Schweiz
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Interview

«Solche Feuer werden uns in Zukunft immer mehr beschäftigen – auch hier in Europa»

Seit Oktober steht Australien in Flammen. Längst haben die Brände eine Eigendynamik entwickelt. Können solche Mega-Feuer überhaupt noch gelöscht werden? Ein Feuerwehr-Experte im Interview.



Herr Siedentopf, verfolgen Sie die Nachrichten über die Buschbrände in Australien?
Philipp Siedentopf: Absolut. Als Feuerwehrmann verfolge ich die Situation mit grosser Sorge und Anteilnahme für die Menschen dort, die ihre Häuser, ihr Hab und Gut oder gar Angehörige verloren haben. Es sind auch einige Feuerwehrleute in den Flammen gestorben. Das macht betroffen. Auch wenn ich diese Personen nicht direkt kannte, sind das Kameraden.

Im Netz kursieren immer wieder spektakuläre Videoaufnahmen und Bilder von Feuerwehrleuten inmitten des Infernos. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder sehen?
Es ist beängstigend. Diese Bilder zeigen die Urgewalt des Feuers. Es ist heimtückisch und manchmal unberechenbar. Die australischen Feuerwehrleute sind Profis, daran zweifle ich nicht. Doch gegen solche Feuer kann auch die beste Ausrüstung und Ausbildung wenig ausrichten.

Bild

bild: zvg

zur Person

Philipp Siedentopf ist Kommunikationsverantwortlicher des Schweizerischen Feuerwehrverbands und Mitglied in der Milizfeuerwehr am Nollen im Kanton Thurgau.

Warum breiten sich die Feuer immer weiter aus?
Die Winde dort sind das grosse Problem. Sie peitschen die Brände immer wieder von neuem an. Das ist, wie wenn in einem Kamin noch Glut liegt und dann jemand reinbläst. Wenn in der Schweiz ein Haus brennt, wird nach der Löschung eine Brandwache aufgestellt, um die allfällige Restglut zu überwachen. In Australien gibt es gar nicht so viel Personal bei den Einsatzkräften, um all die Glutnester im Auge behalten zu können. Mit Löschflugzeugen versucht man, die Brandnester feucht zu halten. Aber das reicht nicht.

«Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Wortwörtlich. Der Regen verdunstet gleich wieder und der Boden ist so trocken, dass er gar kein Wasser aufnehmen kann.»

Inzwischen haben sich einzelne Brände zu einem Mega-Feuer zusammengeschlossen. Was heisst das?
Das ist zusätzlich problematisch. Es entstehen eine Art Feuertornados. Das sind Feuer, die sich selber weiter anfachen. Sie müssen sich das so vorstellen: Das Feuer brennt, es entsteht warme Luft, die nach oben steigt. Unten wird kalte Luft angesaugt und die wird wieder ins bestehende Feuer reingeblasen.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Australien, aber auch andere Orte mit ähnlichen klimatischen Voraussetzungen haben jedes Jahr mit grossen Bränden zu kämpfen. Durch den Klimawandel werden die Bedingungen nun aber noch verschärft. Es kommt zu grosser Trockenheit, extrem hohen Temperaturen und ausbleibenden Niederschlägen. Da reicht ein kleiner Funken und grosse Flächen stehen in Brand.

Am vergangenen Wochenende gab es nun endlich etwas Regen. Hilft das?
Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Wortwörtlich. Der Regen verdunstet gleich wieder und der Boden ist so trocken, dass er gar kein Wasser aufnehmen kann.

Etwa sechs Millionen Hektar Land sind in Australien vom Feuer erfasst. Eine unvorstellbar grosse Fläche. Wie muss man sich die Situation vor Ort vorstellen?
Die sechs Millionen Hektar Land beziehen sich auf die vom Brand betroffene Fläche. Was nicht bedeutet, dass die gesamte Fläche in Flammen steht. Man muss sich das vorstellen als eine Feuerwand, die sich wie eine Walze durch die Landschaft zieht. Die Zahl an Tieren, die gestorben sind, ist astronomisch. Das ist schwer auszuhalten. Vor allem auch für die Einsatzkräfte vor Ort.

Sie sagten, Australien habe aufgrund der wetterbedingten Konditionen jedes Jahr mit grossen Bränden zu kämpfen. Hätten die Einsatzkräfte besser vorbereitet sein müssen?
Nein, es ist ja die Wildnis, die da brennt. Man kann nicht den ganzen Busch mit Wasser besprengen. Die Bauern können ihr Land feucht halten, aber wenn der Wald brennt, dann wird es schwierig. Und jetzt, da sich die Brände zu einem Mega-Feuer verbinden, stehen die Feuerwehrleute vor einer neuen Situation.

«Damit die Feuer vollkommen stoppen, muss es kühler werden und regnen. Und der Wind muss aufhören.»

Ein solches Feuer gab es vorher noch nie?
In diesem Ausmass gab es das in Australien noch nie.

Wie gehen die Einsatzkräfte bei einem solchen Mega-Brand vor?
Schritt für Schritt. Es gibt eine Priorisierung von Bereichen, die man unter Kontrolle bringen möchte. Mit Schneisen, also baumfreien Stellen, versucht man der Ausbreitung entgegenzuwirken. Auch werden teilweise gezielt Gegenfeuer gelegt. Mit diesem kontrollierten Abbrennen, versucht man die grossen, verheerenden Feuer aufzuhalten.

Bis zu 70 Meter hohe Flammen

Wie geht die australische Bevölkerung mit den Bränden um?
Freunde von mir haben Bekannte an der Ostküste Australiens. Sie erzählen, dass es in der Umgebung immer wieder Brände gebe und sie von Tag zu Tag entscheiden, ob sie die Kinder in die Schule schicken sollen oder nicht. Die Habseligkeiten haben sie in Löcher in der Erde eingegraben und sie leben auf gepackten Koffern.

Die Feuer sind inzwischen so gross, können sie überhaupt noch gelöscht werden?
Ja, indem man versucht zu löschen, was geht. Und auf einen Wetterumschwung hofft.

Ohne den Wetterumschwung brennt es einfach weiter?
Der Mensch kann schon einiges machen und insbesondere die bewohnten Orte schützen. Damit die Feuer vollkommen stoppen, muss es kühler werden und regnen. Und der Wind muss aufhören.

Im Spätsommer und Herbst erreichten uns ähnliche dramatische Bilder zuerst aus dem Amazonas, dann aus Kalifornien. Irgendwann aber versiegte die Nachrichtenquelle über die Brände. Was ist passiert?
Die Wetterlage hat sich entspannt. Es begann über längere Zeit zu regnen. Das hat die Flammen gestoppt oder zumindest verlangsamt. Die Feuerwehrleute bekamen den Brand in den Griff.

Gibt es vergleichbare Brände in Europa?
Nicht vergleichbar mit den Feuern in Australien. Aber auch in Europa brennt es während den heissen und trockenen Tagen immer wieder im Mittelmeerbereich. In Portugal oder Italien beispielsweise. Aber klar, angesichts des fortschreitenden Klimawandels werden uns solche Feuer in Zukunft immer mehr beschäftigen – auch hier in Europa.

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    Alle Leser-Kommentare
  • CuJo 14.01.2020 13:39
    Highlight Highlight Der Zusammenhang zwischen Buschbränden und Klimawandel ist nicht zweifellos nachweisbar. In den 70er Jahren beispielsweise war in AUS ein viel verheerender Buschbrand als der heutige, damals bei einem eigentlich durchschnittlichen Sommer. Früher hat man - soviel ich weiss - im Winter jeweils das leicht entzündbare, überflüssige Unterholz abgefakelt, um das Risiko auf einen Buschbrand überbauschbarer zu machen. Dieses Vorgehen wurde anfangs der 20er Jahre jedoch eingestellt.
  • pascalsee 14.01.2020 05:57
    Highlight Highlight in Australien gab es bereits ein Feuer das 10 mal heftiger wahr!
    • hopplaschorsch12 14.01.2020 12:45
      Highlight Highlight wann?
    • hopplaschorsch12 14.01.2020 12:50
      Highlight Highlight @pascalsee: krass...gar nicht gewusst. 1974/75 brannte eine Fläche so gross wie Frankreich und Spanien!
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 14.01.2020 01:17
    Highlight Highlight Ein weisser Europäer gibt Auskunft über Australien's Buschbrände und argumentiert genau wie ein weisser Europäer.

    Zitat: »Der Umgang der Weißen mit dem australischen Feuer ist eine 200 Jahre lange Geschichte der Arroganz.«

    Gebt Australien den Aborigines in die Hand, die werden das irgendwie wieder hinbekommen. Wahrscheinlich wären die Aborigines auch froh, wenn diese ungebetenen weissen Zuwanderer wieder von ihrem Grund und Boden wieder verschwinden würden. Das Ausmass der Brände ist das Werk von Europäern. Und wo die Europäer Land betreten, zerstören sie die vorherrschenden Ökosysteme.
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 14.01.2020 09:37
      Highlight Highlight Das nennt sich die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Ist nicht jedem gegeben.
    • Fritz N 14.01.2020 10:54
      Highlight Highlight Bist Du nicht auch ein weisser Europäer? :)
  • Do not lie to mE 13.01.2020 22:04
    Highlight Highlight Der ehemalige CSIRO-Wissenschaftler David Packham hat die Regierung aufgefordert, mehr gegen den "wichtigsten" Faktor zu unternehmen und nein das ist nicht der "Klimawandel", der zur aktuellen Buschfeuerkrise beigetragen hat - es ist das ansammeln von sehr trockenem Unterholz/Brennstoff. Die Grünen haben mit ihrer "No Back Burning Agenda" die sie seit Jahren vorangetrieben haben die Situation massgeblich verschärft. Auf der NASA kann man die weltweiten Feuer sehen und feststellen das Afrika am abfackeln ist.
    https://firms.modaps.eosdis.nasa.gov/map/#z:3;c:0.0,0.0;d:2020-01-12..2020-01-13
    Play Icon
  • Kontroverso 13.01.2020 21:16
    Highlight Highlight Ein solches Feuer gab es vorher noch nie?
    In diesem Ausmass gab es das in Australien noch nie.
    Das ist einfach gelogen!
    Gleiches in Zeit. de... Überall wir erzählt das habe es noch nie gegeben. Bullshit.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Buschfeuer_in_Australien
  • MartinZH 13.01.2020 21:13
    Highlight Highlight Ich denke nicht, dass es seriös ist, einfach so Australien mit Europa zu vergleichen und gleichzusetzen..! Die geografische Lage, die Landmassen, das Klima, die Vegetation, die Bevölkerungsverteilung, etc. sind völlig verschieden. Man muss nicht immer gleich alles so alarmistisch und hysterisch darstellen. Solche simplen Analogien sind der Thematik dann auch überhaupt nicht förderlich..!
  • Sauäschnörrli 13.01.2020 20:56
    Highlight Highlight „Wie geht die australische Bevölkerung mit den Bränden um?“

    Fragt Ihr den Thurgauer der gar nie vor Ort war.
    • RicoH 13.01.2020 21:21
      Highlight Highlight Der Bericht suggeriert dir lediglich, dass er nie vor Ort war, denn es wird im Bericht so nicht erwähnt. Daher verstehe ich nicht, dass dir gerade dieser Aspekt so selbstverständlich und erwähnenswert erscheint.

      Abgesehen davon ist das auch nicht so relevant. Ich habe mich nicht intensiv mit Feuer befasst. Er schon. Daher finde ich seine Schilderung und Einschätzung der Lage zumindest interessant und lehrreich.
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 14.01.2020 01:20
      Highlight Highlight Was würde es ändern, wenn er vor Ort war? Er kann dann das Ausmass auch nicht besser einschätzen, da er nur einen winzigen Ausschnitt sieht. Mit Löschaktivitäten erreicht man genau gar nichts. Im Gegenteil. Was gelöscht ist, kann binnen kürzester Zeit wieder zu neuen Brandherden werden, sobald das Löschwasser verdunstet ist, was ja bei diesen Temperaturen fix gschieht.
      Wenn man die Buschbrände in den Griff bekommen will, muss man ganz vorn beginnen und dort ansetzen, als die stets überheblichen Europäer begannen, sich den Kontinent Untertan zu machen.
  • locogoa 13.01.2020 20:03
    Highlight Highlight Das die Medien sensationsgeil sind ist ja verständlich... aber dass selbst fachpersonen Dinge von sich geben wie „das gab es noch nie“ verwundert mich schon.... entweder man hat zeitlich einen sehr begrenzten Horizont oder will hat nur Fakten wahr haben die die eigene Agenda stützen. Buschfeuer wie aktuell gab es in Australien mind. Ein Dutzend mal sogar schon bis zu 4 mal grössere was die Fläche angeht.... einfach mal Wikipedia ( geb’s zu nicht die beste Quelle) oder anderes konsultieren...
    • CuJo 14.01.2020 13:41
      Highlight Highlight Ist genau der Punkt, es passt einfach in die ganze Klimahysterie, vielleicht kann man so noch ein paar Leute mehr zur Winterwanderung mit Greta nach Davos mobilisieren.

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