DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Kommentar

Köppel verfluchen im Theater: Alles nur geklaut – und das erst noch schlecht

Alle nerven sich über die Aktion «Schweiz Entköppeln» am Theater Neumarkt. Wir uns auch. Dabei ist das Ding so aufregend wie altes Brot von vorletzter Woche.



Am Mittwoch konnte man Roger Köppel neben Ebola, Impotenz, Maul- und Klauenseuche, zwanghaftem Onanieren, Blitzeinschlag oder einem Autounfall auch noch Querschnittlähmung, Schizophrenie und Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium an den Hals wünschen. Die letzten drei Verwünschungen sind seit heute Donnerstag nicht mehr möglich. Direkt oder indirekt Betroffene haben sich beschwert. Der Titel der Aktion: «Schweiz Entköppeln». Die Menschen dahinter: Das Berliner Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) unter der Leitung von Philipp Ruch.

Bild

bild: dani brandt

Bild

bild: facebook

Fast sieht man sich genötigt, Roger Köppel vor diesem Quatsch in Schutz zu nehmen. Nicht nur, weil das ZPS dazu auffordert, ihn online zu verfluchen (über eine halbe Million Flüche wabern gegen Küsnacht), sondern auch, weil es am Freitagabend einen Marsch nach Küsnacht vor Köppels Haus geben soll. Alle Teilnehmer werden dazu aufgefordert «stinkende Fische» mitzubringen, vorher soll Köppel im Theater Neumarkt der Geist von Julius Streicher ausgetrieben werden, des Eigentümers und Herausgebers des Nazi-Hetzblattes «Der Stürmer» (1923–1945) also.

Aber muss man das ernst nehmen? Ist dieser Philipp Ruch ein Genie, das uns allen die Augen öffnet? Ist er nicht. Ruch ist ein Kunst-Kopist. Einer, der bei Christoph Schlingensief klaut und bei Milo Rau. Schon der Name «Zentrum für politische Schönheit» (seit 2008) ähnelt Milo Raus «International Institute of Political Murder» (seit 2007). Milo Rau gibt in seinen theatralen Installationen von politischen Schlüsselprozessen den echten Protagonisten eine Bühne (etwa auch der Weltwoche 2013 in den «Zürcher Prozessen»). Ruch inszeniert Empörung. 

Ausstellungseröffnung
Zivilgesellschaftliche Kämpfe gegen die todbringende EU-Flüchtlingspolitik
Berlin, 17.7.2015
http://www.rosalux.de/documentation/53732
Leben, arbeiten, bleiben. Willkommen in Berlin! Zehn Tage Experimentierfeld für Begegnungen und Bewegungen. Berlin, 16. bis 25.7.2015
http://www.rosalux.de/widerspenstigeinternationale

Philipp Ruch.
Bild: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Philipp Ruch und das ZPS

Philipp Ruch kam 1981 in Dresden als Sohn eines deutsch-schweizerischen Psychologenpaars zur Welt. Im Juli 1989 durfte die Familie in die Schweiz ausreisen. 2003 kehrte Ruch nach Berlin zurück und studierte Philosophie. 2015 geriet sein «Zentrum für politische Schönheit» in die Schlagzeilen, weil es die Leichen von ertrunkenen Bootsflüchtlingen nach Berlin holte, um sie dort zu bestatten.

Im Herbst 2015 verlangte Ruch in einem Inserat im Strassenmagazin «Surprise» «Tötet Roger Köppel», ein Zitat von Schlingensiefs Kunstaktion «Tötet Helmut Kohl» von 1997. Ruchs Marsch nach Küsnacht kopiert Schlingensiefs Marsch vor die Villa von Christoph Blocher 2001. Doch Schlingensiefs (enorm zahme) Demo war damals kein Einzelevent, sondern teil seiner Recherche für «Hamlet» am Schauspielhaus.

Dieser «Hamlet» – mit echten deutschen Neonazis – wurde damals zum grossen, sowohl historisch als auch zeitpolitisch interessanten und äusserst unterhaltsamen Spektakel. Und zum Publikumsliebling. Denn Schlingensief war schlau und charmant und schaffte es immer, die Städte, die er zuerst provozierte, im Laufe seiner Prozesse um den Finger zu wickeln. Und, ganz wichtig: Am Ende war er immer ein höflicher Mann. Und wenn er mal geschmacklos wurde, dann vor allem gegen sich selbst.

Von Schlingsief hat Ruch auch den Katholizismus in «Schweiz Entköppeln» geklaut, den Exorzismus im Theater, gefolgt von der «strengkatholischen Prozession». Schlingesief liebte den Katholizismus, für seinen Zürcher Abend «Attabambi-Pornoland» (2004) drehte er Szenen in Einsiedeln, immer wollte er Jesus sein, sein letzter Zürcher Auftritt vor seinem Krebstod war eine Prozession vom Theater Neumarkt ins Schauspielhaus. Künstlerisch gesehen ist «Schweiz Entköppeln» also ungefähr so aufregend wie altes Brot von vorletzter Woche.

Kulturpolitisch gesehen ist es natürlich der Aufreger schlechthin. Für die Rechten – und damit auch für die Linken. Denn hier findet der absehbare Wille zum Vorurteil, dass linke Kunst ideologisch verbohrt, hirnverbrutzelt, primitiv, pervers und gewaltverherrlichend sei, Nahrung bis zum Überdruss. Jetzt schreien die Rechten wieder, dass Subventionen gestrichen gehören, und leider geht der Gegenseite dank einer dummen Aktion gerade der Atem für gute Argumente aus. Besten Dank dafür.

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Erste SRG-Umfrage: Gute Chancen für die Agrarinitiativen – und die Rentner überraschen

Gut sechs Wochen vor den Eidgenössischen Abstimmungen vom 13. Juni sind die Chancen für die beiden Agrarinitiativen intakt. Wäre der Entscheid Ende April gefallen, hätten 54 Prozent der Trinkwasser- und 55 Prozent der Pestizid-Initiative zugestimmt.

Für die drei Referendums-Vorlagen zeichnet sich ebenfalls ein Ja ab. Das ergab die erste Welle der SRG-SSR-Trendbefragung, die am Freitag veröffentlicht wurde. Bereits in einer Tamedia-Umfrage waren die beiden Agrarinitiativen und die drei …

Artikel lesen
Link zum Artikel