Prozess gegen Sanija Ameti – Verteidigung spricht von Auswirkungen ihres Kriegstraumas
Am Bezirksgericht Zürich hat am Mittwoch der Prozess gegen die frühere GLP-Politikerin Sanija Ameti begonnen. Sie steht vor Gericht, weil sie auf ein Bild mit Maria und Jesus geschossen hatte. Der Prozess zieht unzählige Zuschauer an.
Neben Ameti und ihrem Anwalt sind über zwanzig Zuschauerinnen und Zuschauer anwesend, welche die Politikerin wegen ihrer «Schiessübung» angezeigt hatten. Darunter sind Massvoll-Präsident Nicolas Rimoldi sowie Nils Fiechter von der Jungen SVP. Im Publikum sitzen auch viele «gläubige Christinnen und Christen».
Wegen Störung der Glaubensfreiheit fordert die Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu 100 Franken sowie eine Busse über 2500 Franken. Das Urteil dürfte noch am Mittwoch eröffnet werden.
Ameti hat bei der Befragung jegliche Aussagen verweigert. Der Richter verzichtete deshalb darauf, seinen Fragenkatalog vorzulesen.
Staatsanwalt glaubt Ameti nicht
Der Zürcher Staatsanwalt, der Anklage erhoben hat, glaubt der Version der Beschuldigten nicht. Sie hatte in der Befragung angegeben, dass sie nicht gemerkt habe, dass sie auf Maria und Jesus geschossen habe.
«Wer's glaubt, wird selig», sagte der Staatsanwalt am Mittwoch in seinem Plädoyer. «Sie muss doch die Gesichter von Maria und Jesus gesehen haben, nicht nur eine Ansammlung von Farben.» Ameti habe von Anfang an geplant, einen solchen Post auf Instagram zu stellen. Das sei eine krasse Provokation ohne klaren Beweggrund gewesen.
Der Staatsanwalt verurteilte zwar den «Shit-Hurricane», mit dem Ameti nach ihrem Instagram-Post konfrontiert war. Er kritisierte auch, dass die Politikerin «wegen ein paar geistiger Tiefflieger» unter Polizeischutz habe gestellt werden müssen. «Aber auch Frau Ameti muss sich ans Gesetz halten.»
Dass Ameti ihr Bedauern äusserte und öffentlich um Entschuldigung bat, liess der Staatsanwalt nicht gelten. «Echte Reue zeigte sie nicht.» Sie habe lediglich gemerkt, dass sie zu weit gegangen und ihr politisches Fortkommen gefährdet sei.
Das fordert die Verteidigung
Der Anwalt von Sanija Ameti hat am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich einen Freispruch gefordert. Ametis Schüsse seien kein Angriff auf die Überzeugungen anderer gewesen, sondern eine Auswirkung ihres Kriegstraumas.
Die Schüsse auf das Bild mit Maria und Jesus hätten das Ziel gehabt, «sich aus der Sackgasse des Schmerzes zu befreien», sagte der Anwalt. Das habe nichts mit Blasphemie zu tun gehabt.
Im Bosnien-Krieg wurde Ametis älterer Bruder vor ihren Augen getötet. Dreissig Jahre lang habe sie mit niemandem darüber geredet, sagte der Anwalt. Nach dem Instagram-Post habe sie erstmals mit ihrer Mutter darüber geredet.
«Verfahren wird für andere Zwecke missbraucht»
«Es gibt keinen Beweis, dass sie den öffentlichen Frieden gefährdet hat», sagte der Anwalt. Hingegen sei es offensichtlich, dass das vorliegende Verfahren für andere Zwecke missbraucht wird. «Man muss sich nur die Liste der Anzeigeerstatter ansehen.» Diesen, etwa der Jungen SVP oder Massvoll, gehe es um das Thema Remigration, also dass jemand dorthin zurückgehe wo er oder sie herkomme. Die Staatsanwaltschaft fordert wegen Störung der Glaubensfreiheit eine bedingte Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu 100 Franken sowie eine Busse über 2500 Franken. (sda)
Weitere Informationen zum Prozess folgen.
