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Romance Scam: So gehen Liebesbetrüger vor

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«Es kann jedem passieren»: Darum fallen Menschen auf Romance Scam rein

Wie konnten Liebesbetrüger mehreren Frauen eine Beziehung mit SP-Co-Präsident Cédric Wermuth vorgaukeln? Beatrice Kübli von der Schweizer Kriminalprävention klärt die wichtigsten Fragen.
21.08.2024, 09:49
Reto Wattenhofer / ch media
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Frau Kübli, weshalb fallen Menschen auf Romance Scam rein?
Beatrice Kübli: Das ist eine schwierige Frage. Am Anfang steht das urmenschliche Bedürfnis nach Kontakt und Zuneigung. Wir alle haben offene Herzen. Deshalb sage ich: Es kann jedem passieren.

«Er wirkt seriös»: Beatrice Kübli, warum Cédric Wermuths Identität für Romance Scam genutzt wurde.
«Er wirkt seriös»: Beatrice Kübli, warum Cédric Wermuths Identität für Romance Scam genutzt wurde.Bild: Key/zvg/Montage CH Media

Und doch denken jetzt die meisten Leserinnen und Leser wohl: Ich würde mich doch nicht in Cédric Wermuth verlieben!
Klar denkt man sich, dass man den Betrug erkannt hätte. Leider hilft diese Haltung den Betrügern.​

Das müssen Sie erklären.
Sie führt dazu, dass Opfer stigmatisiert werden, nicht reden und aus Scham keine Anzeige bei der Polizei machen. Dabei wäre das wichtig für die Strafverfolgung der kriminellen Banden. Das alles hilft den Betrügern.​

Oft sitzt der umworbene Mann am anderen Ende der Welt, Wermuth wohnt um die Ecke. Wie können die Betrüger trotzdem glaubhaft ein Treffen verhindern?
Sie werden wohl sagen, der falsche Wermuth sei viel unterwegs und viel beschäftigt. Häufig werden auch die Medien ins Spiel gebracht: «Sie dürfen uns nicht erwischen.» Den Promistatus missbrauchen die Betrüger auch dazu, vom Opfer absolute Diskretion zu verlangen.​

In der Vergangenheit wurde die Identität von Schlagersängern oder Schauspielern missbraucht - die von vielen angehimmelt werden. Warum funktioniert es auch mit Wermuth?
Er ist ein bekannter Politiker und wirkt seriös. Man vertraut ihm. Ein Opfer sagt sich: «Ich würde es sicher merken, wenn er ein Betrüger ist.»​

Ein Opfer erzählte: Der falsche Wermut habe um Hilfe gebeten, weil er alt Bundesrat Alain Berset Geld gegeben habe, damit dieser Politiker bestechen und seine Wahl zum Generalsekretär des Europarates absichern könnte. Das ist doch eine Räuberpistole?
Das sagen Sie. Die Betrügerbande hat diese Geschichte vermutlich nicht zufällig gewählt. Sie hat sie bewusst konstruiert. Kann sein, dass das Opfer davor mal gesagt hat, alle Politiker seien korrupt. Dann passt die Story ins Weltbild.​

Hat Herr Wermuth Recht, wenn er sagt, die zuständigen Bundesstellen würden zu wenig Aufklärungsarbeit leisten?
Natürlich können die Behörden immer mehr tun, aber das Phänomen bekannter zu machen, ist nicht die grosse Herausforderung. Schwieriger ist es, die Betroffenen zu überzeugen, dass auch Ihre Bekanntschaft ein Betrug ist. Viele wollen das nicht wahrhaben, auch wenn sie bereits von Romance Scam gehört haben. Sie denken, bei ihnen sei es anders.​

Sie sagten zu Beginn, es kann jeden treffen. Doch zwischen Opfern gibt es sicher Gemeinsamkeiten?
Stärker betroffen sind Menschen, die einsam sind, über kein soziales Umfeld verfügen oder nicht mehr so mobil sind. Wer mit beiden Beinen im Leben steht, ist weniger anfällig. Doch auch sie sind nicht davor gefeit.​

Warum?
Entscheidend ist die persönliche Lebenssituation. Allen Opfern ist gemein, dass sie aufgrund der Umstände empfänglich sind für Romance Scam. Sie trennen sich gerade von ihrem Partner, sind Witwer geworden oder stecken in persönlichen Schwierigkeiten.​

Und was können die Betrüger den Menschen in dieser Situation bieten?
Hoffnung, Aufmerksamkeit und Geborgenheit. Die Opfer denken sich: Endlich habe ich wieder Glück im Leben. Dieses Gefühl verkörpern die Betrüger. Im Falle von Romance Scam hat die Öffentlichkeit vielleicht auch falsche Vorstellungen.​

Inwiefern?
Die Betrüger lassen sich viel Zeit. Zu Beginn geht es gar nicht um eine Liebesbeziehung. Da ist zuerst mal jemand, der sich um einen kümmert, morgens fragt, wie man geschlafen hat und immer verfügbar ist.​

Das hört sich ausgeklügelt an
Die Betrügerbanden sind äusserst professionell und mit allen psychologischen Tricks gewappnet. Meistens investieren sie viel Zeit und bauen sehr subtil Vertrauen und eine Beziehung auf. Das kann Monate dauern.​

Was geschieht dann?
Irgendwann verliebt sich das Opfer in das digitale Gegenüber. Anders als in der analogen Welt ist es im Internet sehr viel einfacher, jemandem etwas vorzugaukeln. Dann ist es meistens zu spät. Ab dann ist es schwierig, das Opfer davon zu überzeugen, dass es ein Betrug ist.​

Selbst, wenn es Familienmitglieder tun?
Auch dann. Die Opfer antworten oft: «Du magst mir dein Glück nicht gönnen, du hast Angst um dein Erbe.» Kommt hinzu: Trotz Zweifel will das Opfer an die Liebe glauben. Zu erkennen, dass alles ein Schwindel ist, hat weitreichende Folgen.

Welche?
Die Opfer fühlen sich verraten, ihre Hoffnung wurde zerstört. Dramatisch ist nicht nur das Geld, das weg ist, sondern die gebrochenen Herzen, das Gefühl, ausgenutzt worden zu sein. Das Perfide ist, dass die Opfer oft sehr hilfsbereit sind und nicht zögern, Geld für eine dringend benötigte Operation zu schicken. Die Opfer fragen sich in aller Gutmütigkeit: «Was ist, wenn jetzt jemand wirklich Hilfe braucht?»​

Bei Cédric Wermuth ist offensichtlich, dass er keine Hilfe braucht.
In diesen Fällen wenden die Betrüger in der Regel eine andere Masche an. Ein armer Promi wäre unglaubwürdig. Um einen finanziellen Engpass vorzutäuschen, werden etwa gesperrte Bankkonten vorgebracht.​

Nehmen wir an: Ich lerne eine Frau im Internet kennen. Wann sollten bei mir die Alarmglocken schrillen?
Wenn sie immer Ausflüchte findet, sich nicht mit Ihnen im realen Leben zu treffen oder wenn scheinbar unglückliche Umstände das dauernd verhindern. Und spätestens, wenn Geldforderungen gestellt werden. Ohnehin ist es am besten, keine Freundschaftsanfragen von Unbekannten anzunehmen. (aargauerzeitung.ch)​

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8 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Dideli
21.08.2024 10:07registriert März 2021
Nein, es kann nicht jedem passieren. Gesunder Menschenverstand reicht meistens... Ich arbeite bei einer Bank in der Betrugsbekämpfung. Das schlimmste sind Kunden, welche bereits Opfer wurden und es der Bank nicht glauben wollen. Lieber einer Person vertauen, die man noch nie gesehen hat.
Mein Mitleid hält sich in Grenzen
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