«Völliger Albtraum»: Ein Blick ins IT-Chaos der Arbeitslosenkassen
Anfang 2026 wurden in der Schweiz Tausende Arbeitslosengelder nicht ausgezahlt. Der Grund war die Einführung eines neuen IT-Systems durch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Monate vergingen, und die Bundesbehörden versicherten allen, dass sich die Situation bald normalisieren würde. Doch im März hatten einige Leistungsbezieher ihr Geld immer noch nicht erhalten.
In der Zeitung 24 Heures beklagte sich Julie*, sie hätte im Februar von den erwarteten 6000 Franken nur 500 erhalten. Jeton Hoxha, Präsident des Lausanner Vereins zur Verteidigung der Arbeitslosen (ADC), bestätigte gegenüber watson, dass diese in der Schweiz beispiellose Situation bei den betroffenen Arbeitslosen grosse Besorgnis ausgelöst hätte:
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Angesichts dieses Schlamassels wollte watson herausfinden, was intern wirklich vor sich geht. Adrien* und Yann*, die seit vielen Jahren für verschiedene Arbeitslosenkassen als Sachbearbeiter tätig sind, gewähren einen Blick hinter die chaotischen Kulissen und äussern ihre Bedenken hinsichtlich der weiteren Entwicklung.
Wieder bei null anfangen
Warum wurde diese IT-Umstellung vorgenommen? «Die alte Lösung basierte auf veralteter Technologie», erklärt Françoise Tschanz, Sprecherin des Seco. «Das neue System basiert auf automatisierten Prozessen, die langfristig Verzögerungen bei der Bearbeitung und die Fehlerrate reduzieren sollen.»
Genau diese Verzögerungen sind es, über die sich die Mitarbeiter beschweren. «Das alte Programm war unkompliziert», erklärt Adrien, der bis vor Kurzem noch Freude an seinem Job hatte.
Seine Meinung hat sich seitdem drastisch geändert: «Das neue Programm ist kompliziert und schwierig zu bedienen. Die Terminologie für die einzelnen Aufgaben – insbesondere für Zahlungen – wurde geändert.» Yann bekräftigt diese Kritikpunkte: «Die Unzahl von erforderlichen Schritten weckt den Anschein, man würde einen Flug mit Easyjet buchen.»
Die beiden Mitarbeiter sprechen ein weiteres Problem an: Manchmal liest die Plattform die gescannten Informationen aus den Akten der Versicherten nicht wie vorgesehen automatisch ein. «Wir müssen alles überprüfen, wir können uns nicht darauf (das Programm, Anm. d. Red.) verlassen», beklagt Yann. Adrien nennt ein Beispiel: Kommas würden nicht immer erkannt, was problematisch sei, wenn ein Arbeitsloser 6,35 gearbeitete Stunden angibt, aber 635 Stunden erfasst werden.
Die Folgen? Längere Arbeitszeiten, immer mehr Verzögerungen und verspätete Auszahlungen von Geldern. «Was mich früher höchstens zwei Stunden gekostet hat, dauert jetzt einen ganzen Tag», klagt Adrien. Um den Rückstand aufzuholen, arbeitet Yann abends und am Wochenende Überstunden. Doch es reicht nicht. Er wird seine Arbeitszeit erhöhen müssen. «Mir kommen die Tränen, wenn ich an solche Aufgaben denke, die mich mehrere Tage beschäftigen werden», gesteht er und meint weiter:
Beim SECO heisst es dazu: «Wir bedauern die Unannehmlichkeiten zutiefst, die durch die Inbetriebnahme des neuen Systems entstehen», versichert Françoise Tschanz und räumt ein, dass diese Implementierung «eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsabläufe mit sich bringt». Sie ergänzt:
Alarm geschlagen
Adrien und Yann nahmen selbst an einer Schulung teil und schlugen dort Alarm. Sie glauben, nicht gehört worden zu sein. «Wir waren quasi das fünfte Rad am Wagen», klagt Adrien. «Obwohl wir diejenigen sind, die schlussendlich den Kunden gegenüberstehen müssen.» Yanns Kollegen – besonders die jüngeren – hätten ihn ausgelacht, als er sagte, das neue System sei «kompliziert». Seine Befürchtungen sollten sich als berechtigt erweisen. «Auch jüngere Kollegen haben Probleme.»
Beide sind sich ausserdem einig, dass die zur Demonstration verwendeten Akten kaum die Realität der Arbeit widerspiegelten. «Wir haben es mit weitaus komplexeren Fällen zu tun. Es kommt beispielsweise sehr selten vor, dass Arbeitgeberbescheinigungen fehlerfrei ausgefüllt sind», erklärt Yann.
Und nicht nur sie haben die Gefahr erkannt. Im Juli 2025 warnten die Kantone das Seco vor den Risiken des neuen Systems und bezeichneten dessen Strategie als «unrealistisch und unpraktisch», wie 24 Heures berichtet. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) veröffentlichte ihrerseits sechs äusserst kritische Prüfberichte, erinnert Le Temps. Dennoch erklärte die EFK im Mai 2025, «dass mit vorsichtigem Optimismus von einer erfolgreichen Einführung (des Systems, Anm. d. Red.) ausgegangen werden kann». Offensichtlich hat die Umstellung zum Gegenteil geführt.
Angespannte Atmosphäre
Erhalten die Angestellten hinsichtlich dieser Erkenntnis Unterstützung im Arbeitsalltag? Adrien erklärt, dass er sich nun an seinen Vorgesetzten wenden muss, der mit Fragen überhäuft wird. Es gilt also gezwungenermassen, sich in Geduld zu üben. Inzwischen haben einige Kollegen gekündigt oder sind krankgeschrieben. Ein Exodus, den er so noch nie erlebt hat. Überhaupt herrschen noch nie dagewesene Zustände:
Vom ständigen Stress und der dauerhaften Anspannung brach auch Adrien schliesslich zusammen. Er suchte einen Arzt auf, der ihn krankschrieb – ein Novum in seiner Karriere. Geplagt von Schuldgefühlen besteht er darauf, zur Arbeit zurückkehren zu wollen, weil er «dieses System zähmen» wolle.
Yann hingegen kann das Seco direkt über ein Ticketsystem kontaktieren. In letzter Zeit würden die Antworten jedoch «zunehmend verallgemeinert» ausfallen, «und die vorgeschlagenen Lösungen funktionieren oft nicht».
Die Bundesbehörden erklären, dass «in Zusammenarbeit mit den Arbeitslosenkassen konkrete Massnahmen umgesetzt» worden seien. Als Beispiele werden zusätzliche Schulungen, Unterstützung vor Ort und direkte Kommunikation genannt.
(Keine) Rückkehr zur Normalität
Die Bundesbehörden haben verkündet, dass das System diesen Sommer «vollständig stabilisiert» sein wird. Adrien und Yann glauben das nicht.
Noch schlimmer: Nach Adrien Einschätzung wird der gegenwärtige Zustand zukünftig die neue Schweizer Normalität sein.
Im März entschuldigte sich Guy Parmelin vor dem Parlament. Teile der SP und Roger Golay, ein Mitglied der rechtspopulistischen Protestpartei MCG (Mouvement citoyens genevois, deutsch: Genfer Bürgerbewegung), gaben sich damit nicht zufrieden. Golay habe sogar gefragt, ob eine interne Untersuchung geplant sei, «um die Verantwortlichen zu ermitteln und die Beamten zu bestrafen, die diesen Fall mit inakzeptabler Fahrlässigkeit behandelt haben», wie Le Temps berichtet.
Als Reaktion darauf versicherte Parmelin, dass bereits Massnahmen umgesetzt würden. Er ist ausserdem der Ansicht, dass «bestimmte Schwierigkeiten, die ausserhalb des Einflussbereichs des Seco liegen, von den Arbeitslosenkassen eine Überprüfung der eigenen Prozesse erfordern».
Unterdessen warten viele Arbeitslose in der Schweiz noch immer auf ihre Leistungen. Ob die Lage wirklich zum Normalzustand zurückkehren kann, wird sich in einigen Monaten zeigen.
* Namen geändert
