilden eine lockere, weiche Schicht», so der Lawinenprognostiker weiter.

Diese schwache Altschneeschicht wird erst dann gefährlich, wenn grössere Mengen Neu- oder Triebschnee (Schnee, der durch den Wind verweht und angehäuft wurde) auf der schwachen Schicht zu liegen kommen. «Der festere, in sich gebundene Neuschnee liegt auf der schwachen Schicht und kann leicht als Lawine ausgelöst werden.» Diese schwachen Schichten, wie Lukas Dürr weiter erklärt, sind auch für die langanhaltend angespannte Lawinensituation in Europa verantwortlich.

In vielen Gebieten der Alpen kommt es ab Mitte Januar dann auch zu grösseren Mengen an Neuschnee, die nun die Altschneeschicht überlagern und so die Lawinengefahr stark anheben. «Damit war der schneearme Winterstart sicher zu einem Teil für die länger anhaltende angespannte Situation verantwortlich», wie Lukas Dürr abschliessend festhält.

Lawinenstufen​
Das SLF beschreibt die Lawinengefahr mit der fünfteiligen europäischen Lawinengefahrenskala. In Wirklichkeit ändert die Lawinengefahr aber nicht stufenweise, sondern kontinuierlich.
1 = geringe Lawinengefahr
2 = mässige Lawinengefahr
3 = erhebliche Lawinengefahr
4 = grosse Lawinengefahr
5 = sehr grosse Lawinengefahr

Daher ist ein Blick auf das Lawinenbulletin, beispielsweise des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung, unabdingbar, doch macht es den Berggang nicht automatisch sicher. Am 17. Januar gingen in Österreich gleich drei Lawinen nieder. In den Gebieten galt kein erhöhtes Lawinenrisiko (Stufe 2) oder gar nur geringe Gefahr (Stufe 1). Trotzdem lösten sich die Schneebretter und rissen sieben Schneesportlerinnen und Schneesportler in den Tod.

15 Tote in der Schweiz

Bislang sind in diesem Winter 15 Menschen in der Schweiz in einer Lawine ums Leben gekommen. Auch hier allesamt bei Skitouren oder bei Variantenabfahrten ausserhalb der gekennzeichneten Pisten.

Lawinenstufe

1

2

3

4

5

Anzahl Tote

Gemeldete Lawinenunfälle 2025/26

Bislang starben diese Saison keine Menschen in der Schweiz wegen Lawinen, die bis ins Tal rollten. Ein Blick zurück in die Daten der Lawinentoten, welche vom SLF seit 1936 gesammelt werden, zeigt diese Veränderung deutlich. Während bis in die späten 1980er Jahre beinahe jährlich Menschen in Gebäuden oder auf Verkehrswegen von Lawinen verschüttet wurden, kommt es seit Anfang der 2000er fast nur noch zu Unglücken beim Wintersport.

Ein herausragender Winter war der Lawinenwinter von 1951. Der tödlichste Winter bislang in der Schweiz kostete 99 Menschen das Leben, über 1500 Gebäude wurden in den Schneemassen zerstört. Damals war das Problem aber ein anderes. Nicht zu wenig Schnee und eine schwache Schicht, sondern schlicht zu grosse Mengen an Neuschnee. Bereits im November fiel überdurchschnittlich viel Schnee. Mitte Januar lag in der Schweiz rund 200 Prozent der üblichen Schneemenge, in Teilen Graubündens und des Tessins gar bis 400 Prozent.

Suchmannschaften graben im Februar 1951 in Airolo in den Schneemassen der verheerenden Vallascia-Lawine, die am 12. Februar zehn Menschen das Leben kostete. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Ernst Baumann)
Suchmannschaften graben im Februar 1951 in Airolo in den Schneemassen der verheerenden Vallascia-Lawine, die am 12. Februar zehn Menschen das Leben kostete.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Doch die tödlichste Lawine in der Geschichte der modernen Schweiz geschah gar nicht im Winter. Im August 1965 begrub eine Gletscherabsturz 88 Menschen beim Mattmark-Stausee, die meisten davon italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.

Die Bergungsarbeiten auf dem zerstoerten Barackenlager der Baustelle des Mattmarkstausees im Kanton Wallis, aufgenommen am 31. August 1965. Am 30. August 1965 ging eine Eislawine vom Allalingletscher  ...
Die Bergungsarbeiten auf dem zerstörten Barackenlager der Baustelle des Mattmarkstausees im Kanton Wallis am 31. August 1965.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Vor dem Unglück gab es bereits Warnungen. Es brachen Eisstücke vom Gletscher ab und Experten warnten vor der Gefahr einer Lawine – aber die Bauleitung entschied sich gegen ein Alarmsystem oder andere präventive Massnahmen. Doch offiziell wird das Unglück von Mattmark nicht als Lawine in der Statistik aufgeführt, da es sich um einen Gletscherabsturz handelt. Daher taucht die Katastrophe auch nicht in der Lawinen-Datenbank des SLF auf. Das Forschungsinstitut sammelt seit 1936 alle 1419 tödlichen Lawinen. Insgesamt wurden in den letzten 90 Jahren 2166 Menschen in der Schweiz tot aus Lawinen geborgen.

Jahr auswählen Jahre: 1936-2025
Alles anzeigen

Anzahl Tote

0

2

4

5+

Tödliche Lawinen seit 1936

Die Gefahr durch Lawinen kommt in unterschiedlichen Formen. Sei es die Unmengen an Schnee vom Winter 1951, ein bröckelnder Gletscher wie in Mattmark oder eine tückische Altschneeschicht wie in diesem Winter – Lawinen sind und bleiben eine der tödlichsten Gefahren in den Bergen.

Methodik und Datenquellen
Lawinenunglücke Europa
Für die Karte zu Europa haben wir am 7. März 2026 auf die Datenbank der tödlichen Lawinen des europäischen Lawinenwarnsystems (EAWS) zurückgegriffen.

Lawinenunglücke Schweiz 2025/26
Für die Karte zur aktuellen Saison in der Schweiz haben wir am 7. März 2026 auf die Datenbank des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF zurückgegriffen. In der Datenbank sind alle gemeldeten Lawinenunfälle erfasst.

Lawinenunglücke Schweiz 1936 bis 2025

Für die Karte zu vergangenen Wintern haben wir am 7. März 2026 auf die historische Datenbank des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF zurückgegriffen. Darauf sind alle Lawinen mit tödlichem Ausgang seit 1936 aufgeführt.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Schneechaos in Zermat
1 / 14
Schneechaos in Zermat
Das Schneechaos legt Zermatt lahm. Dieser Helikopter wartet auf bessere Wetterbedingungen in Täsch.
quelle: keystone / dominic steinmann
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Gewaltige Lawine überrascht Skifahrer
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
30 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
In per tuts, tuts per in
07.03.2026 08:40registriert Juli 2020
Was ich nicht verstehe (mache aber auch keine Schneetouren): weshalb bewegt man sich bei >erheblicher Lawinengefahr neben den Pisten?
433
Melden
Zum Kommentar
avatar
Loreley
07.03.2026 09:21registriert Mai 2020
Liegt es eventuell daran, dass Warnungen zu oft ignoriert werden? Ist doch in anderen Bereichen auch so. Warnung vor Stromschnellen, vor tiefem Wasser, Orkanböen, Reisewarnungen…..usw.
Gewisse Leute wissen es immer besser. 🤷‍♀️
313
Melden
Zum Kommentar
avatar
Cundwiramurs
07.03.2026 09:54registriert März 2025
Ich bin im Glarnerland aufgewachsen. Bei uns weiss jede/r, dass man Skitouren früh morgens macht und wenn möglich mittags zurück ist. Ausserdem weiss man, dass bei Warnstufe 4 und 5 Skitouren und Tiefschneefahren zu gefährlich sind. Letzteres wird oft nicht ernst genommen, wie man vor kurzen merken konnte man hat ja winen Airbag usw.
Andererseits kommen kaum noch grosse Lawinen ins Tal. Die letzten bei uns vor über 20 Jahren. Den Klimawandel gibt es eben doch.
201
Melden
Zum Kommentar
30
Abstimmung zu Trumps Ballsaal nach Beschwerden erst im April
Nach zahlreichen Beschwerden über Donald Trumps Ballsaal-Plan für das Weisse Haus steht die endgültige Genehmigung für das Bauprojekt weiter aus.
Zur Story