«In unserer Generation gibt es kaum Vorbilder für eine wirklich involvierte Vaterschaft»
Was geht in den Neo-Vätern vor, die Ihren Rat suchen, was sind typische Themen?
Ueli Kunz: Häufig sehr grundlegende Fragen rund um Verantwortung, Sicherheit und ihre neue Rolle als Vater und Partner. Viele fragen sich: Kann ich meiner Familie den nötigen Halt und einen sicheren Rahmen bieten? Sie sorgen sich darum, ob ihre Partnerin Schwangerschaft und Geburt gut und gesund bewältigt und wie sie sie dabei ausreichend unterstützen können – auch während der Geburt selbst. Gleichzeitig ist da die Hoffnung, ein gesundes Kind zu bekommen und den neuen Familienalltag möglichst gut zu meistern. Und viele Männer beschäftigt die Frage, ob sie intuitiv verstehen werden, was ihr Kind braucht und ob sie ihrer Vaterrolle gerecht werden können.
Gibt es für die aktiv gelebte Vaterschaft genügend Vorbilder?
Das ist tatsächlich ein Problem. In unserer Generation gibt es kaum Vorbilder für eine wirklich involvierte Vaterschaft. Man bewegt sich in einem Vakuum und muss sich sein Bild selbst zusammenbauen, oft als Abgrenzung zum Negativbeispiel der eigenen Väter.
Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit Väter und Mütter egalitärer behandelt werden?
Ich denke, die Familienzeit für beide Elternteile würde bereits viel verändern. Ebenso wichtig wäre eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, dass Väter genauso Verantwortung in der Care-Arbeit übernehmen wollen und sollen wie Mütter. Die erste Zeit nach der Geburt ist prägend – für das Kind, aber auch für beide Elternteile. Deshalb sollte es normal sein, dass in dieser Phase beide Eltern zeitweise am Arbeitsplatz fehlen können und dürfen. Solange dies hauptsächlich für Frauen gilt, bleiben sie beruflich benachteiligt.
Sie haben selbst drei Kinder. Haben Sie sich vor der Geburt des ersten Kindes überlegt, was für ein Vater Sie sein wollen?
Für mich war von Anfang an klar, dass ich involviert sein wollte. Mein eigenes Bild war geprägt von meinem Vater, der 100 Prozent gearbeitet hat, während meine Mutter zu Hause war. Ich wollte das anders machen und im Alltag präsenter sein. Wir haben mit einem festen Papa-Tag pro Woche begonnen. Wobei ich das heute nicht mehr so nennen würde. Jeder Tag ist ein Papa-Tag. Über die Jahre haben wir das Modell immer wieder angepasst; beim zweiten Kind habe ich auf 70 Prozent reduziert und beim dritten hatten wir zeitweise ein 50/50-Modell.
Was waren die grössten Herausforderungen in den ersten Wochen als Vater?
Am Anfang fühlte ich mich oft hilflos, zum Beispiel, wenn ich das Kind ohne die Möglichkeit des Stillens nicht beruhigen konnte. Das hat mich an meinen Fähigkeiten zweifeln lassen. Als es mir dann aber gelungen ist, dass das Baby im Tuch bei mir eingeschlafen ist, habe ich mich grossartig gefühlt! Aber engagierte Vaterschaft kann auch belastend sein: Nach der Geburt des dritten Kindes geriet ich in eine persönliche Krise, weil kaum noch Raum für mich selbst oder die Partnerschaft blieb. Ein Gefühl, das natürlich auch ganz viele Mütter kennen.
Wie reagiert das Umfeld auf Ihr Engagement als Vater?
Es gibt da eine Doppelmoral. Wenn ich mit den Kleinkindern unterwegs war, erhielt ich oft Komplimente wie «Super, dass du daheim bist». Meiner Frau würde das niemand sagen, da wird es eher vorausgesetzt. Ich merke aber auch an mir selbst, wie tief Rollenbilder verankert sind: Ich war kürzlich erstaunt, wie eine Ärztin mit vier Kindern ihre Karriere geschafft hat – bei einem Chefarzt mit Kindern hätte ich mir diese Frage nie gestellt.
Sind Sie heute in Ihrer Vaterrolle angekommen?
Ja und nein. Vater sein ist ein Prozess des Mitwachsens, der nie aufhört. Jedes Alter der Kinder bringt neue Herausforderungen mit sich, die einen an die Belastungsgrenzen bringen können, wie morgendlicher Stress oder Trotzanfälle. Aber es gibt auch die unglaublich schönen Momente.
