Appenzeller kosten weniger als Genfer – das sind die Gründe
Der Wohnort bestimmt massgeblich, wie hoch die Krankenkassenprämie ausfällt. So bezahlen die Genferinnen und Genfer (aktuell 489 Franken pro Monat) in der Grundversicherung im Schnitt fast doppelt so viel wie die Appenzell-Innerrhödler (270 Franken). Das spiegelt die Gesundheitskosten in den Regionen wider, die aufgrund des Bezugs von Leistungen sehr unterschiedlich ausfallen. Die Rangliste der günstigsten und teuersten Kantone variiert zwar jedes Jahr etwas. Längerfristig bleibt sie aber recht stabil.
Diese beträchtlichen Unterschiede sind erklärungsbedürftig. Eine bekannte These lautet: Die hartgesottenen Appenzeller halten wenig vom Arztbesuch. Und wenn, dann holen sie sich Hilfe vom Naturheiler. Im Umkehrschluss würde das heissen, dass die mutmasslich wehleidigen Genfer viel schneller auf kostspieligere medizinische Angebote zurückgreifen.
Doch können solche holzschnittartigen Analysen wirklich erklären, warum die Kosten zwischen einzelnen Regionen so stark variieren? Das haben die Forscher Caroline Chuard-Keller und Philip Hochuli vom CSS-Institut – einem unabhängigen Forschungsinstitut des gleichnamigen Luzerner Versicherers – untersucht. In einer neuen Studie haben sie Daten von rund einer halben Million Versicherten analysiert. Der Datensatz umfasst die Jahre 2010 bis 2022.
Umzüge sollen Aufschluss geben
Der Clou der Untersuchung lag darin, dass die Forscher insbesondere CSS-Versicherte in den Fokus nahmen, die ihren Wohnort wechselten. Also solche, die von einer teuren in eine günstigere Region zügelten und umgekehrt. Dadurch wollten Chuard-Keller und Hochuli verfolgen, wie sich diese Personen anpassen – und eine seit langem umstrittene Frage klären: Treibt ein bestimmtes Angebot die Gesundheitskosten regional in die Höhe? Oder ist es die Nachfrage der Versicherten, die beispielsweise in Genf und Appenzell Innerrhoden so unterschiedlich ausfällt?
Die Angebotsseite umfasst alle Aspekte, die der Versicherte nicht beeinflussen kann. Dazu gehört die Zahl der Hausärzte, Spitäler oder Apotheken in der Region. Aber auch der Behandlungsstil der Ärzte spielt eine Rolle. Es gibt solche, die rasch Medikamente verschreiben oder gar Operationen anordnen. Andere sind zurückhaltender.
Die Nachfrageseite umfasst die persönlichen Vorlieben und Verhaltensweisen der Versicherten. Neben Bildung oder finanzieller Lage geht es hier beispielsweise um die Risikofreudigkeit. Diese zeigt sich daran, ob jemand sehr schnell zum Arzt geht und dort auch rasch eine Behandlung einfordert. Oder ob jemand erst mal zuwartet.
Die Auswertung des CSS-Instituts zeigt nun, dass sich die beobachteten Unterschiede zu 60 Prozent mit der Nachfrage erklären lassen. Sprich: Die Prämien fallen beispielsweise im Kanton Genf höher aus, weil dort die Versicherten tatsächlich häufiger zum Arzt gehen oder rascher ein Medikament verlangen. Der restliche Unterschied, also immer noch 40 Prozent, wird durch das Angebot bestimmt. Sprich: In den teureren Regionen gibt es beispielsweise mehr Ärzte, deren Angebot dann auch genutzt wird.
Prämienzahler können Kosten beeinflussen
Während die Studie zeigt, dass beide Mechanismen – Angebot wie Nachfrage – relevante Kostentreiber sein können, zeigt ein Blick in die Details bemerkenswerte Unterschiede. Bei Medikamentenkosten ist das Angebot kaum entscheidend. «Das erstaunt nicht», sagt Caroline Chuard-Keller. «Wenn etwa eine Diabetikerin von Genf nach Appenzell zieht, braucht sie ja weiterhin ihre Medikamente. Da spielt es weniger eine Rolle, wie viele Apotheken oder Ärzte es in der Gegend hat.» Ähnlich verhält es sich bei Physiotherapie-Behandlungen oder dem Besuch bei der Gynäkologin.
Anders sieht es bei Laboruntersuchungen oder Hausarztbehandlungen aus. Dort ist die Angebotsseite entscheidender. Besonders stark ins Gewicht fällt sie bei chirurgischen Eingriffen. Zwei Drittel dieser Kostenunterschiede sind durch das Angebot erklärbar, also durch die Zahl der Spitäler, die Einstellung der Ärzte und deren finanzielle Interessen. «Ob ein Eingriff als notwendig erachtet wird, kann der Spezialist beeinflussen», erklärt Chuard-Keller. In Kantonen mit hohen Gesundheitskosten, so zeigt die Studie, wird also häufiger ein Eingriff angeordnet.
«Vielen Versicherten ist oft wenig bewusst, wie die Prämien zustande kommen und wie gross die Unterschiede zwischen den Kantonen sind», sagt Chuard-Keller. Die Studie habe gezeigt, dass der Anteil, den die Versicherten beeinflussen könnten, mit 60 Prozent doch beträchtlich sei. Gleichzeitig verdeutlicht die Untersuchung, dass das verfügbare Angebot auch eine wichtige Rolle spielt. Dieses können die Versicherten allerdings nicht steuern.
Hier steht die Politik in der Pflicht. Sie könnte etwa bei Operationen verlangen, dass strengere Leitlinien befolgt werden. «Das würde zu einheitlicheren Entscheiden führen, wann ein Eingriff tatsächlich durchgeführt werden sollte», sagt Chuard-Keller. (aargauerzeitung.ch)
