Vorbild für die Schweiz? Belgien will «möglichst europäische» F-35 kaufen
Während die Schweiz ihre F-35-Beschaffung zuletzt wegen Mehrkosten nach unten korrigieren musste, geht Belgien einen bemerkenswert anderen Weg: Brüssel will zusätzliche Kampfjets kaufen – knüpft den Deal aber eng an industrielle Gegenleistungen in Europa. Ein Ansatz, der auch hierzulande Diskussionen auslösen dürfte.
Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz bestätigte der belgische Verteidigungsminister Theo Francken, dass sein Land den Kauf von elf weiteren F-35A-Kampfjets prüft. Ein entsprechender Vertrag soll noch «dieses Jahr» unterzeichnet werden, wie das Fachportal «Breaking Defense» am Wochenende berichtete. Belgien hat bereits 34 Maschinen bestellt, elf davon wurden ausgeliefert.
Doch entscheidend ist weniger die Stückzahl als die politische Botschaft: «Wir wollen die F-35 so europäisch wie möglich machen», sagte Francken. Gemeint sind damit substanzielle industrielle Beteiligungen und Wertschöpfung in Europa. Die Endmontage zusätzlicher Jets soll etwa im italienischen Cameri erfolgen – dort, wo bereits italienische und niederländische F-35 gefertigt werden.
Industrielle Wertschöpfung vor Preisdebatte
Belgien verknüpft die Beschaffung explizit mit dem Ausbau der heimischen Industrie. Bereits im vergangenen Oktober schloss Brüssel eine Vereinbarung mit Triebwerkshersteller Pratt & Whitney: Das Unternehmen Safran Aero Boosters darf künftig Komponenten des F135-Triebwerks in Belgien fertigen. Auch der flämische Zulieferer BMT Aerospace wird eingebunden. Ziel ist ein innovatives Fertigungskonzept für zentrale Triebwerksteile.
Als Francken auf mögliche Preissteigerungen wie in der Schweiz angesprochen wurde, wich er der Kostenfrage aus – und lenkte den Fokus erneut auf die industrielle Rendite. Man habe ein «sehr gutes Treffen» mit Lockheed-Martin-Chef Jim Taiclet geführt, sagte er. Der politische Schwerpunkt liegt klar auf strategischer Wertschöpfung, nicht primär auf dem Stückpreis.
Für die Schweiz ist das ein heikler Kontrast. Bern hatte 36 F-35A bestellt, reduzierte die Beschaffung im Dezember jedoch faktisch, nachdem die USA eine geschätzte Mehrbelastung von rund 610 Millionen Dollar geltend gemacht hatten. Der Streit um Fixpreise und Vertragsauslegung beschädigte das Vertrauen und befeuerte die Kritik im Inland.
Zwar wurden auch der Schweiz bei der Typenwahl industrielle Beteiligungen in Aussicht gestellt. Doch die aktuelle Debatte dreht sich vor allem um Mehrkosten und vertragliche Risiken; weniger um die Frage, wie sich die Beschaffung strategisch in eine europäische Industriepolitik einbetten liesse.
Gerade vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen zwischen Europa und den USA – von der Arktis bis zur internationalen Sicherheitsordnung – gewinnt diese Perspektive an Gewicht. Trotz politischer Differenzen bleiben die europäischen F-35-Bestellungen zwar auf Kurs. Doch Länder wie Belgien versuchen sichtbar, ihre Abhängigkeit von den USA durch stärkere europäische Einbindung abzufedern.
Die Schweiz im Dilemma
Für die Schweiz stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Soll sie sich auf eine möglichst günstige Beschaffung konzentrieren – oder stärker auf langfristige industrielle und sicherheitspolitische Verflechtung in Europa setzen?
Der belgische Weg zeigt, dass selbst bei einem US-Rüstungsgeschäft Spielraum für europäische Wertschöpfung bestehen könnte – sei es über Montage, Triebwerksproduktion oder Zulieferketten. Die F-35 bleibt zwar ein amerikanisches System. Doch die Frage, wie europäisch es werden kann – oder werden soll –, ist offen. Belgien liefert darauf eine selbstbewusste Antwort. (aargauerzeitung.ch)
