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ARCHIV - ZUM JAHRESRUECKBLICK 2019 - NATIONAL STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Andreas Meyer, CEO SBB verlaesst das Podium am Ende einer Medienkonferenz, am Mittwoch, 4. September 2019 in Bern. Andreas Meyer kuendigte seinen Ruecktritt an. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

SBB-Chef Andreas Meyer kehrt den SBB den Rücken zu. Noch immer ist aber unklar, wer wann seine Nachfolge antritt. Bild: KEYSTONE

Interview

SBB-Personal demonstriert gegen Meyer: «Chefs sind meilenweit von Realität entfernt»

Verschmutzte und verspätete Züge machen nicht nur die Passagiere, sondern auch das Personal sauer. Am Montag gehen darum SBB-Angestellte auf die Strasse. Barbara Spalinger, Vizepräsidentin der Eisenbahner-Gewerkschaft SEV, sagt, was sich jetzt bei den Bahnen ändern muss.



Frau Spalinger, SBB-Angestellte demonstrieren am Montag vor dem Hauptsitz in Bern gegen «schädliche Reorganisationen» und gegen die SBB-Führung. Woher kommt diese Wut?
Barbara Spalinger: Im August wurde ein Zugbegleiter in Baden von einer defekten Zugtüre eingeklemmt und tödlich verletzt. Der Unfall hat viele Mängel bei den SBB aufgedeckt und hallt beim Personal immer noch nach. Bei den Lokführern, im Unterhalt oder bei den Zugbegleitern: Es fehlt laut unserer Analyse im SBB-Betrieb an allen Ecken und Enden an Personal. Schuld daran sind offensichtlich grobe Fehlplanungen und die unzähligen Reorganisationen, die sofort gestoppt werden müssen. Zudem gehen in den nächsten Jahren 10'000 SBB-Mitarbeiter in Pension.

«Die SBB sind da, um Züge zu fahren, und nicht um fliegende Autos zu produzieren.»

Barbara Spalinger

Ihre Kritik zielt auf die SBB-Konzernleitung um Andreas Meyer. Wie stark ist der oberste Boss an der Bahn-Misere schuld?
Als CEO trägt Meyer die Verantwortung. Er hat in seiner Amtszeit einen Kulturwandel zu Gunsten der Digitalisierung vorangetrieben. Das ist teilweise durchaus sinnvoll. Aber die SBB haben in den letzten Jahren den Bahnbetrieb vernachlässigt. Die SBB sind da, um Züge zu fahren, und nicht um fliegende Autos zu produzieren. Ein Problem ist auch, dass die Konzernleitung meilenweit von der Realität respektive dem Bahnbetrieb entfernt ist.

Barbara Spalinger, Vizepraesidentin SEV, spricht waehrend einer Medienkonferenz, am Montag 20. Mai 2019, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Barbara Spalinger, Vizepräsidentin der Bähnler-Gewerkschaft SEV. Bild: KEYSTONE

Wie meinen Sie das?
Die SBB sind ein riesiger, extrem komplexer Konzern. Wichtige Informationen und Einsichten gelangen nicht immer an den richtigen Ort. Auch darum traut das Personal den Chefs nicht mehr. Der Laden läuft im Moment alles andere als gut.

«Der Schwebezustand wegen der Meyer-Nachfolge lähmt die SBB zusätzlich.»

Noch immer ist nicht klar, wann eine neue Chefin oder ein neuer Chef auf Meyer folgt. Was sind die Folgen dieses «Führungsvakuums»?
Dieser Schwebezustand lähmt das Unternehmen zusätzlich. Die SBB sind aber nicht führungslos. Denn neben Meyer ist die gesamte Konzernleitung in der Pflicht, die SBB aus dieser schwierigen Lage herauszuführen.

Die SBB-Konzernspitze schlug zuletzt neue Töne an und gab sich zuletzt betont selbstkritisch. Findet tatsächlich ein Umdenken statt?
Der Verwaltungsrat hat begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Es darf keine weiteren Sparprogramme auf Kosten des Bahnbetriebes geben.

Sie pendeln von Basel nach Bern. Wie erleben Sie selbst den Zustand der SBB?
Gerade heute war mein Zug wieder um 15 Minuten verspätet. Das ist leider keine Ausnahme mehr. Oft verschmutzte Wagen, abgeschlossene Türen, versprayte Scheiben: Die SBB sind meines Wissens noch nie in einem so schlechten Zustand gewesen wie heute.

Was sind die Folgen für die Angestellten?
Wenn in einem Zug fünf WCs nicht benutzbar sind, dann werden die Passagiere hässig. Das SBB-Personal wird so zusehends zum Blitzableiter für frustrierte Bahnkunden. Ich habe den Eindruck, dass das SBB-Personal trotz all der digitalen Hilfsmittel im Zugsbetrieb massiv gestresst ist. Es ist wie ein Hamsterrad, das nicht mehr aufhört zu drehen. Am schlimmsten ist der Personalmangel. Es gab Tage, da fehlten alleine im Depot Zürich 30 Lokführer. Stellen Sie sich das mal vor.

Das Vertrauen in die Chefs sinkt. Kommt es wegen der angespannten Situation vermehrt zu Kündigungen beim SBB-Personal?
Die Fluktuation bei den SBB ist nach wie vor tief. Ich weiss aber von einer Abteilung im Bereich Steuerung und Verkehr, bei der im Zuge einer Reorganisation ein Drittel der Leute gekündigt oder die Abteilung gewechselt hat. Da geht viel Knowhow verloren.

«Das SBB-Personal ist im Zugsbetrieb massiv gestresst.»

Blicken wir in die Zukunft: Welche Anforderungen muss der neue SBB-Chef oder die neue SBB-Chefin aus Sicht des SEV unbedingt erfüllen?
Es darf kein x-beliebiger Manager das Steuer übernehmen. Die neue Führungsperson muss den Service public hochhalten und spüren, dass die SBB einen Teil der Schweizer Identität ausmachen.

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76 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Sherlock_Holmes
02.12.2019 18:13registriert September 2015
«Ein Problem ist auch, dass die Konzernleitung meilenweit von der Realität respektive dem Bahnbetrieb entfernt ist.»
Das ist nebst den falschen Zielsetzungen das Hauptproblem!
Wie kann ein Konzern erfolgreich sein, wenn das Management nicht merkt oder nicht zur Kenntnis nehmen will, dass es in der Produktion lichterloh brennt?
Nach dem Motto: «...Es gibt da ein paar Probleme, aber die haben wir im Griff.»
Es braucht nun wie erwähnt, eine Führung, die sofort und entschieden die notwendigen Korrekturen vornimmt – sprich das Feuer löscht sowie die Schäden behebt – und Schwerpunkte setzt.
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DerUnsichtbare
02.12.2019 17:47registriert April 2015
Jaja ich weiss noch aus meiner Zeit bei Infrastruktur vor zwei Jahren wie sehr wir alle gestresst waren..Alle knapp am Bore-out vorbeigeschlittert, hauptsache alles läuft digital und für alle Aufgaben viel zu viel Zeit. Aber die SBB ist halt ein Immobilienkonzern geworden..
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dracului
02.12.2019 19:00registriert November 2014
Kündigungen in der SBB? Ein Erklärungsversuch: Für viele Mitarbeitende ist die SBB ihr (lebenslanger) Stolz und sie möchten nicht woanders arbeiten. Viele waren früher dafür sogar bereit, Extrameilen zu gehen. Der anspruchsvolle SBB Service public lebt primär durch diese bahnbegeisterte Belegschaft. Die meisten Mitarbeiter können genau sagen, was ihnen zum Erfolg im Berufsalltag fehlt. Einfach mal mit, anstatt gegen, die Mitarbeiter arbeiten, wäre eine gute Eigenschaft für den neuen CEO.
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