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5 Gründe, warum in der Schweiz aktuell weniger Menschen hospitalisiert werden als anderswo

Die Infektionszahlen in Deutschland und der Schweiz sind fast identisch. Trotzdem müssen in Deutschland rund doppelt so viele Menschen hospitalisiert werden. Dafür gibt es fünf mögliche Gründe.
21.11.2021, 14:1223.11.2021, 08:51
Reto Fehr
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Grosse Teile von Europa erleben gerade eine weitere starke Corona-Welle. In Österreich ist die Situation besonders dramatisch. Am Freitag hat man in Wien deswegen entschieden, erneut einen Lockdown zu verhängen. Ab 1. Februar 2022 soll gar die Impfpflicht kommen. Auch in der Schweiz verdoppeln sich die Fallzahlen wieder alle zwei Wochen. Die Höchstinzidenzen vom letzten Herbst sind nicht mehr weit weg.

Damit werden auch die Daten wieder wichtiger. 7-Tage-Inzidenz, Hospitalisations- und Todesraten, Auslastung der Intensivstationen: Alles wird genauestens beobachtet. Inmitten all des Datentrubels lässt jedoch eine Statistik aufhorchen: Die Schweiz verzeichnet bis jetzt auffallend wenig Hospitalisationen.

Vor allem im Vergleich zu Deutschland scheint dies auf den ersten Blick verwunderlich.

Die Kurve der Neuinfektionen verlaufen in der Schweiz und Deutschland praktisch parallel zueinander. Trotzdem verzeichnet unser nördlicher Nachbar eine doppelt so hohe Hospitalisationsrate. Während hierzulande knapp 25 Hospitalisationen pro eine Million Einwohner gezählt werden, sind es in Deutschland knapp 50.

Gleiches Schema zeigt sich auf den Intensivstationen und bei den Todesfällen.

Die Diskrepanz würde sich gut erklären lassen, wenn die Impfquote in Deutschland tiefer wäre. Doch sie ist sogar leicht höher als in der Schweiz.

Auch die Altersstruktur wäre ein Erklärungsansatz. Aber auch hier zeigt sich: Die Unterschiede sind marginal.

Wieso also kommt die Schweiz bis jetzt – trotz hoher Fallzahlen – so glimpflich davon?

Die Schweiz hat auf das richtige Impf-Pferd gesetzt

Die Antworten dürften wie immer multifaktoriell sein. Eine erste Möglichkeit könnte in der Wahl des Impfstoffes liegen. «Die Schweiz hat vorrangig auf Moderna gesetzt, Deutschland hingegen auf Pfizer und Astrazeneca», sagt Jan Fehr, Infektiologe an der Universität Zürich. Gleiches gilt für Österreich.

Die «NZZ» hat im Oktober anhand von Durchbruchinfektionen untersucht, ob sich Unterschiede zwischen den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna ausmachen lassen. Und tatsächlich: Auf 100'000 Personen bezogen mussten zwölf Personen in der Biontech/Pfizer-Gruppe und fünf in der Moderna-Gruppe hospitalisiert werden.

Auch Untersuchungen aus Deutschland haben gezeigt, dass Durchbruchinfektionen nach einer Biontech/Pfizer-Immunisierung mit 0,05 Prozent etwas häufiger vorkommen als nach einer Moderna-Impfung mit 0,03 Prozent.

Allerdings sind diese Zahlen nur bedingt aussagekräftig, da zu Beginn der Impfkampagne vor allem das Pfizer-Präparat verabreicht wurde. Dass die Wirksamkeit der Impfstoffe nachlässt, ist sowohl bei Moderna als auch bei Pfizer bekannt.

Trotzdem: Es gibt bereits Studien, die darauf hinweisen, dass eine Immunisierung mit dem Moderna-Impfstoff zu einer grösseren Antikörpermenge im Blut der Geimpften führt. Nichtsdestotrotz schützen beide Vakzine zu 85 bis 90 Prozent vor schweren Verläufen.

Die Durchseuchung ist weiter fortgeschritten

«Ein weiterer Faktor könnte die Seroprävalenz sein», sagt Jan Fehr. Damit ist die Durchseuchungsrate gemeint, also wie viele Personen bereits Antikörper im Blut haben. Entweder durch Impfung oder durchgestandene Infektion.

«Deutschland hatte im Vergleich zur Schweiz härtere Massnahmen durchgesetzt», sagt Fehr. Dies könne dazu geführt haben, dass sich in der Schweiz bereits eine substanziell höhere Anzahl an Menschen mit dem Virus angesteckt haben.

Beweisen lässt sich das leider nicht, da der Ländervergleich schwierig ist. Für die Schweiz liegen dank «Corona Immunitas» systematisch und breit abgestützte Seroprävalenz-Daten vor. Nicht so für Deutschland.

Die Schweiz kann schneller reagieren

«Die Geschwindigkeit der Feststellung der Infektion darf ebenfalls nicht ausser Acht gelassen werden», sagt Infektiologe Fehr.

Komme es in einem schon strapazierten Gesundheitssystem zu Verzögerungen, könne einerseits die Übertragungskette nicht mehr rasch unterbrochen werden – zum Beispiel bei überlastetem Contact Tracing – «und andererseits kann es auch sein, dass die Diagnose verzögert gestellt wird». Dies könne zu Therapieverzögerungen führen, was wiederum schweren Verläufen Vorschub gibt. «Damit wäre zu erklären, dass dann die Intensivstationen sich in diesen Ländern rascher füllen.»

Auch hier wieder: Ob die Schweiz schneller reagiert als Deutschland, das lässt sich nicht beweisen.

«Tatsache ist aber, dass, je stärker belastet das Gesundheitssystem ist, desto schwieriger wird es, schnell zu reagieren», sagt Fehr. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine solche Abwärtsspirale gelangen.»

Deutschland ist zu gross für einen Vergleich

Die ersten drei Ansätze dürften nur marginal dazu beitragen, dass Deutschland eine doppelt so hohe Hospitalisationsquote aufweist.

Zudem sei es laut Fehr schwierig, unsere Nachbarn überhaupt mit der Schweiz zu vergleichen. «Deutschland ist um ein vielfaches grösser als wir.» Wenn das Virus in den östlichen Bundesländern also wütet, in den westlichen aber noch nicht, «dann sagt der Durchschnitt davon nicht sehr viel aus».

Ein Blick auf die Karte bestätigt dies. Die 7-Tage-Inzidenzen unterscheiden sich erheblich voneinander.

Grenzen interessieren das Virus nicht

Was uns zur letzten und plausibelsten Option führt. Dem Coronavirus sind Landesgrenzen herzlich egal.

«Die im Moment ablaufende Epidemiewelle hat im Norden und Osten Europas begonnen», sagt der Tessiner Infektiologen Andreas Cerny.

Von Grossbritannien, den Baltischen Staaten, Russland, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und der Slowakei schwappe sie langsam über Deutschland und Österreich in die Schweiz.

Und auch wenn die Impfquote in den Ostschweizer Kantonen tiefer ist als in der Romandie, so lässt sich dies auch auf der Schweizer Karte erkennen.

Deswegen ist es für Cerny illusorisch zu glauben, dass wir dieses Mal glimpflich davonkommen werden. Die Hospitalisationszahlen würden einfach ein paar Tage hinterherhinken. Es sei deswegen «risikoreich, die Massnahmen nach der Anzahl der Hospitalisationen und der Belastung des Gesundheitswesens anzupassen».

Auch für Jan Fehr ist Abwarten zum aktuellen Zeitpunkt eine verheerende Strategie. «Wir brauchen einen Eskalationsplan. Die Gesamtsituation hat sich wieder dermassen zugespitzt, dass man ganz ernsthaft verschiedene Szenarien durchdenken muss. Ansonsten werden wir wieder wie vor einem Jahr auf dem falschen Fuss erwischt. Oder mit den Worten von Benjamin Franklink: ‹If you fail to plan, you are planning to fail›.»

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