Schweiz
Interview

«Prozess, der nie aufhört»: Experte weiss, was Väter heute beschäftigt

IZMIR, TURKIYE - MARCH 31: A family plays sports at Kordon shore as citizens enjoy sunny spring weather after casting their votes in local elections in Izmir, Turkiye on March 31, 2024. (Photo by Berk ...
Involvierte Väter sind von der Ausnahme zur neuen Norm geworden. Doch viele tun sich mit ihrer neuen Rolle schwer.Bild: Berkan Cetin/Anadolu via Getty Images
Interview

«In unserer Generation gibt es kaum Vorbilder für eine wirklich involvierte Vaterschaft»

Der dreifache Vater Ueli Kunz arbeitet als Väterberater. Er weiss, was junge und werdende Väter heute beschäftigt.
26.05.2026, 05:0026.05.2026, 05:00
Deborah Stoffel / ch media

Was geht in den Neo-Vätern vor, die Ihren Rat suchen, was sind typische Themen?
Ueli Kunz: Häufig sehr grundlegende Fragen rund um Verantwortung, Sicherheit und ihre neue Rolle als Vater und Partner. Viele fragen sich: Kann ich meiner Familie den nötigen Halt und einen sicheren Rahmen bieten? Sie sorgen sich darum, ob ihre Partnerin Schwangerschaft und Geburt gut und gesund bewältigt und wie sie sie dabei ausreichend unterstützen können – auch während der Geburt selbst. Gleichzeitig ist da die Hoffnung, ein gesundes Kind zu bekommen und den neuen Familienalltag möglichst gut zu meistern. Und viele Männer beschäftigt die Frage, ob sie intuitiv verstehen werden, was ihr Kind braucht und ob sie ihrer Vaterrolle gerecht werden können.

Gibt es für die aktiv gelebte Vaterschaft genügend Vorbilder?
Das ist tatsächlich ein Problem. In unserer Generation gibt es kaum Vorbilder für eine wirklich involvierte Vaterschaft. Man bewegt sich in einem Vakuum und muss sich sein Bild selbst zusammenbauen, oft als Abgrenzung zum Negativbeispiel der eigenen Väter.

Zur Person
Ueli Kunz leitet die Fachstelle Väterbildung Niudad bei männer.ch und ist selbstständig als Familienmediator tätig. Er ist Vater von drei Kindern und lebt in Bern.
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Bild: https://www.mediation-in-bern.ch/ueli-kunz

Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit Väter und Mütter egalitärer behandelt werden?
Ich denke, die Familienzeit für beide Elternteile würde bereits viel verändern. Ebenso wichtig wäre eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, dass Väter genauso Verantwortung in der Care-Arbeit übernehmen wollen und sollen wie Mütter. Die erste Zeit nach der Geburt ist prägend – für das Kind, aber auch für beide Elternteile. Deshalb sollte es normal sein, dass in dieser Phase beide Eltern zeitweise am Arbeitsplatz fehlen können und dürfen. Solange dies hauptsächlich für Frauen gilt, bleiben sie beruflich benachteiligt.

Sie haben selbst drei Kinder. Haben Sie sich vor der Geburt des ersten Kindes überlegt, was für ein Vater Sie sein wollen?
Für mich war von Anfang an klar, dass ich involviert sein wollte. Mein eigenes Bild war geprägt von meinem Vater, der 100 Prozent gearbeitet hat, während meine Mutter zu Hause war. Ich wollte das anders machen und im Alltag präsenter sein. Wir haben mit einem festen Papa-Tag pro Woche begonnen. Wobei ich das heute nicht mehr so nennen würde. Jeder Tag ist ein Papa-Tag. Über die Jahre haben wir das Modell immer wieder angepasst; beim zweiten Kind habe ich auf 70 Prozent reduziert und beim dritten hatten wir zeitweise ein 50/50-Modell.

Was waren die grössten Herausforderungen in den ersten Wochen als Vater?
Am Anfang fühlte ich mich oft hilflos, zum Beispiel, wenn ich das Kind ohne die Möglichkeit des Stillens nicht beruhigen konnte. Das hat mich an meinen Fähigkeiten zweifeln lassen. Als es mir dann aber gelungen ist, dass das Baby im Tuch bei mir eingeschlafen ist, habe ich mich grossartig gefühlt! Aber engagierte Vaterschaft kann auch belastend sein: Nach der Geburt des dritten Kindes geriet ich in eine persönliche Krise, weil kaum noch Raum für mich selbst oder die Partnerschaft blieb. Ein Gefühl, das natürlich auch ganz viele Mütter kennen.

Wie reagiert das Umfeld auf Ihr Engagement als Vater?
Es gibt da eine Doppelmoral. Wenn ich mit den Kleinkindern unterwegs war, erhielt ich oft Komplimente wie «Super, dass du daheim bist». Meiner Frau würde das niemand sagen, da wird es eher vorausgesetzt. Ich merke aber auch an mir selbst, wie tief Rollenbilder verankert sind: Ich war kürzlich erstaunt, wie eine Ärztin mit vier Kindern ihre Karriere geschafft hat – bei einem Chefarzt mit Kindern hätte ich mir diese Frage nie gestellt.

Sind Sie heute in Ihrer Vaterrolle angekommen?
Ja und nein. Vater sein ist ein Prozess des Mitwachsens, der nie aufhört. Jedes Alter der Kinder bringt neue Herausforderungen mit sich, die einen an die Belastungsgrenzen bringen können, wie morgendlicher Stress oder Trotzanfälle. Aber es gibt auch die unglaublich schönen Momente.

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89 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Xicotencatl Axayacatl
26.05.2026 05:53registriert August 2024
Unsere Generation (Y/Z) hat doch, im Vergleich zu Generationen davor, recht viele „involvierte“ Väter. Es gibt sehr wohl Vorbilder dafür, auch schon aus der Zeit davor. Ich finde diese mittlerweile omnipräsente Männergeisselung ehrlichgesagt etwas ermüdend.
Abgesehen davon denke ich, dass man seine eigene Vaterschaft auch ohne Vorbild gestaltet kann. Wie bevormundend. Es gibt viele Männer, die ohne Vater aufgewachsen sind und dann trotzdem „gute“ Väter sind. Insgesamt viel Mimimi in diesem Interview.
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DanielaK
26.05.2026 06:24registriert November 2016
Es ist sicher auch gut, dass es dieses Thema und diese Anlaufstelle gibt. Aber: SO kompliziert ist es dann auch nicht, wie es hier aussehen will. Miteinander reden und die Einstellung im Kopf machen schon vieles aus. Als Beispiel: mein Vater war immer ein sehr präsenter Vater, schon als ich 1985 auf die Welt kam. Obwohl er 100%gearbeitet hatte, hatte ich immer das Gefühl, viel mehr von meinem Vater zu haben als andere Kinder. Sein Vorteil war: wenn er zu Hause war war er wirklich da, ich konnte immer überall dabei sein. Arbeitsschluss und Mini-Arbeitsweg half natürlich auch, klar.
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Glücklicher
26.05.2026 06:42registriert Juni 2020
Involvierter Vater uu sein hat bei Weitem nicht nur mit dem Arbeitspensum zu tun. Ich arbeite 100% da ich wesentlich mehr Einkommen generieren kann als meine Frau. Trotzdem bin ich für meine Jungs bei "Gefühls"-Themen Ansprechstelle Nr. 1, meine Frau dann eher bei den praktischen Sachen.
Ist eine Sache der Familie, wie sie ihr Leben gestalten kann und will.
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