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Geisel-Abkommen Israel und Hamas: «Wir müssen vom Schlimmsten ausgehen»

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Tausende Familienmitglieder, Freunde und Unterstützer der Geiseln, die von der Hamas im Gazastreifen festgehalten werden, nahmen am 18. November an einem Marsch von Tel Aviv nach Jerusalem teil und demonstrierten für ihre Freilassung.Bild: EPA
Interview

Vor dem Geisel-Austausch: «Wir müssen vom Schlimmsten ausgehen und auf das Beste hoffen»

Gershon Baskin handelte in der Vergangenheit direkt mit der Hamas Deals aus, damit israelische Geiseln freikommen. Im Interview schätzt er ein, welche Faktoren die Erfolgschancen des bevorstehenden Austauschs mindern könnten.
24.11.2023, 06:0024.11.2023, 13:09
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2006 nahm die Hamas den israelischen Soldaten Gilad Schalit gefangen. Sie haben daraufhin fünf Jahre lang mit der Hamas verhandelt, bis er 2011 frei kam. Nun wollen die Hamas und Israel am Freitag israelische Geiseln gegen palästinensische Gefangene tauschen. Was halten Sie von diesem Abkommen?
Gershon Baskin:
Es ist die bestmögliche Einigung, die man erzielen konnte. Für beide Seiten. Jetzt müssen wir hoffen, dass der Austausch am Freitag in Gang kommt, dass er vier Tage schrittweise durchgeführt wird, so wie abgemacht, dass sich Israel und die Hamas danach einigen, die Feuerpause und den Austausch fortzuführen, für fünf, sechs, sieben, acht Tage … bis wir alle Geiseln aus dem Gazastreifen freibekommen.

Das klingt, als hätten Sie viel Hoffnung?
Ganz und gar nicht. Nach dem 7. Oktober haben mich viele Familien der Geiseln kontaktiert und mich gebeten, ihnen Hoffnung zu geben. Das konnte und kann ich leider nicht. Ich sagte ihnen das, was ich mir selbst immer sage: Wir müssen vom Schlimmsten ausgehen und auf das Beste hoffen. Denn die Situation, in der wir – sowohl Israelis als auch Palästinenser – aktuell leben, ist so katastrophal, sie lässt eine andere Einstellung nicht zu.

Gershon Baskin
Gershon Baskin, Nahost-Direktor der britischen Nichtregierungsorganisation «International Communities Organization».Bild: zvg

Welche Faktoren können den Ausgang dieses Geiselaustauschs beeinflussen?
Sehr viele. Wir haben sehr viele Unbekannte, sehr viele Fragen, die wir bis jetzt nicht beantworten können. Beispielsweise technische Fragen: Wann genau hört Israel auf, mit ihren Drohnen über den Gazastreifen zu fliegen? Gilt die Feuerpause für den gesamten Gazastreifen oder nur für den nördlichen Teil? Was passiert, wenn hunderte Palästinenserinnen und Palästinenser, die in den Süden des Gazastreifens geflohen sind, während der Waffenruhe in den Norden pilgern? Wird Israel sie stoppen? Auf sie schiessen? Was passiert, wenn ein Hamas-Kämpfer einen israelischen Soldaten erschiesst? Darf ein israelischer Soldat das Feuer erwidern? Und dann gibt es noch andere Faktoren, die die israelische Regierung und die Köpfe der Hamas in der Hand haben. Wir wissen etwa nicht, weshalb es zu einer Verzögerung des Austauschs um 24 Stunden gekommen ist. Und wieder kann ich nur hoffen. Hoffen, dass die Gründe, die zu dieser Verzögerung geführt haben, behoben worden sind, damit die Geiseln, Kinder und Frauen, zu ihren Familien zurückkehren können.

Zur Person
Gershon Baskin ist Nahost-Direktor der Nichtregierungsorganisation «International Communities Organization» mit Sitz in Grossbritannien. Er setzte sich aktiv für die Freilassung von Gilad Shalit ein, einem israelischen Soldaten, der fünf Jahre lang von der Hamas gefangen gehalten wurde. Baskin baute für diese Verhandlungen vertrauliche Kommunikationskanäle zur Hamas auf. Er hält als einer der wenigen Israelis, nach eigenen Angaben, nach wie vor Kontakt mit der Hamas.

Waren Sie bei den Verhandlungen dieses Geisel-Abkommens beteiligt?
Nein. Aber zwei Tage nach dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober habe ich mit der Hamas, den Israelis, den Kataris und den Ägyptern Kontakt aufgenommen, um genau einen solchen Deal auszuhandeln. Doch es hat nicht geklappt. Trotzdem sage ich: dieser Deal, der jetzt feststeht, ist das, was man «niedrig hängende Früchte» nennt. Es war ein «no brainer», ein Kinderspiel.

Warum ein Kinderspiel?
Meiner Meinung nach hat die Hamas kein Interesse daran, Kinder, Frauen, Kranke und Ältere als Geiseln zu halten. Sie sind ihr eine Last, denn sie müssen sich um sie kümmern. Die Hamas hat vor allem ein Interesse daran, israelische Soldatinnen und Soldaten festzuhalten. Denn für diese kann sie mehr von Israel verlangen.

Trotzdem dauerte es sechs Wochen, bis dieses «Kinderspiel» verhandelt werden konnte. Ganz so einfach ist es also doch nicht.
Oh nein, das ist es nicht. Das habe ich damit nicht gemeint. Ich meinte damit, dass diese Art von Deal anzustreben der erste und einfachste Weg ist: harmlose Kinder und Frauen gegen harmlose Gefangene. In einem Konflikt wie diesem dauert es jedoch immer seine Zeit, bis zwei Parteien, die nicht miteinander reden, einer Vereinbarung zustimmen. Denn damit bringen sie der anderen Seite auf eine Art Anerkennung entgegen.

Vielleicht auch eine Legitimierung, wenn man mit einer terroristischen Organisation verhandelt?
Ja, auf jeden Fall. Aber wenn man das Leben von Unschuldigen retten will, verhandelt man mit dem Teufel. Für mich persönlich gibt es niemanden, mit dem ich zu verhandeln aufhören würde, wenn ich dafür ein unschuldiges Leben retten kann. Auch wenn ich damit Terroristen legitimiere. Es kommt aber auch darauf an, wie man «Terrorismus» definiert. Nach meiner persönlichen Definition ist eine Partei terroristisch, wenn sie Gewalt gegen Zivilisten anwendet, um politische Ziele zu erreichen. Aus dieser Sicht übt der Staat Israel – so sehr es mich schmerzt, das als Israeli zu sagen – auch manchmal Staatsterrorismus gegen das palästinensische Volk aus.

Woher nehmen Sie die Motivation für diese Arbeit, die einen doch auch zermürben kann?
2005 hat die Hamas den Cousin meiner Frau als Geisel genommen und getötet. Ein Mann, der mir sehr nahestand. Er war auf meiner Hochzeit und kurz bevor ihn die Hamas entführte, hat er noch bei mir im Auto gesessen. Sein Tod war unglaublich schmerzhaft für mich. An seiner Beerdigung schwor ich mir, dass ich fortan alles tun werde, was ich kann, um zu verhindern, dass unschuldige Menschen getötet werden. Und das tue ich jetzt schon die letzten 17 Jahre meines Lebens. Das ist nicht meine erste Wahl des Kampfes. Meine erste Wahl ist und bleibt immer, das Ende der israelischen Besatzung des palästinensischen Volkes auszuhandeln und eine Zwei-Staaten-Lösung zu schaffen. Doch in den letzten Jahren bin ich zum Schluss gekommen, dass das keine realisierbare Option ist.

Glauben Sie, wird sich der Konflikt in irgendeiner Weise verändern, wenn das Geisel-Abkommen vollständig umgesetzt werden kann?
Nein.

Warum nicht?
Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem Israel den Krieg beenden würde, ohne das erklärte Ziel erreicht zu haben, die Regierungsfähigkeit der Hamas physisch komplett zerstört zu haben. Hinzu kommt: Die Hamas hält nach wie vor 40, 50, 60 Soldatinnen und Soldaten fest. Und junge Menschen über 18 Jahre alt, von denen sie glaubt, dass sie den Militärdienst absolviert haben. Mit ihnen wird sie versuchen, die Freilassung der 7200 weiteren palästinensischen Gefangenen in Israel zu erzwingen. Darunter sind 559 Personen, die wegen Mordes an Israelis zu lebenslanger Haft verurteilt wurden und 130 Terroristen, die am 7. Oktober in israelische Gefangenschaft gerieten.​

Gershon Baskin
Gershon Baskin zusammen mit dem ehemaligen israelischen Soldaten Gilad Schalit, den er von der Hamas freihandeln konnte.Bild: zvg

Warum will die Hamas alle palästinensischen Gefangenen befreien? Es scheint ihr doch auch egal zu sein, wenn ihre Kämpfer sterben.
Als ich 2011 die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit aushandelte, kamen im Gegenzug nicht nur die Mörder des Cousins meiner Frau frei, sondern auch Yahya as-Sinwar. Er ist einer der ranghöchsten Hamas-Gefangenen, die Israel mit einem solchen Deal je freiliess. Am Tag, an dem er wieder auf freien Fuss kam, versprach er seinen Mitinsassen, dass er die israelischen Gefängnisse leeren wird, dass er alle palästinensischen Gefangenen nach Hause bringen wird. Seither hat er sein Versprechen wiederholt. Das ist sein Lebensziel. Es ist ihm wichtiger als sein eigenes Leben. Er will als Märtyrer sterben. Das ist die Ideologie der Hamas, die wir mit unserer eigenen, westlich-demokratischen, liberalen Vernunft nicht verstehen können.

Und Sie verstehen diese Ideologie?
Ich kann zumindest versuchen, es Ihnen mit einer kleinen Erzählung verständlich zu machen. Als Yahya as-Sinwar aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er geheiratet und neun Kinder bekommen. Seine Frau soll derzeit erneut schwanger sein. Als ihn daraufhin jemand fragte, ob er seiner Frau nicht einmal eine Pause gönnen wollte, hätte er geantwortet: «Drei meiner Kinder werden von Israel getötet werden, drei meiner Kinder werden im Gefängnis landen und drei von ihnen werden mein Leben nach meinem Tod weiterführen müssen. Deshalb brauche ich mehr Kinder.»

Das klingt schrecklich.
Ja, und das meinen alle, wenn sie sagen, dass Israel die Hamas zwar militärisch besiegen kann. Aber die Ideen, die Ideologie der Hamas können sie mit ihrem Militär, mit Gewalt, nicht besiegen. Ideologie und Ideen bekämpft man mit besseren Ideologien und besseren Ideen.

Was bedeutet «bessere Ideologien und Ideen» konkret?
Das bedeutet, dass die Heiligung des Todes und des Märtyrertums durch die Heiligung des Lebens ersetzt werden müssen. Die Palästinenserinnen und Palästinenser müssen wissen, dass es eine echte Möglichkeit gibt, für Palästina zu leben und nicht nur für Palästina zu sterben. Und hier nehme ich die internationale Gemeinschaft in die Pflicht.

Inwiefern?
Es macht mich so wütend, wenn ich Politiker der OECD-Länder sagen höre: «Wir unterstützen die Zwei-Staaten-Lösung.» Aber gleichzeitig haben sie sich dreissig Jahre lang nicht die Mühe gemacht, den anderen Staat anzuerkennen: Palästina. Es braucht Länder wie die Schweiz, die nach dem Ende dieses Krieges erklären, dass sie den Staat Palästina anerkennen werden. Dass sie eine palästinensische Botschaft in Bern willkommen heissen und selbst eine Botschaft in Palästina eröffnen werden. Es müssen endlich ernsthafte, ehrliche Anstrengungen gemacht werden, den Versprechen Taten folgen, um eines Tages Frieden im Nahen Osten zu haben. Mit leeren Worten werden wir die Ideologie der Hamas nicht bekämpfen können.

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80 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Musta Makkara
24.11.2023 06:36registriert Juni 2018
Eines der besten Interviews die ich bisher hier gelesen habe und ein wertvoller Einblick auch in die Palästinensische Sichtweise.
"Ideologie und Ideen bekämpft man mit besseren Ideologien und besseren Ideen" trifft es auf den Punkt.

Wenn es doch Helden gibt, ist Baskin einer davon.
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Unicron
24.11.2023 08:23registriert November 2016
"Dass sie eine palästinensische Botschaft in Bern willkommen heissen und selbst eine Botschaft in Palästina eröffnen werden."

Und der Botschafter ist ein ehemaliger Hamas Terrorist, oder was?
Erst bräuchte man mal eine Regierung mit welcher man reden und verhandeln kann und auch genug Einfluss hat das dann umzusetzen.
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Jonas der doofe
24.11.2023 07:08registriert Juni 2020
Sensationell gutes Interview.
Es freut mich zu hören, dass es auch Israelis mit Verstand gibt, welchw nicht einfach mit Schaum vor dem Mund auf Rache aus sind und etwas von Selbstverteidigung schwafeln.

Dieser Herr hat begriffen, was es für eine tragfähige Lösung in der Zukunft brauchen würde. Wir sind alle gefordert.

Danke
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