Wie Trumps Krieg auch Schweizer Strompreise nach oben treibt
Deutschland stöhnt: Die Preise für Strom seien viermal teurer als im Nachbarland Frankreich, titelten vergangene Woche mehrere grosse Zeitungen. Mal abgesehen davon, dass solche Vergleiche schwierig sind, weil sich die Parameter im Viertelstundentakt ändern, sind auch in der Schweiz die Strommarktpreise gestiegen. Schuld daran tragen Donald Trump, Italien und die komplizierten Mechanismen des internationalen Stromhandels.
Für diesen gilt die sogenannte Merit-Order. In den europäischen Ländern kommen die verschiedenen Kraftwerke in der Reihenfolge ihrer variablen Kosten zum Einsatz. Am billigsten sind die Erneuerbaren Energien, also Strom aus Wind und Sonne – nämlich fast gratis. Auf sie folgt die Wasserkraft und Kernenergie und dann die thermischen Kraftwerke, betrieben mit Kohle, Gas und Öl. Den Preis für den Strom setzt dabei jenes Kraftwerk, welches als letztes zugeschaltet wird, um den Bedarf zu decken.
Man kann sich das vorstellen wie eine Bäckerei mit verschiedenen Öfen. Einer davon ist neu, gross und sehr effizient. Er reicht für den normalen Bedarf. Bei sehr vielen Kunden muss die Bäckerei jedoch auf einen älteren Ofen zurückgreifen – und zu Spitzenzeiten gar auf einen kleinen Notofen. Der Preis für ein Gipfeli wird jeweils durch den teuersten Ofen bestimmt, der gerade noch gebraucht wird, um die allgemeine Nachfrage zu decken. Und nicht etwa ein Durchschnittspreis. In der Betriebswirtschaftslehre nennt man dies Grenzkosten.
Nadelöhr Naher Osten – mit Folgen für den Weltmarkt
Im Falle des Stromhandels liegt diese Bäckerei aktuell in Italien. Der südliche Nachbar der Schweiz bezieht vor allem im Winter einen grossen Teil seines Energiebedarfs aus Gaskraftwerken – zu Spitzenzeiten deutlich über 50 Prozent. «Diese Kraftwerke produzieren aufgrund der gestiegenen Gaspreise ihren Strom derzeit deutlich teurer als noch vor wenigen Monaten», sagt eine Sprecherin der Eidgenössischen Elektrizitätskommission Elcom. Ein Grund dafür ist der Angriff von US-Präsident Donald Trump auf den Iran.
Der Nahe Osten ist einer der zentralen Lieferanten für Erdgas. Katar als einer der wichtigsten Produzenten von Flüssiggas (LNG) hat seinen Betrieb zeitweise nahezu gestoppt. Angriffe auf Energie-Infrastrukturen haben die Situation zusätzlich verschärft. Durch die Strasse von Hormus läuft normalerweise ein Fünftel des globalen Gas- und Ölverkehrs. Durch die Blockade dieser Handelsroute herrscht auf dem internationalen Gasmarkt Knappheit – und dies treibt den Preis in die Höhe. In Europa stiegen die kurzfristigen Gaspreise teilweise um 30 bis 60 Prozent. Der Kontinent ist derzeit vor allem auf die USA angewiesen. Diese kann sich auf einen Bieterstreit zwischen Europa und Asien einstellen.
Dies wird vor allem im nächsten Winter zur Herausforderung: «Die Füllstände der europäischen Gasspeicher bewegen sich aktuell rund 11 Prozentpunke unter dem langjährigen Durchschnitt», sagt die Sprecherin der ElCom. Aber auch hier und jetzt machen sich die Marktverwerfungen bemerkbar – und dies nicht nur an der Zapfsäule. Die Schweiz verfügt selber zwar (bislang) über keine thermischen Kraftwerke – mal abgesehen von den Reservekraftwerken, beispielsweise in Birr. Warum also klettert auch hierzulande der Strompreis in die Höhe?
Dies hängt zusammen mit den Verflechtungen der internationalen Energiemärkte. In diesen spielt die Schweiz keine Rolle als Preissetzer: Neben den Erneuerbaren sind die Schweizer «Gipfeliöfen» die verbliebenen Kernkraftwerke und die Speicherseen. Beide haben zu geringe Grenzkosten, als dass sie sich auf den Strompreis auswirken könnten. «Weil die Schweiz eng verbunden ist mit dem Ausland, definiert dieses normalerweise den Marktpreis in der Schweiz», sagt die Sprecherin der ElCom.
Im Winter ist dies meist Italien, das über die Schweiz vor allem Strom aus Frankreich importiert. Dort gibt es üblicherweise genügend Strom, zumindest wenn die Kernkraftwerke laufen. Preissenkend wirkt sich zudem aus, dass Spanien und Portugal viel billige Sonnen- und Windenergie bereitstellt.
Für die Schweiz sind Preise Risiko und Chance
Von dieser Marktsituation profitiert auch die Schweiz, welche ebenfalls auf Winterimporte angewiesen ist. In der vergangenen Kälteperiode waren dies aufgrund des Ausfalls des AKW Gösgen netto rund 7 Terawattstunden. Durch die geringere Inlandproduktion wurde weniger nach Italien exportiert. Dies führte dazu, dass die Grenzkapazitäten zwischen der Schweiz und Italien nicht immer voll ausgelastet waren, wodurch die Schweizer Preise sich häufiger an dem hohen Niveau Italiens orientierten. Ein grosser Teil des Importstroms fliesst direkt weiter ins Nachbarland, das bislang schlecht an andere Länder ausserhalb der Schweiz angebunden ist.
Für die Schweiz können die aktuellen Preisschwankungen durchaus ein Risiko bedeuten. Vor allem für jene Grosskunden, die sich kurzfristig mit Energie eindecken müssen. Auf der anderen Seite winkt das Geschäft: Als Drehscheibe zwischen dem günstigen Frankreich und dem teuren Italien winken Schweizer Energieversorgern Gewinne, vor allem wenn die Strompreise in der Schweiz steigen. Für Privatkunden, die nicht am liberalen Markt teilnehmen, müssen die hohen täglichen Preisschwankungen also nicht zwingend Negatives bedeuten – zumal sich die Versorgungsunternehmen meist im Voraus eindecken.
Das gleiche gilt für Schweizer Gasversorger. Wobei auch hier das Risiko davon abhängt, wie lange der Krieg im Nahen Osten dauert. Und damit vor allem von einer Person: von Donald Trump.
