Staatsanwalt Lo Voi: Diskret, aber knallhart im Fall von Crans-Montana
Der 68-jährige Sizilianer Lo Voi ist keiner, der davor zurückschreckt, auch Mächtige ins Visier zu nehmen. So hatte er vor gut einem Jahr Ermittlungen gegen die halbe italienische Regierung aufgenommen: Gegen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, gegen Justizminister Carlo Nordio, gegen Innenminister Matteo Piantedosi und gegen Melonis rechte Hand, Staatssekretär Alfredo Mantovano. Diese hatten im Januar 2025 alle auf ihre Weise dazu beigetragen, dass ein vom internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesuchter libyscher Folter-General in Italien zuerst auf freien Fuss gesetzt und dann mit einem Staatsflieger nach Tripolis ausgeflogen wurde. Lo Voi warf den Regierungsmitgliedern Begünstigung und Amtsunterschlagung vor.
Einige Jahre zuvor hatte Lo Voi – damals noch als Staatsanwalt von Palermo – auch schon gegen den früheren Innenminister und heutigen Vizepremier Matteo Salvini ermittelt: Im Zusammenhang mit der wochenlangen Verweigerung eines sicheren Hafens für das Rettungsschiff Open Arms der gleichnamigen spanischen Hilfsorganisation im Jahr 2019 warf er Salvini Freiheitsberaubung und Amtsmissbrauch vor. Inzwischen ist Salvini von diesen Vorwürfen freigesprochen worden. Auch bezüglich des libyschen Folterknechts sind die Ermittlungsakten wieder geschlossen worden; in diesem Fall war es im Wesentlichen die parlamentarische Immunität, die zur Einstellung des Verfahrens führte.
Trotz seiner Ermittlungen gegen Rechtspolitiker kann man Lo Voi nicht zu den «roten Roben» zählen, wie der verstorbene Premier, Multimilliardär und verurteilte Steuerbetrüger Silvio Berlusconi die – angeblich oder tatsächlich – linken Richter und Staatsanwälte zu bezeichnen pflegte. Vielmehr gilt Lo Voi als unabhängiger, kühler, fast schon technokratischer Ermittler; im Unterschied zu einigen seiner Kollegen, die sich manchmal fast wie Popstars aufführen, meidet er das Rampenlicht und gibt so gut wie keine Interviews. Aus den von ihm geleiteten Staatsanwaltschaften werden – im Unterschied zu den meisten anderen – auch kaum vertrauliche Ermittlungsakten an die Medien durchgestochen.
Seine Lehrmeister wurden ermordet
Lo Voi ist noch richtig «Old School». Geboren 1957 in Palermo, leitete er zuerst eine kleine Jugendstaatsanwaltschaft in Sardinien, ehe er 1990 zum historischen Anti-Mafia-Pool in Palermo stiess. Dieser wurde geleitet von den beiden legendären Staatsanwälten und Mafia-Jägern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Damals hatte die Cosa Nostra des Superpaten Toto Riina dem italienischen Staat den Krieg erklärt; Palermo galt im Volksmund als der «Schiessstand der Mafia». Allein in der sizilianischen Hauptstadt gab es jährlich bis zu tausend Mafia-Morde. Lo Voi lernte sein Metier von Falcone und Borsellino – bis diese im Jahr 1992 innerhalb von wenigen Monaten durch Bombenanschläge der Cosa Nostra ums Leben kamen.
Nach der Ermordung seiner beiden Lehrmeister blieb Lo Voi der Staatsanwaltschaft von Palermo und dem Kampf gegen die Mafia treu. Im Lauf seiner Karriere leitete er eine ganze Reihe von spektakulären Verfahren und war massgeblich daran beteiligt, dass die Cosa Nostra heute zwar noch nicht geschlagen, aber doch enorm geschwächt und praktisch führungslos ist. Von 2014 bis 2021 war er Oberstaatsanwalt von Palermo; vor seinem Aufstieg an die Spitze der Staatsanwaltschaft war er während vier Jahren Italiens Vertreter bei Eurojust in Den Haag gewesen, was ihm einen internationalen Blick auf die organisierte Kriminalität verschaffte. Seit 2021 ist er Oberstaatsanwalt von Rom, wo er sich verstärkt der Korruption in der Politik und der Unterwanderung der legalen Wirtschaft durch kriminelle Organisationen widmet.
Es liegt auf der Hand, dass ein Staatsanwalt von diesem Kaliber bezüglich der gemeinsamen Ermittlungen zur Brandkatastrophe von Crans-Montana in Italien hohe Erwartungen weckt. Gerade im Kanton Wallis, wo es enge personelle Verflechtungen zwischen Politik, Gemeindebehörden, Justiz und Wirtschaft gibt, dürfte die Expertise eines erfahrenen Mafia- und Korruptionsspezialisten wie Lo Voi hilfreich sein. Die Angehörigen der sechs italienischen Todesopfer der Bar Le Constellation wissen, dass Lo Voi in der Schweiz keine eigenen Anklagen erheben und Verhaftungen durchführen kann. Aber allein seine Anwesenheit ist für sie eine Garantie, dass schwere Ermittlungspannen, wie sie im Wallis vorkamen, von nun an weniger wahrscheinlich sein werden.
