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Interview

Matthias Egger: Hunderte Arbeitsplätze für Wissenschafter gehen verloren

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«Hunderte Arbeitsplätze für junge Wissenschafter werden verloren gehen»

In seinem letzten Interview als Präsident des Schweizer Forschungsrats sagt Matthias Egger, was er von den Sparplänen des Bundesrats hält. Er verrät, wie viel die letzten Schweizer Nobelpreise kosteten – und was er von Klimaklebern in der Wissenschaft hält.
30.12.2024, 12:5230.12.2024, 12:54
Stefan Bühler / ch media
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Rund eine 1 Milliarde Franken verteilt der Schweizerische Nationalfonds (SNF) jedes Jahr an Forscherinnen und Forscher der Schweizer Hochschulen. Verantwortlich dafür ist der Forschungsrat, an dessen Spitze seit acht Jahren Matthias Egger steht. Doch nun, auf Ende Jahr, tritt er als Präsident zurück. Damit verabschiedet sich eine prägende Figur von der Forschungspolitik: Egger, studierter Mediziner und Epidemiologe, war in der ersten Phase der Covid-Pandemie Präsident der wissenschaftlichen Taskforce, die den Bundesrat beriet.

Im Interview blickt er zurück auf diese schwierige Phase. Er nimmt Stellung zu umstrittenen, vom SNF geförderten Projekten, etwa über Wildschweine in Palästina – und er warnt vor den Sparplänen des Bundesrats.

«Selbst wenn etwas misslingt, gewinnen wir Erkenntnisse»: Forschungsratspräsident Matthias Egger über das Scheitern in der Wissenschaft.
«Selbst wenn etwas misslingt, gewinnen wir Erkenntnisse»: Forschungsratspräsident Matthias Egger über das Scheitern in der Wissenschaft.Bild: Snf / zvg

Welches war die wichtigste Entdeckung von Schweizer Forschenden in Ihrer Zeit als Mitglied und Präsident des Forschungsrats?
Matthias Egger:
Mir ist wichtig, dass die Schweizer Forschung international an der Spitze dabei ist. Insofern ragen die Nobelpreise für Jacques Dubochet 2017 und Michel Mayor und Didier Queloz im 2019 heraus. Dubochet hat wesentlich dazu beigetragen, dass dank der Kryoelektronenmikroskopie Molekularstrukturen hochauflösend sichtbar gemacht werden können. Mayor und Queloz wurden für ihre Forschung über Exoplaneten ausgezeichnet.​

Hat der Schweizerische Nationalfonds (SNF) diese drei Forscher gefördert?
Absolut! Die drei wurden jahrelang vom Nationalfonds unterstützt.​

Dann können Sie uns jetzt sicher sagen, wie viel so ein Nobelpreis kostet?
Nein, weil ja auch andere zur Finanzierung beitrugen. In diesen drei Fällen ging es aber zweifellos um Millionenbeträge: für Forschungsprojekte und für die Finanzierung von Infrastrukturen beispielsweise. Dazu kommt sehr viel Arbeit. Wegen all dem freuen mich diese Auszeichnungen auch besonders.​

Am anderen Ende der Skala hat der SNF unter Ihrem Präsidium sicher auch Projekte gefördert, die gescheitert sind.
Selbstverständlich. Forschung heisst, etwas auszuprobieren, abzuklären: funktioniert das, oder funktioniert es nicht? Selbst wenn etwas misslingt, gewinnen wir Erkenntnisse. Auch das Scheitern bringt uns voran.

In der Politik interessieren vorab die Naturwissenschaften, sie versprechen mehr wirtschaftliche Erfolge als die Geisteswissenschaften. Wie berücksichtigt dies der SNF?
Es ist in der Tat so, dass aus den Naturwissenschaften und der Medizin mehr Start-ups resultieren. Zusammen mit der Förderagentur des Bundes Innosuisse unterstützen wir dies sehr konkret bei rund 150 jungen Unternehmen. Zum Beispiel die Firma DePoly, die eine neue Technologie zum chemischen Recycling von PET und Polyester entwickelt hat. Sie wurde heuer als Start-up des Jahres ausgezeichnet. Aber ich will betonen: Geisteswissenschaften sind ebenso wichtig für uns als Gesellschaft! Sie reflektieren die zentralen Themen der Gegenwart, untersuchen gesellschaftliche Entwicklungen und bringen diese voran.​

Manche mit SNF-Geldern geförderte Projekte, gerade auch aus den Geisteswissenschaften, gerieten allerdings negativ in die Schlagzeilen. Etwa eine Studie über vegane Literatur in den USA oder eine tendenziöse Arbeit über Palästina, wo Israel angeblich Wildschweine aussetze. Was lief da schief beim SNF?
Beim Projekt über Palästina hat der SNF den betreffenden Doktoranden mit einem kleinen Mobilitätsstipendium unterstützt, um sich in Südafrika mit anderen Forschenden zu treffen. Erst später hat der Mann in seiner Arbeit Grenzen zwischen objektiver Forschung und politischem Aktivismus überschritten. Die Uni Basel hat deshalb verlangt, dass die Dissertation überarbeitet werden muss. Und der SNF hat eine interne Prüfung zum Vorgehen bei der Vergabe durchgeführt. Mir zeigt das, dass die Mechanismen funktionieren. Das ist wichtig: Wir fördern 6000 Projekte und rund 20'000 Forscherinnen und Forscher – da sind solche Geschichten nie ganz auszuschliessen.​

Sie würden sagen, die SNF-Gelder werden insgesamt sinnvoll und zweckmässig eingesetzt?
Ja, davon bin ich überzeugt. Es lässt sich auch überprüfen: Die von uns geförderten Arbeiten sind alle öffentlich einsehbar. Und wir verfolgen seit ein paar Jahren auch den weiteren Karriereverlauf der von uns geförderten Forscherinnen und Forscher. Dabei zeigt sich, dass diese auf die Dauer überdurchschnittlich erfolgreich sind.​

Trotzdem kam die Expertengruppe rund um Serge Gaillard, die im Auftrag des Bundesrats die Bundesfinanzen durchforstete, zum Schluss, beim SNF könnten 10 Prozent der Gelder eingespart werden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Auf keinen Fall. Es geht um Beträge von 130 bis 140 Millionen Franken pro Jahr, die der Forschung damit fehlen würden. Die Leidtragenden werden die Nachwuchsforscherinnen und -forscher sein: Hunderte Arbeitsplätze für junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter werden verloren gehen. Umso mehr, als die Hochschulen selbst ja auch sparen müssen. Talentierte junge Leute werden dadurch gezwungen sein, ihre Karriere zu beenden oder an einer Hochschule im Ausland weiterzuforschen. Das hätte auch auf die Wirtschaft negative Auswirkungen.​

Warum?
Viele der von uns unterstützten Forscherinnen und Forscher wechseln später in die Wirtschaft, nehmen dort führende Positionen ein oder sind wichtige Fachkräfte in ihrem Spezialgebiet. Bilden wir weniger solcher Spitzenleute aus, werden sie unserem Land früher oder später fehlen.​

Etwas mehr Wettbewerb um Bundesgelder kann für die Wissenschaft auch belebend wirken, finden Sie nicht?
Wir haben bereits jetzt einen harten Wettbewerb. Nur jedes dritte Gesuch ist erfolgreich: Wir müssen jetzt schon zahlreiche, vielversprechende Projekte ablehnen, weil uns das Geld fehlt.​

Trotzdem: Die Hochschulen könnten sich doch stärker um Drittmittel bemühen, dafür sorgen, dass Private die Forschung stärker unterstützen.
Das wird schon heute gemacht, und ich begrüsse das. Doch meist haben Firmen, die sich engagieren, ein konkretes, wirtschaftliches Ziel. Drittmittel können unsere Gelder für die Grundlagenforschung nicht ersetzen.​

Ziel des Sparpakets des Bundes ist es, Gelder für die Aufrüstung der Armee freizuspielen – um in einer unsicheren Welt mehr Sicherheit für die Schweiz zu schaffen. Haben Sie kein Verständnis dafür?
Ich bin für die Forschung zuständig und nicht Verteidigungsminister. Die Schweiz ist eine Wissensgesellschaft ohne Rohstoffe. Wir sind innovativ und gerade in hoch spezialisierten Bereichen weltweit konkurrenzfähig. Das ist die DNA der Schweiz und eine der Grundlagen unseres Wohlstands. Das müssen wir bewahren. Bei Forschung und Innovation zu sparen, halte ich für unklug.​

Nebst dem Sparhammer gibt es für Sie allerdings nun auch eine gute Nachricht: Die Schweiz und die EU haben ihre bilateralen Verhandlungen abgeschlossen, bald können Schweizer Forschende wieder am EU-Programm Horizon teilnehmen. Wie wichtig ist das?
Das ist sowohl für die Schweiz als auch für die EU sehr wichtig, denn die EU profitiert auch von unseren Talenten. Ich möchte Sokrates zitieren: Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt. Dank Horizon können wir jetzt wieder teilen. Und wir können wieder in der Champions League der Wissenschaft mitmachen, das hat uns nun drei Jahre gefehlt.​

Immerhin hat der Bund die ursprünglich für Horizon reservierten Millionenbeträge in der Schweiz eingesetzt. So gross kann der Schaden nicht sein.
Wir waren froh über diese Überbrückungsmassnahmen. Aber man kann die Champions League nicht im Inland simulieren. Ohne FC Barcelona ist es nicht das Gleiche. Es braucht den Wettbewerb mit den Besten aus ganz Europa, um zu wissen, wo wir stehen, wie wir uns verbessern können – und den gibt es nur mit Horizon.​

Als Forschungsratspräsident standen Sie an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik. Was haben Sie als Wissenschafter von der Politik gelernt?
Ich bin in eine Welt gekommen, die ich nicht kannte. Ich fand das faszinierend und bereichernd.​

«Ich sah, dass jeder verlorene Tag mehr Tote bringen wird»: Matthias Egger über die zweite Covid-19-Welle und das Zögern der Politik.
«Ich sah, dass jeder verlorene Tag mehr Tote bringen wird»: Matthias Egger über die zweite Covid-19-Welle und das Zögern der Politik.Bild: Snf / zvg

Wie wissenschaftlich ist die Politik?
Die Beziehung zwischen Politik und Wissenschaft ist von Natur aus konfliktbeladen. Manchmal stehen wissenschaftliche Erkenntnisse im Kontrast zu politischen Standpunkten oder wirtschaftlichen Interessen. Doch wegen Covid hat die Wissenschaft in den letzten Jahren an Beachtung gewonnen. Politikerinnen und Politiker haben gesehen, wie rasch ein Impfstoff entwickelt werden kann, der ein grosses Problem lösen half. Möglich wurde das dank zuvor jahrzehntelanger Grundlagenforschung an der mRNA-Technologie; hier hat der SNF übrigens fast 700 Projekte gefördert.​

Andersherum sehen wir eine Forscherin, die als Klimakleberin den Verkehr blockiert oder einen Wirtschaftsprofessor, der auf allen Ebenen für die Schuldenbremse lobbyiert. Wie politisch ist die Wissenschaft?
Im Prinzip ist es richtig, wenn sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter am politischen Diskurs beteiligen. Wenn sich eine Wissenschaftlerin auf die Strasse klebt, wird aber eine Grenze überschritten. Es ist nicht an der Wissenschaft, den Leuten zu sagen: Ihr müsst! Wir liefern unabhängig und neutral die Fakten, wir sind nicht Aktivisten. Verlassen wir diesen Weg, verlieren wir bald einmal unsere Glaubwürdigkeit und damit auch unseren Einfluss.​

Sie waren während der Covid-Pandemie der erste Präsident der wissenschaftlichen Taskforce des Bundesrats. Gab es nicht auch Momente, wo Sie als Epidemiologe Gesundheitsminister Alain Berset am liebsten gesagt hätten: Sie müssen jetzt einfach handeln!?
Ja, im Herbst 2020, in der zweiten Welle, gab es sehr schwierige Momente, als es mir nicht mehr wohl war. Die Politik zögerte – und ich sah, dass jeder verlorene Tag mehr Tote bringen würde.​

War das nicht zum Verzweifeln?
Es war schwierig, die Anspannung war gross. Trotzdem sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter auch in solchen Situationen versuchen, nicht zu Aktivisten zu werden. Wir sind am wirksamsten, wenn wir bei unseren öffentlichen Stellungnahmen auf dem Boden der Wissenschaft bleiben. Emotionen gehören in den Privatbereich.​

Was planen Sie nun für die Zeit nach Ihrem Rücktritt als Forschungsratspräsident?
Ich werde nächstes Jahr meine Forschung zu HIV und anderen Infektionskrankheiten in der Schweiz und Südafrika fortführen. Und ich freue mich auf ein bisschen mehr Freizeit, unter anderem für meine Hobbys, Segeln und Skitouren.​

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57 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Amadeus
30.12.2024 13:40registriert September 2015
" Die Schweiz ist eine Wissensgesellschaft ohne Rohstoffe." Umso kurzsichtiger ist es, die Bildung kaputt zu sparen.
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Fairness
30.12.2024 13:36registriert Dezember 2018
Lieber Unternehmenssteuern senken bis dann u.a. bei so wichtigen Sachen wie Bildung und Forschung, der Zukunft, gespart werden muss. Ziemlich kurzfristig gedacht! Hauptsache den Grossbauer-Millionären und Emmi & Co. wird unser Steuergeld nachgeworfen.
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Andi Weibel
30.12.2024 13:49registriert März 2018
Klimawissenschaftler sind grösstenteils verzweifelt, weil sie wissen, dass wir uns in eine Katastrophe manövrieren, obwohl wir es besser wissen. Wenn sie ihre wirklichen Erkenntnis vorbringen, wirft man ihnen vor, dass sie zu alarmistisch seien. Wenn sie sich danach zurückhaltend äussern, hört ihnen niemand zu, weil sich daraus keine Schlagzeilen generieren lassen.

Dass nicht nur die Politik, sondern auch der Nationalfonds den Wissenschaftler verbieten wollen, auch öffentlich Stellung zu nehmen, wird uns noch sehr, sehr teuer zu stehen kommen.
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