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Bern hat die Vorherrschaft im Mundart-Pop verloren – wie es dazu kam

Best Live Act Hecht thanks for winning at the award ceremony of the Swiss Music Awards in Zurich, Switzerland, on Thursday, March 19, 2026. (KEYSTONE/Andreas Becker)
Das Luzerner Quartett Hecht mit Sänger Stefan Buck (zweiter von rechts) ist aktuell die beliebteste Band der Schweiz. Bei den Swiss Music Awards gewannen sie gleich vier Awards.Bild: keystone

Bern hat die Vorherrschaft im Mundart-Pop verloren – wie es dazu kam

Nach jahrelanger Dominanz schwächelt der Berner Mundart-Pop. Die Schweiz wird musikalisch vielfältiger.
06.04.2026, 22:1806.04.2026, 22:18
Stefan Künzli / ch media

Jahrzehntelang dominierte der Berner Mundart-Pop die Schweizer Szene. Seit Rumpelstilz vor 50 Jahren mit Hits wie «Kiosk» und «Teddybär» die Schweizer Hitparade eroberte, baute die Berner Mundart-Fraktion ihre Vormacht kontinuierlich aus. In den 80er- und frühen 90er-Jahren herrschte sogar beinahe eine Monokultur. Lange Zeit galt es als eine Art Grundgesetz, dass die beliebtesten und erfolgreichsten Mundart-Popmusiker aus Bern stammen mussten.

Noch in den Nullerjahren sprach Züri-West-Sänger Kuno Lauener von einem Berner Wettbewerbsvorteil: «Es scheint, als hätte sich die Schweiz darauf geeinigt, dass man diesen Dialekt gut hören kann. Das ergibt eine Mehrheitsfähigkeit und Akzeptanz.» Darum gebe es so viele beliebte Bands, die Berndeutsch singen. Begründet wurde der Vorteil der Berner Mundart mit seiner Wärme, seinem Klang in den Vokalen und seiner Singbarkeit.

Doch jetzt ist die kulturelle Vorherrschaft von Bern gebrochen. Vier Swiss Music Awards hat die Luzerner Band Hecht letzte Woche gewonnen, dazu kam ein Award für die Zürcher Newcomerin Nina Valotti. Bern musste sich dagegen mit je einem Award für Trauffer und dem jungen Rapper Jule X begnügen.

Polo & Co. haben eine grosse Lücke hinterlassen

Ein Blick auf die letztjährigen Awards, bei denen jeweils die erfolgreichsten Schweizer Musiker geehrt werden, zeigt, dass das aktuelle Ergebnis kein Ausreisser ist. Seit 2021 haben die Berner gegenüber der Restschweiz das Nachsehen. Was ist los? Befindet sich der Berner Mundart-Pop in der Krise?

Die Dominanz des Berner Mundart-Pop ist gebrochen

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grafik: mwa, sk / ch media

Gewiss: Der Tod von Übervater Polo Hofer (2017), aber auch von Hanery Amman (2017) und Endo Anaconda (2022) wiegen schwer. Der krankheitsbedingte Ausfall von Kuno Lauener mit Züri West sowie die selbstgewählte kreative Pause von Ochsner-Sänger Büne Huber vergrössern die Lücke im Berner Mundart-Szene. Dazu kommen das Forfait von Steff la Cheff, der Wechsel von Nemo ins Englische Idiom sowie das wohl definitive Ende von Plüsch.

Und es gibt durchaus talentierte Künstler wie Jule X, die Band Splendid sowie Sänger Edb, die die nächste Generation vertreten. Doch die Mundart-Lücke können sie (noch) nicht ausfüllen. Stattdessen sind Bands sowie Sängerinnen und Sänger aus anderen Schweizer Regionen mit anderen Dialekten nach vorne getreten. Sie widerlegen die These, dass erfolgreicher Mundart-Pop im Berner Dialekt gesungen werden muss.

Worauf basierte die Berner Vormacht?

Doch worauf basierte überhaupt die bisherige Vormacht des Berndeutschen? Für den Berner Autor Bänz Friedli hat sie viel mehr mit Jeremias Gotthelf (1797–1854) zu tun. Nicht direkt mit dem Berner Schriftsteller, der seine Werke vor mehr als zweihundert Jahren in hochdeutscher Sprache verfasste, sondern mit Gotthelfs Hörspielen und Filmen.

Doch ab 1946 hat der Mundartautor Ernst Balzli Gotthelfs Werke für Hörspiele in die Berner Mundart übersetzt. Diese Hörspiele aus dem Radiostudio in Bern waren damals richtige Strassenfeger und haben das kulturelle Selbstverständnis der Schweiz in der Nachkriegszeit nachhaltig geprägt. «Sie haben die Vormacht der Berner Mundart begründet», ist Friedli überzeugt. Das Radiostudio Bern habe dafür gesorgt, dass Berndeutsch im Radio übervertreten war.

Die berühmten Gotthelf-Filme wie «Uli, der Knecht» (1954) bis «Geld und Geist» (1964) von Franz Schnyder haben diese Dominanz des Berner Dialekts gefestigt und ausgebaut. «Sie haben eine Hörgewohnheit begründet, die bis heute funktioniert», sagt Friedli weiter. Die Leute hätten sich so daran gewöhnt, dass Berner Mundart als «die beliebteste und schönste» wahrgenommen wurde.

Berner Dialekt wurde früh modernisiert

Eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Berner Mundart misst Bänz Friedli den Mundart-Autoren Ernst Eggimann und Kurt Marti bei. Sie hätten den Dialekt modernisiert und vom «bluemete Trögli» befreit. Er sieht deshalb eine direkte Linie von Eggimann und Marti zu Mani Matter und Polo Hofer. Die relativ frühe Modernisierung des Berner Dialekts war also eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg und die lange Vorherrschaft des Berner Rock und Pop.

Gotthelf–Balzli–Schnyder–Eggimann–Marti–Matter–Hofer–Lauener–Anaconda–Huber ist die generationsübergreifende Linie, die zur Vormachtstellung geführt hat. «Wir mussten keine Pionierarbeit leisten. Wir sind in ein gemachtes Nest geboren worden», gibt Rapper Greis im Film «Das Geheimnis von Bern» (2025) zu. Darin sieht er auch den Grund, weshalb Mundart in anderen Dialektregionen lange weniger etabliert war als in Bern. Wo es keine Vorbilder und Identifikationsfiguren gibt, müssen Sängerinnen und Sänger ihre Sprache in ihrem Dialekt erst finden und etablieren.

Mundart ist Ausdruck einer kulturellen Emanzipation vom anglo-amerikanischen Pop und Rock – eine Rückbesinnung auf eigene Wurzeln und die Suche nach einer authentischen, sprachlich verankerten Identität. Dieser Findungsprozess hat jetzt offenbar in vielen Regionen stattgefunden.

Mundart-Pop so facettenreich wie noch nie

Vor allem in der Zentralschweiz: Mundart war hier lange selbstverständlicher Teil der Volksmusik, weshalb Pop- und Rockmusiker lange davor zurückschreckten, in ihrer Umgangssprache zu singen und auf Englisch setzten. Heute ist die Luzerner Mundartband Hecht die beliebteste Schweizer Band, und mit dem Luzerner Sänger Kunz sowie der Stubete Gäng aus Zug mischen weitere Zentralschweizer Pop-Acts an der Spitze mit. Und die nächste Generation stösst nach, zum Beispiel mit der Sängerin To Athena, die zunehmend in ihrem Luzerner Dialekt singt.

Erstmals aufgeweicht wurde die Berner Vormacht in den 90er-Jahren mit der Walliser Sängerin Sina und der Zürcher Band Subzonic («Titelgschicht»). Es folgten um die Jahrtausendwende der Zürcher Rapper Bligg, die Bündner Rapper Breitbild, Gimma & Co. sowie danach der Aargauer Sänger Adrian Stern und Baschi aus dem Baselbiet. Und sogar die Ostschweiz ist seit einigen Jahren daran, ihre vermeintliche Unbeliebtheit abzulegen. Der St. Galler Liedermacher Manuel Stahlberger macht es vor.

Rock aus dem Rheintal, Pop aus Appenzell

Ist der Berner Mundart-Pop nun wirklich in einer Krise? Nun, er schwächelt nur etwas. Viele Berner wie Trauffer, Gölä und Lo & Leduc geben nach wie vor den Ton an. Doch die Berner Monokultur ist definitiv Vergangenheit. Das ist eine gute Nachricht, denn die heutige Mundart-Szene ist vielfältiger geworden und widerspiegelt den mundartlichen Reichtum der Schweiz wie nie zuvor. Der Pop-Chor Heimweh ist Ausdruck dieser kulturellen Vielfalt, indem er in seinen Liedern Dialekte aus Luzern, Schwyz, Aargau, Glarus, Bern und Appenzell vereint.

In der Geschichte der Schweizer Popularmusik waren es immer wieder Zürcher Musikerinnen und Musiker, die die Berner Phalanx zu durchbrechen versuchten: Die Minstrels, das Trio Eugster, Bligg und zuletzt Dabu Fantastic. Doch noch vor wenigen Jahren wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass eine Band aus dem Rheintal wie Megawatt zu einer der populärsten Bands der Schweiz aufsteigen würde. Und schon gar nicht, dass ein Secondo-Rapper wie EAZ oder eine Sängerin wie Riana aus Appenzell einen Swiss Music Award gewinnt. Mundart-Pop präsentiert sich heute als vielfältiger Strauss regionaler Dialekte – so facettenreich wie das Land selbst.

(aargauerzeitung.ch)

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