«Wenn ich in die Zukunft schaue, bereiten mir die Gesundheitskosten Sorgen»
Herr Christen, 1996 zahlte eine Person pro Monat etwa 128 Franken für die Grundversicherung, heute sind es fast 400 Franken. War die Einführung des Krankenversicherungsgesetzes ein Fehler?
Thomas Christen: Nein. Das Krankenversicherungsgesetz ist eine zentrale soziale Errungenschaft. Das Versprechen, das damals eine Mehrheit überzeugt hat, ist der gleiche Zugang zu einer medizinisch umfassenden Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung – unabhängig von Alter, Gesundheitszustand und Portemonnaie.
Ist das Versprechen eingelöst?
Ja. Gleichzeitig wird die Herausforderung der steigenden Kosten und der steigenden Prämien immer grösser. Zum Glück wurden vor Kurzem verschiedene Reformen verabschiedet, welche hier Gegensteuer geben.
Der gleichwertige Zugang zu medizinischer Versorgung war nur ein Aspekt. Die Politik wollte schon damals Kosten eindämmen. Wieso gelingt das nicht?
Letzten Sommer gab es eine Umfrage von GFS Bern, in der deutlich mehr als 90 Prozent der Befragten angaben, dass die Krankenversicherung ihr Versprechen erfüllt. Das ist ein Vertrauensbeweis, der nicht selbstverständlich ist und zudem wir Sorge tragen müssen.
Trotzdem steigen die Kosten weiterhin stark.
Das ist der Punkt. Eine alternde Bevölkerung beansprucht mehr Leistungen. Und wir alle wollen von medizinischen Innovationen profitieren. Die Kosten werden darum auch in Zukunft steigen.
Da lässt sich nichts machen?
Doch. Es gibt eben auch medizinisch nicht notwendige Kosten. Es ist wichtig, dass die Kosten nur moderat steigen, damit die Krankenversicherung finanzierbar bleibt. Die Gesundheitskosten sind bereits heute eine der grössten Sorgen der Bevölkerung. Und wenn ich in die Zukunft schaue, bereitet mir das noch mehr Sorgen. Darum müssen wir die Kosten stets im Auge halten und die jüngsten Reformen gut umsetzen. Über Jahre war die Rede vom Reformstau. Diese Blockade wurde gelöst und vier zentrale Neuerungen durchgebracht: eine einheitliche Finanzierung, mehr Prämienverbilligungen, Kostenziele und einen neuen ambulanten Ärztetarif.
Bereits bei der Einführung des KVG wusste die Politik, dass die Prämien für weniger Vermögende kaum finanzierbar sind. Ist das System der Kopfprämien falsch?
Kopfprämien verlangen nach einem starken sozialen Korrektiv. Die Prämienverbilligungen leisten dies. Und mit einer der angesprochenen Reformen werden die Mittel hier nochmals ausgebaut: Ab Anfang 2026 wird die Bevölkerung von zusätzlich 400 Millionen Franken an individuellen Prämienverbilligungen profitieren können.
Trotzdem zeigt sich, dass die Belastung weiter steigt. Muss die Finanzierung verändert werden?
Nebst den Kosten ist auch die Finanzierung ein wichtiger Hebel. Heute werden von den 55 Milliarden Franken Kosten der Krankenversicherung über drei Viertel von den Prämienzahlenden oder von den Patientinnen und Patienten selbst gezahlt. Ist das auch für die Zukunft die richtige Verteilung? Oder braucht es ein stärkeres soziales Korrektiv? Die Frage müssen Politik und Gesellschaft nicht heute beantworten. Aber sie wird sich wieder stellen.
Angesichts des starken Kostenwachstums: Hat die Politik wichtige Stellschrauben verpasst, um bei den Kosten anzuziehen?
Nein, verpasst nicht. Es dauerte einfach sehr lange, bis wichtige Projekte wie die einheitliche Finanzierung oder die Kostenziele zu einem Abschluss kamen.
Sie nennen vier wichtige Reformen. Wann kommen sie?
Der neue ambulante Ärztetarif trat zusammen mit den Anpassungen bei der Prämienverbilligung und den Kostenzielen Anfang dieses Jahres in Kraft. Die einheitliche Finanzierung folgt dann 2028. Alle diese Reformen erzielen einzeln eine grosse Wirkung und beeinflussen sich auch gegenseitig positiv.
Inwiefern?
Sie werden die ambulante Grundversorgung und die koordinierte Versorgung stärken. Das ist im Interesse der Patientinnen und Patienten. Und unter dem Strich auch günstiger. Damit werden sie zur Kostendämpfung beitragen und den Prämienanstieg dämpfen.
Was ist der Zeithorizont für eine Entlastung?
Bei der übernächsten Prämien-Genehmigung im Jahr 2027 auf das Jahr 2028 werden die Versicherten spürbar entlastet, weil sich die Kantone dann stärker an den ambulanten Kosten beteiligen werden. Auf dahin werden auch die neuen Kostenziele greifen.
Sie haben eingangs die vielen Fehlanreize erwähnt. Der Bundesrat schätzt, dass etwa 20 Prozent der Leistungen auf Über- oder Fehlversorgung zurückgehen. Wie bringt man diese aus dem System?
Die genannten Reformen beseitigen viele Fehlanreize, etwa indem die neuen Tarife die medizinische Realität besser abbilden oder mehr Transparenz geschaffen wird. Aber die Arbeit geht natürlich weiter.
Zwei wichtige Reformen haben sie ausgeklammert: Das elektronische Patientendossier und die Spitalfinanzierung. Sind diese gescheitert?
Das elektronische Gesundheitsdossier wird gerade neu ausgerichtet. Künftig erhält jede Person in der Schweiz automatisch und kostenlos ein Dossier, ausser man will es nicht. Das neue Gesetz geht nun ins Parlament. Und es ist wichtig, dieses voranzutreiben, damit es möglichst schnell Wirkung entfalten kann. Denn die Digitalisierung kann den Koordinationsaufwand deutlich verringern und weitere Fehlanreize aus dem Weg schaffen.
Mit der neuen Spitalfinanzierung wollte das Parlament die Spitallandschaft konsolidieren. Ist das misslungen?
Die Spitalfinanzierung ist in wichtigen Teilen umgesetzt, aber noch nicht vollendet. Gerade bei der Spitalplanung gibt es noch Luft nach oben. Aber auch hier gibt es konkrete Fortschritte: Die Kantone haben eben beschlossen, stärker über die Kantonsgrenzen zusammenzuarbeiten.
Die hohen Prämien haben eine Kehrseite: Das umfassende Angebot der Grundversicherung wird hinterfragt. Sehen Sie den gleichwertigen Zugang zur Medizin gefährdet?
Ja, das ist genau der zentrale Punkt. Die Kosten steigen wegen der Demografie und teuren medizinischen Innovationen sowie immer neuen Ansprüchen. Das befeuert Ideen für eine Zweiklassenmedizin, wenn wir hier nicht dagegenhalten.
Welche meinen Sie?
Eine Minimalfranchise von 5000 oder 10'000 Franken, ein reduzierter Leistungskatalog oder ein Prämienzuschlag für die ältere Bevölkerung. Neu kursiert etwa die Idee, die ganze Psychotherapie aus dem Leistungskatalog auszuklammern. Aber psychische Krankheiten lassen sich damit nicht beseitigen. Personen, die psychologische Hilfe brauchen, müssten also eine Zusatzversicherung abschliessen oder die Therapie aus der eigenen Tasche zahlen.
Das wollen Sie verhindern?
Das sind alles Vorschläge, die dem Grundgedanken der Krankenversicherung zuwiderlaufen. Das bereitet mir Sorgen. Genau darum ist es zentral, dass wir die Kosten und die Finanzierung im Griff halten.
Wenn Sie einen Hebel zur Verbesserung des Gesundheitswesens umlegen könnten, welcher wäre das?
Die Silos aufbrechen. Die Pharma verlangt höhere Medikamentenpreise, die Spitäler machen eine Unterfinanzierung geltend oder die Physiotherapie beklagt zu tiefe Tarife. Im Einzelnen haben solche Korrekturen vielleicht keine zu grosse Auswirkung. Aber zusammengenommen führt das zu einem massiven Kostenproblem. Wir brauchen darum mehr Gesamtblick.
Dieser kann die demografische Entwicklung aber nicht bremsen.
Nein. Dass wir länger leben als frühere Generationen ist sehr erfreulich, kostet aber auch mehr. Über 65-Jährige verursachen vier Mal mehr Kosten als jüngere Personen. Trotzdem müssen wir dafür sorgen, dass die Kosten nicht aus dem Ruder laufen.
Wo lässt sich konkret ansetzen?
Der zweite grosse Treiber ist die medizinische Innovation. Für Medikamente zahlen wir die höchsten Preise in ganz Europa. Kaum ein neues Krebs-Medikament, das nicht 100'000-150'000 Franken pro Jahr kostet. Wenn nun die Pharma-Hersteller gleichzeitig höhere Medikamentenpreise fordern und Gewinne in zweistelliger Milliardenhöhe ausschütten, reibe ich mir schon etwas die Augen. Es ist unbestritten, dass wir Innovation angemessen vergüten wollen und dass die Pharma wichtig ist für den Standort Schweiz. Aber wir können die Auswirkung höherer Medikamentenpreise auf die Prämien nicht einfach ignorieren.
Sie haben viele Preise verhandelt – nicht nur für Medikamente. Setzen sie mit dem starken Kostenfokus die gute Versorgung aufs Spiel?
Nein, eben gerade nicht. Die Schweiz hat eine sehr gute Versorgung. In den letzten 30 Jahren ist die Lebenserwartung um sechs Jahre gestiegen. Im OECD-Ländervergleich besetzt die Schweiz überall Spitzenpositionen: Wir haben eine tiefe Mortalität, eine qualitativ gute Versorgung und viel Personal. Im Unterschied zu anderen Ländern hören wir auch bedeutend weniger von verschobenen oder abgesagten Behandlungen oder von langen Wartelisten. Die Herausforderung ist aber, dass diese gute Versorgung auch in Zukunft allen zur Verfügung steht. Das geht nur, wenn die Sozialversicherung finanzierbar bleibt. Darum ist der Kostenfokus wichtig.
Sie verlassen nach neun Jahren das Bundesamt für Gesundheit. Gehen Sie mit einem guten Gefühl?
Ich verspüre Dankbarkeit. Es ist ein Privileg, einen Politikbereich mitgestalten zu dürfen, der die Bevölkerung so unmittelbar betrifft. Dann spüre ich Erleichterung. In der Gesundheitspolitik bohren wir besonders harte Bretter. Lange galt der Vorwurf des Reformstaus. Jetzt sind vier zentrale Reformen gelungen. Damit wurden wichtige Weichen für die Zukunft gestellt.
Sie haben viele Gefechte ausgefochten mit der Pharma, mit den Krankenkassen, mit den Ärztinnen, Physiotherapeuten und Psychologen. Ist es befreiend, nicht mehr im Auge des Sturms zu stehen?
Die Angriffe waren ja zum Glück selten persönlich gemeint. Aber es ist klar: Ich bin mitverantwortlich für die Krankenversicherung und überzeugt, dass Kostendämpfung eine wichtige Daueraufgabe ist. Da stösst man in der Branche nicht nur auf Gegenliebe.
Wissen Sie schon, was Sie ab Februar machen?
Die Gesundheitspolitik und insbesondere die Krankenversicherung begeistern mich nach wie vor. Darum werde ich auch in diesem Bereich tätig bleiben – einfach in anderer Rolle: beratend und selbstständig. (aargauerzeitung.ch)
