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Ukraine: Kseniya Latko hat in der Schweiz den Neustart geschafft

Die Ukrainerin Kseniya Latko hat den Neustart geschafft: Etwas will sie der Schweiz sagen

Nach dem Kriegsausbruch verliess sie die Ukraine Hals über Kopf in Richtung Schweiz. Vier Jahre später kann sich Kseniya Latko nicht mehr vorstellen, in ihre Heimat zurückzukehren.
24.02.2026, 08:0324.02.2026, 08:44
Kari Kälin

In ihrer Heimatstadt Saporischschja, gelegen im Südosten der Ukraine, lebte Kseniya Latko mit ihrer Familie in einer Wohnung in einem gehobenen Viertel am Ufer des Flusses Dnepr. Sie arbeitete als Gefängniswärterin, ihr Ehemann als Bauleiter. «Wir hatten ein gutes Leben», sagte sie, als sie CH Media im März vor vier Jahren über ihre Flucht in die Schweiz berichtete.

Neue Heimat an der Limmat: Kseniya Latko.
Neue Heimat an der Limmat: Kseniya Latko.Bild: Privatarchiv / chmedia

Nach Putins Überfall packten die damals 46-jährige Frau und ihr 17-jähriger Sohn in 40 Minuten das Nötigste, um die Ukraine zu verlassen. Am 5. März fanden sie für drei Monate Unterschlupf bei einer Gastfamilie in Zürich. Latko hatte in ihrer Schulzeit etwas Deutsch gelernt, mit der Google-Übersetzungshilfe konnte sie sich gut verständigen. Sie schätzte es, dass die Geflüchteten aus ihrem Land mit offenen Armen empfangen wurden. Dass sie auf fremde Unterstützung und Sozialhilfe angewiesen war, machte ihr aber zu schaffen. Sie wollte nicht auf Kosten anderer leben.

Vollpensum als Pflegerin im Altersheim

Jetzt, fast vier Jahre später, spricht Latko fliessend Hochdeutsch. Nur selten schlägt sie während des Telefongesprächs mit dieser Zeitung ein Wort nach. Sie arbeitet seit zweieinhalb Jahren mit Vollpensum in einem Altersheim in der Stadt Zürich. Wohnt seit Ende des dreimonatigen Aufenthalts bei der Gastfamilie in einer 2-Zimmer-Mietwohnung. Bestreitet ihren Lebensunterhalt seit zweieinhalb Jahren vollständig allein. Im Sommer 2022 zog auch ihr Mann in die Schweiz. Sie baden gerne im Zürichsee, flanieren durch die Stadt, bereisen Nachbarländer.

Ihr Mann brauchte länger, um in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Seit einem Jahr aber sind seine Dienste auf Baustellen in und rund um den Kanton Zürich gefragt. Mit Vermittlung eines Temporärbüros und dank Abbau von Arbeitsmarkthürden für Ukrainer klappt es jetzt mit einem doppelten Einkommen.

Der jüngere Sohn absolviert derzeit in der Schweiz eine Schule. Sorgen machen sich Ksenyia Latko und ihr Mann um den älteren Sohn. Er, der früher als Grenzwächter am Flughafen Saporischschja zum Rechten schaute, verteidigte sein Land an der Front. Doch der Militäreinsatz forderte Tribut; der 32-jährige Mann ist gesundheitlich angeschlagen, kann keine Waffe mehr tragen. Eine angemessene medizinische Behandlung erhalte er nicht, sagt Latko. Er muss Hilfsdienste leisten, Schützengräben ausheben, Holz hacken, die Truppen versorgen.

Latko wünscht sich, er könnte in die Schweiz nachziehen, doch für Männer im wehrfähigen Alter gilt ein generelles Ausreiseverbot. Saporischschja ist umkämpft. Raketeneinschläge sind Alltag, die Wasser- und Stromversorgung ist regelmässig unterbrochen, viele Menschen haben die Stadt verlassen. Russland hat einen grossen Teil des gleichnamigen Oblasts besetzt und ihn völkerrechtswidrig einseitig annektiert; die Stadt bleibt nach wie vor unter ukrainischer Kontrolle.

Kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine fanden Kseniya Latko und ihr Sohn bei einer Gastfamilie in Zürich eine neue Unterkunft. Auch die Haustiere waren willkommen.
Kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine fanden Kseniya Latko und ihr Sohn bei einer Gastfamilie in Zürich eine neue Unterkunft. Auch die Haustiere waren willkommen.Bild: Valentin Hehli / chmedia

Kseniya Latko ist seit ihrer Ankunft in Zürich nie mehr in die Ukraine zurückgereist. Sie liebt ihr Land, denkt oft an die Freunde, die dort geblieben sind. «Meine grösste Angst ist, dass ich nie mehr in meine Heimatstadt zurückfahren und das Grab meiner Eltern besuchen kann», sagt sie. Eine Rückkehr in die Ukraine kann sie sich aber nicht vorstellen:  «Ich sehe meine Zukunft in der Schweiz. Hier fühle ich mich ruhig und frei.»

Natürlich, Latko brauchte etwas Anlaufzeit, um die administrativen Abläufe der Schweiz zu durchschauen. Doch längst ist sie hier angekommen, hat Freunde gefunden, sich an die Mentalität gewöhnt. Sie will sich beruflich entwickeln. Nach einem Pflegehelferinnenkurs beim Schweizerischen Roten Kreuz hat sie eine Weiterbildung für den Umgang mit Demenzpatienten selber finanziert. Aktuell ist sie erneut am Lernen; sie qualifiziert sich für den Bereich der Palliative Care.

In einem Jahr wird sie den Antrag auf eine Aufenthaltsbewilligung stellen können. Es ist ihr Wunsch an die Schweiz: Dass sie die Integrationsanstrengungen, die sie und viele Landsleute geleistet haben, honoriert.

Über die Schweiz und die Schweizer findet Latko nur positive Worte: «Die Schweiz ist mein zweites Zuhause und hat mich wie eine Tochter aufgenommen.» Dass sie bei der Gastfamilie ihre Katze und sechs Meerschweinchen – fünf sind unterdessen gestorben – halten durfte, dass die Tiere vollständig untersucht und geimpft wurden, empfindet sie als grosszügig. Dass ihr anfänglich eine Wohnung, die Versicherungen, Deutschkurse und die Ausbildung zur Pflegerin bezahlt wurden, hält sie für keine Selbstverständlichkeit. Noch nie habe sie jemanden schlecht über sie und ihren Mann reden hören, auch am Arbeitsplatz begegne man ihr offen und herzlich.

Latko hat die Chance genutzt, die ihr die Schweiz gegeben hat. Sie hofft, dass die Menschen hierzulande wissen: «Wir Ukrainerinnen und Ukrainer sind dafür sehr dankbar.» (aargauerzeitung.ch)

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