Ein eigenes Büro hat er nicht, lediglich einen Arbeitsplatz im Grossraumbüro. «Ich brauche kein Büro», sagt Sandoz-Chef Richard Saynor. «Ich mache hier meinen Job, wie alle anderen auch.» Viel ist er ohnehin nicht anzutreffen im neu bezogenen Firmenhauptsitz am Basler Bahnhof. «Einen grossen Teil meiner Zeit verbringe ich an Bord von Flugzeugen», sagt der Engländer, der seit gut fünf Jahren in Zug wohnt. Er kommt nach eigenen Angaben auf 120 bis 150 Flüge pro Jahr.
Es ist nun ein Jahr her, seit Sie Sandoz von der ehemaligen Mutterfirma Novartis abgespalten haben ...
Richard Saynor: ... 14 Monate, 5 Tage, 3 Stunden ...
Sie zählen die Stunden?
Nein, nicht wirklich (lacht). Aber ich kann mich natürlich noch genau an den Moment erinnern, als unser Kurs das erste Mal auf dem grossen Bildschirm der Schweizer Börse auftauchte. Seit dem Börsengang sind etwas über 14 Monate vergangen. Es war eine unglaubliche Reise. Auf eine Art fühlt es sich so an, als sei es ein sehr langes und anstrengendes Jahr gewesen. Gleichzeitig rauschte es nur so vorbei.
Hatten Sie nie Zweifel am Abspaltungsplan?
Gelegentlich. Ich bin auch nur ein Mensch. Aber ich habe nie an der Stärke von Sandoz als eigenständiges Unternehmen gezweifelt. Zuvor standen wir immer im Schatten von Novartis. Das ist keine Kritik, sondern einfach eine Feststellung. Wir sind nicht länger eine Division eines Pharmaunternehmens, und so kann ich in meinem Job als Chef jetzt aus dem Vollen schöpfen.
Das heisst?
Meine Aufgabe ist es, gegen Patentmissbräuche anzukämpfen und günstigere Medikamente auf den Markt zu bringen. Die Chefs von Pharmafirmen mit Originalpräparaten hingegen wollen die Laufzeit ihrer Patente oft unzulässig verlängern, um ihre Medikamente möglichst lange teuer zu verkaufen. Ich muss also die Produzenten teurer Originalmedikamente herausfordern, was natürlich zu Spannungen führt. Durch die Unabhängigkeit haben wir eine starke Stimme bekommen, welche wir auch einsetzen.
In den ersten drei Quartalen stieg der Umsatz um 9 Prozent auf 7,6 Milliarden Dollar. Was erwarten Sie für das ganze Jahr?
Wir haben unsere Prognose angehoben und rechnen für das ganze Jahr mit einem Umsatzwachstum im hohen einstelligen Prozentbereich. Ich bin sehr zufrieden, insbesondere mit unseren Lancierungen. Wir haben 11 Biosimilars – also Kopien eines biotechnologisch hergestellten Wirkstoffs – auf den Markt gebracht, 25 weitere haben wir in der Pipeline. Damit verfügen wir vermutlich über die breiteste und tiefste Pipeline in der Industrie.
Alle Indikatoren bei Sandoz zeigen nach oben, dennoch beklagen Sie den Preisdruck bei Ihren Medikamenten. Sie monierten kürzlich, dass eine Packung Antibiotika weniger koste als ein Päckchen M&M's. Was bedeutet das für die Versorgung?
Die Preissetzung ist tatsächlich eine Herausforderung. Wir müssen konkurrenzfähig und ökonomisch nachhaltig produzieren können, sind gleichzeitig jedoch einem enormen Preisdruck durch die Regierungen ausgesetzt. Die europäischen Staaten müssen wählen: Eine stabile Versorgung aus heimischer Produktion ist möglich – aber nicht zum Spottpreis. Der Preisdruck der Regierungen ist aber nur eine Erklärung für die Versorgungsproblematik. Es gibt andere Gründe respektive Regeln, über die ich nur die Stirn runzeln kann.
Wie meinen Sie das?
Wenn wir die Versorgungslage in Europa anschauen, stellen wir fest, dass nicht wirklich viele Medikamente grundsätzlich fehlen. Meist kommt es nur in einzelnen Ländern zu punktuellen Engpässen. Wir könnten problemlos die fehlenden Produkte aus einem anderen europäischen Land dorthin verschieben. Doch was macht die europäische Politik? Sie verbietet es. Ich kann also kein Sandoz-Produkt aus Frankreich oder Deutschland in die Schweiz schicken, wenn es hier einen Versorgungsengpass gibt.
Die Staaten wollen die Kontrolle behalten.
Ja, und die aktuellen Regeln sind verrückt. Jedes Land will seine eigenen Packungsgrössen, seine eigenen Beschriftungen, seine eigenen Beipackzettel. Und das in einer Zeit, in der wir problemlos jedem Medikament eine digitale Packungsbeilage als QR-Code in allen möglichen Sprachen beilegen könnten. Ich muss sagen: Gerade die deutsche und die französische Regierung kommen auf wirklich fragwürdige Gedanken.
Auf welche denn?
Deutschland schreibt uns vor, dass wir von unseren wichtigsten Produkten Lagerbestände für sechs Monate anlegen müssen. Das ist keine gute Idee. Sie führt dazu, dass es in einem kleinen Markt wie der Schweiz zu Engpässen kommen kann, weil wir die Ware fürs Lagerregal in Deutschland zurückhalten müssen. In Frankreich ist es noch schlimmer: Da werden wir sogar gebüsst, wenn ein Produkt nicht mehr lieferbar ist. Da frage ich mich: Ich halte Vorräte, verliere täglich Geld damit und werde nachher noch bestraft. Welche Firma will sich so etwas antun?
Das sind wohl die Lehren aus der Covid-Pandemie ...
... na ja, die Lösung wäre simpel. Lasst uns bei einem Engpass ein Sandoz-Produkt für Belgien nach Frankreich liefern, um die Versorgung zu gewährleisten.
Sagen Sie das den Regierungen?
Ja. Ich versuche ihnen zu erklären, warum gewisse Regeln für uns, aber vor allem für Millionen von Patientinnen und Patienten schädlich sind.
Und? Nützt es?
Kaum. Niemand will den ersten Schritt machen, die Länder müssen sich gemeinsam dafür entscheiden. Aber der Weg dahin ist steinig, schliesslich will jedes Land sein eigenes Gesundheitswesen bewahren. Zudem wollen viele Politiker lieber schnelle Lösungen präsentieren – etwa mit Preissenkungen. Das verstehe ich. Aber letztlich ist die Generikaindustrie und damit auch Sandoz Teil der Lösung und nicht Teil des Problems: In Europa liefern wir etwa 70 Prozent der Medikamente und verursachen zugleich nur rund 30 Prozent der Medikamentenkosten. Ohne die Generikaindustrie gäbe es kein finanzierbares Gesundheitssystem.
Die SP möchte Sandoz verstaatlichen.
Das ist ein Kompliment. Die SP hat erkannt, welche gesellschaftliche Bedeutung unser Unternehmen hat. Es ist nicht an mir, zu bestimmen, wer der beste Eigentümer für Sandoz ist. Wir sind eine Aktiengesellschaft, und jeder kann unsere Aktien kaufen.
Sie wollen aber auch Geld von den Regierungen. Ohne Staatshilfe hätten Sie die Antibiotika-Fabrik im österreichischen Kundl nicht aufgerüstet.
Der Beitrag Österreichs ist wichtig, war aber nicht ausschlaggebend. Wir arbeiten auch mit der Regierung in Slowenien zusammen, wo wir Produktionsstätten haben und einer der grössten Arbeitgeber sind, ebenso wie mit anderen europäischen Regierungen. Fakt ist: Europa hat heute sehr wenige Weltspitzenkonzerne. Und wir sind nun mal die weltgrösste Biosimilars-Firma. Auch wenn wir bescheiden auftreten, wir sind die Nummer 1. Und wir sind in Europa. Wir entwickeln und produzieren die grosse Mehrheit unserer Produkte, inklusiv aller Biosimilars, hier. Das ist gut für europäische Patienten und gut für europäische Steuerzahler.
Es gibt auch eine andere Sichtweise: Warum sollen Staaten Firmen wie Sandoz mit Steuergeldern finanziell unterstützen, wenn die Unternehmen doch satte Gewinne einfahren?
Unsere Gewinnmarge vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen beträgt weniger als 20 Prozent. Davon investieren wir massiv in neue Fabriken, neue Labore und in neue günstige Generika. Rund 10 Prozent unseres Umsatzes fliessen in Forschung und Entwicklung. Es bleibt natürlich etwas für die Aktionäre. Aber ich glaube, unsere Gewinne fallen moderat aus. Sandoz ist eben nicht Roche oder Novartis.
Was meinen Sie damit?
Wir sind eine Generikafirma, unsere Marge ist viel niedriger. Das zeigt sich hier in unserem Basler Büro. Sie sehen hier keine Kunst und keine exklusiven Zierfische ...
... wie die 1000 Franken teuren Koi-Fische, die der Ex-Novartis-Boss Daniel Vasella im Firmenteich hielt.
Genau. Hier in der Ecke steht eine Pflanze. Aber bei der bin ich mir gar nicht sicher, ob die echt ist (lacht). Was ich sagen will: Es ist ein Unterschied, ob man Generika oder teure Originalpräparate herstellt. Das spiegelt sich auch in der Firmenkultur.
Sie wollen diese auf mehr Effizienz trimmen. Was heisst das? Werden nun Stellen abgebaut?
Wir befinden uns in einer Transformationsphase. Das bedeutet auch, dass in manchen Bereichen Stellen wegfallen. Wir müssen unser Geschäft vereinfachen und schneller werden. Wir haben zum Beispiel von Novartis rund 1500 Software-Plattformen geerbt. Die brauchen wir nicht in dieser Form.
Und Sie wollen die Marge von heute knapp 18 auf 26 Prozent hochschrauben.
Ein höherer Gewinn ist kein Selbstzweck. Das Geld, das wir hier freispielen, können wir dann in Fabriken und Labore investieren. In den kommenden Jahren werden weltweit Produkte mit einem Umsatzwert von 400 Milliarden Dollar ihre Patente verlieren. So etwas hat es noch nie gegeben. Um diese Chance zu nutzen, braucht es Kapital.
Zu den Medikamenten mit auslaufenden Patenten gehören auch die Fettwegspritzen. 2026 fällt das erste Patent in Kanada, dasjenige für Semaglutid. Sandoz hat bereits Anträge für Generika eingereicht. Was erhoffen Sie sich davon?
Ich weiss nicht warum, aber in Kanada hat der Originalpräparathersteller nie ein Patent für Semaglutid angemeldet. Doch es gibt die sogenannte Datenexklusivität, die 2026 ausläuft. Von dem Moment an könnten wir den Wirkstoff als Medikament gegen Diabetes verkaufen. In Europa und den USA laufen diese Patente Anfang der 2030er-Jahre aus. Also starten wir in Kanada, dann kommen Brasilien und Saudi-Arabien. Ich bin sehr gespannt, es ist eine ganz neue Situation.
Inwiefern?
Ich bin jetzt seit 35 Jahren in der Pharmabranche tätig und ich habe noch nie erlebt, dass ein Hersteller des Originalpräparats die Nachfrage nach seinem Produkt nicht stillen konnte. Mit unseren Nachahmerprodukten werden die Preise fallen. In den USA zahlen die Patienten mehr als 1000 Dollar pro Monat für diese Spritzen, in Europa ein paar Hundert. Was passiert, wenn sie beispielsweise plötzlich nur noch einen Bruchteil davon kosten würden? Diese Frage stellt sich etwa in Brasilien, wo die Spritzen mehrheitlich von Zahnärzten verkauft werden.
Wieso von Zahnärzten?
Die Zahnärzte in Brasilien sind die grössten Verkäufer von Botox-Anwendungen. Und Kunden, die für Botox zum Zahnarzt gehen, wollen nicht nur ein verjüngtes Gesicht, sondern auch einen schlanken Körper für den Strand. Diese Beobachtung ist anekdotisch, aber sie zeigt das Potenzial des Medikaments für die Indikation der Gewichtsabnahme. Niemand hat diese Entwicklung vorausgesehen. Die Grösse dieses Marktes ist aussergewöhnlich, es ist ein faszinierendes Feld. Zum ersten Mal nach über zwei Jahrzehnten sank 2023 der Body-Mass-Index in den USA wieder.
Sie sehen also für Sandoz ein riesiges Potenzial?
Ja, aber man kann es nicht über Nacht ausschöpfen, es wird zehn Jahre dauern. Mindestens. Und die Firmen forschen schon an der nächsten Generation von Spritzen oder Pillen. Der Hype hat aber auch eine andere Seite: Wenn 11 Millionen Menschen diese Spritzen nutzen, dann sind das über 100 Millionen Injektions-Pens, die entsorgt werden müssen. Und sollte die Zahl der Patienten tatsächlich auf 50 Millionen oder 100 Millionen ansteigen, dann sind das Milliarden von Pens aus Glas, Plastik und Metallteilchen, für die es eine umweltverträgliche Lösung braucht.
Die USA sind ein wichtiger Markt für die Pharmabranche. Doch nun hat Donald Trump mit Robert Kennedy Jr. einen vehementen Kritiker von Big Pharma zum Gesundheitsminister ernannt.
Wir sind nicht Big Pharma! Aber im Ernst: Egal ob Demokraten oder Republikaner, eigentlich wollen alle das Gleiche: eine bessere Versorgung zu einem faireren Preis. Das will ich auch. Ich finde es ebenfalls irritierend, wie sich die Hersteller der Originalpräparate in den USA verhalten. Die Gesundheitsunternehmen, welche sich als Zwischenhändler installiert haben und viel Geld verlangen, ohne dass Patienten davon einen Mehrwert haben, verschärfen die Situation zusätzlich. Einer der grössten dieser Akteure hat einen Marktwert von 500 Milliarden Dollar. Das ist zweieinhalbmal so viel wie Novartis! Die Firma schafft aber keinen Mehrwert und treibt einfach die Preise nach oben – in einem Markt, der sehr intransparent ist. Das US-Gesundheitssystem muss grundlegend neu gedacht werden.
Kennedy und Trump würden Ihnen hier wohl zustimmen.
Ich denke auch. Die USA sind ein harter Markt für einen Generikahersteller. Es kann nicht viel schlimmer werden. Aber es gibt Chancen, dass es substanziell besser wird.
Ausser Ihre Medikamente werden mit neuen Zöllen belastet. Oder macht Ihnen die «America First»-Politik keine Sorgen?
Nicht wirklich. Nehmen wir das Beispiel der Antibiotika. Die USA können entweder Antibiotika aus Europa kaufen oder aus Asien. Mehr Auswahl gibt es nicht. Niemand wird 2 bis 3 Milliarden Dollar ausgeben, um eine Antibiotika-Fabrik in den USA aufzubauen. Wenn die Zölle zu hoch ausfallen, werden die US-Patienten keine Medikamente erhalten. Das ist nicht akzeptabel.
Sie leben seit über 5 Jahren in der Schweiz. Wollen Sie eigentlich Schweizer werden?
Ja, wieso nicht? Aber dafür muss ich 10 Jahre in der Schweiz leben. Das sollte ich schaffen, hoffe ich jedenfalls. Ich liebe meinen Job und würde ihn gerne behalten, solange der Verwaltungsrat das auch so sieht. Oft wache ich morgens auf und frage mich, wie ich in dieser Position gelandet bin.
Vermissen Sie England?
Nein, ich verspüre kein Drängen, nach England zurückzukehren. Ich habe 25 Jahre im Ausland gelebt. England ist nicht mehr mein Zuhause. Ich besuche jedoch regelmässig meine Mutter, die dort lebt, und meine Kinder.
Stimmt es, dass Sie aus derselben Ortschaft stammen wie Robbie Williams?
Ja, ich komme aus Stoke-on-Trent. Die Ortschaft ist nur für zwei Dinge bekannt: Robbie Williams und die Porzellanfabrik Wedgwood. Dort hatte ich meinen ersten Job: Ich habe an Samstagen Henkel an Tassen angebracht. Falls Sie also eine Wedgwood-Tasse mit einem schrägen Henkel haben, dann habe ich wohl ungenau gearbeitet.