In der Warteschleife: Für Frauen mit Wechseljahrbeschwerden fehlen Angebote
Die Anfragen erreichen Jeanette Kuster auf allen Kanälen. Per Mail, auf Instagram oder an ihren Lesungen. Die Frage ist stets dieselbe: Welche Gynäkologin, welchen Gynäkologen kann sie bei Wechseljahrbeschwerden empfehlen? Kuster hat im vergangenen Jahr das Buch «Mittendrin» über die Perimenopause geschrieben. Über jene Übergangsphase also, in der sich der Frauenkörper auf das Ausbleiben der Menstruation vorbereitet. Für viele wird sie zu einer hormonellen Achterbahnfahrt, bei einigen gar zu einem Höllenritt.
Bei drei von vier Frauen treten Wechseljahrbeschwerden auf. Das können Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Stimmungsschwankungen oder depressive Verstimmungen sein. Die hormonelle Umstellung schleicht sich in den vollgepackten Alltag und erwischt Frauen zwischen 40 und 50 oftmals unvorbereitet. So auch Jeanette Kuster. Ihre damalige Gynäkologin war ihr keine Hilfe. «Sie sagte zu mir: Wenn Sie noch Ihre Periode haben, kann ich nichts für Sie tun», erinnert sie sich. Eine Aussage, die schlicht falsch ist.
Prominente Frauen haben das Tabu gebrochen
Anders als bei früheren Generationen ist die Menopause heute kein Tabu mehr. Prominente wie die Schauspielerinnen Halle Berry oder Naomi Watts sprechen seit Jahren über ihre Beschwerden. Auch im deutschsprachigen Raum sensibilisieren Frauen wie TV-Moderatorin Katja Burkhard für das Thema. Zu ihrer Botschaft gehört auch: Still leiden war gestern; es gibt Abhilfe gegen viele dieser lästigen Beschwerden.
Doch Jeanette Kuster, heute auch als Menopause-Coach tätig, weiss: «Es gibt viel zu wenige Gynäkologinnen und Gynäkologen, die sich mit dem Thema auskennen. Und wer versiert ist, ist meist völlig ausgelastet und nimmt keine neuen Patientinnen auf. Das ist ein Riesenproblem.» Sie kennt es aus eigener Erfahrung. Nur mit viel Glück sei sie schliesslich bei einer spezialisierten Ärztin untergekommen.
Kein Nischenthema: 330'000 Frauen bräuchten eine Behandlung
Die wohl bekannteste Spezialistin für Wechseljahrbeschwerden in der Schweiz ist Petra Stute. Die stellvertretende Chefärztin leitet das Menopausenzentrum der Frauenklinik am Berner Inselspital. Mit ihrem Podcast «Menoqueens» und der gleichnamigen Plattform kämpft sie gegen Halbwahrheiten und fragwürdige Empfehlungen, die im Netz kursieren. Ende März sprach sie mit drei weiteren Expertinnen und Experten vor dem Europäischen Parlament. Ihre Botschaft: Die Versorgungslücke ist real; Frauen warten teilweise jahrelang auf eine fundierte Diagnose.
Anruf bei der umtriebigen endokrinologischen Gynäkologin. Wie stark wird das Menopausenzentrum in Bern überrannt? Stute seufzt: «Unsere Wartefristen betragen aktuell mehrere Monate bis zu einem Jahr. Wir sind daran, dies zu ändern. Denn es ärgert mich fürchterlich, wenn ich sehe, wie vielen Frauen nichts anderes übrig bleibt als zu warten, statt eine sichere und wirksame Behandlung zu erhalten.»
Jede fünfte Frau reduziert wegen der Beschwerden ihr Pensum
Gemäss Schätzungen leiden 330'000 Frauen in der Schweiz unter Wechseljahrbeschwerden, die behandlungsbedürftig sind. Besonders wichtig sei es, Frauen zu betreuen, die vor ihrem 45. Lebensjahr in die Menopause eintreten. «Sie brauchen unbedingt eine Hormonersatztherapie, um Langzeitfolgen wie Osteoporose einzudämmen», sagt die Spezialistin. Eine frühe Menopause ist nicht ungewöhnlich, sie betrifft fünf bis zehn Prozent aller Frauen.
Doch wie kann es sein, dass überhaupt eine solche Versorgungslücke existiert? Stute sieht drei wesentliche Gründe dafür. Auf der einen Seite informieren sich heute viele Betroffene, tauschen sich aus und sind nicht mehr bereit, Beschwerden hinzunehmen. Viele von ihnen stehen mitten im Berufsleben oder sind stark in der Care-Arbeit eingebunden, weshalb sie es sich schlicht nicht leisten können, müde, erschöpft und gereizt durch ihren Alltag zu taumeln. Zudem erhält – zwar erst zögerlich – die ökonomische Dimension der Wechseljahrbeschwerden Beachtung. So zeigt eine Schweizer Studie aus dem vergangenen Jahr, dass jede fünfte Frau deswegen ihr Arbeitspensum reduziert hat.
Die langen Folgen einer falsch interpretierten Studie
Den zweiten Grund für die Unterversorgung sieht Petra Stute in der Facharztausbildung, in der die gynäkologische Endokrinologie ins Hintertreffen geraten sei. Dies führt sie primär auf die grosse Verunsicherung aufgrund der abgebrochenen «Women’s Health Initiative» zurück. Diese amerikanische Studie ging 2002 der Frage nach, ob eine Hormontherapie Frauen nach den Wechseljahren vor Krankheiten wie Schlaganfall, Krebs oder Erkrankungen der Herzkranzgefässe schützen kann.
Weil sich bei der initialen Auswertung erhöhte Risiken für gewisse Erkrankungen wie Brustkrebs oder Thrombosen zeigten, wurde die Studie vorzeitig beendet. Es hatte sich herausgestellt, dass die gesundheitlichen Risiken durch die Hormongabe höher waren als deren Nutzen.
Nur: Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen betrug 63 Jahre. Es ging bei der Studie darum, herauszufinden, ob eine Hormonersatztherapie auch im höheren Alter präventiv wirksam sein kann. Doch die Resultate wurden fehlinterpretiert und auf Frauen in den Wechseljahren übertragen. Zwar wiesen Jahre später zwei der massgeblichen Studienautoren im renommierten Fachjournal «New England Journal of Medicine» auf die Folgen der fehlerhaften Interpretation ihrer Resultate hin, doch der Schaden war angerichtet.
Es gibt verschiedene Behandlungsansätze
«Weltweit haben Hormonersatzpräparate ihre gute Reputation verloren und parallel dazu auch die gynäkologische Endokrinologie – etwa in der Facharztausbildung», sagt Stute. Das sei problematisch, weil das Gebiet komplex und somit viel Schulung nötig ist. Gleichzeitig sei die Hormonersatztherapie nicht der einzige Weg bei Wechseljahrbeschwerden. Auch Behandlungsansätze aus der Ernährungs- und Sexualmedizin, der Psychotherapie oder dem Sport können je nach Symptomen gute Resultate erzielen.
Für den Engpass mitverantwortlich sei zudem der ökonomische Druck, der auf Kliniken und Praxen stark zugenommen habe, sagt Stute. «Wechseljahrbeschwerden führen zu keinen Operationen oder aufwendigen Eingriffen. Wir sprechen bloss mit unseren Patientinnen. Und das wird sehr schlecht vergütet.» Das helfe nicht, um das Angebot auszubauen.
Gleichwohl gilt festzuhalten, dass das Inselspital nicht das einzige Spital mit Wechseljahr-Sprechstunden ist. Am Universitätsspital Zürich, am Luzerner Kantonsspital oder am Universitätsspital Basel gibt es ebenfalls spezialisierte Teams. Auch dorthin wenden sich immer mehr Frauen. Die Universitätsspitäler Basel und Zürich nehmen bei ihren Wechseljahr-Sprechstunden einen deutlichen Anstieg der Nachfrage wahr: In Zürich suchten 2025 – verglichen mit dem Vorjahr – 20 Prozent mehr Patientinnen eine solche auf. Frauen warten dort vier Monate auf einen Termin, in Basel sind es drei, in Luzern zwei.
Pilotprojekt am Inselspital lanciert
Petra Stute sagt, dass trotz des Hypes in den sozialen Medien immer noch erstaunlich viele Frauen nicht ausreichend aufgeklärt über die Wechseljahre seien – und sich entsprechend nicht an Spezialistinnen oder Spezialisten wenden. Regelmässig komme es zudem vor, dass auch Hausärztinnen oder Hausärzte den Grund für die Symptome ihrer Patientinnen nicht erkennen. Das führe zu Doppeluntersuchungen und teilweise unnötigen Interventionen. «Es kann Jahre dauern, bis eine Patientin richtig behandelt wird», sagt Stute.
Um die Versorgung auszubauen, hat das Inselspital Bern in diesem Frühjahr mit der Krankenkasse Swica das Pilotprojekt «MyMeno Insel» lanciert. Inhaltlich deckt es das Angebot einer Menopause-Sprechstunde ab. Neu wird aber ein Teil ins Digitale verlagert. Per App füllen die Patientinnen im Vorfeld Fragebögen aus und vor der Erstkonsultation müssen sie Videos anschauen, in denen Petra Stute grundlegende Informationen vermittelt. «Das Ziel ist, dass die Frauen nicht unvorbereitet vor mir sitzen und wertvolle Zeit für die Aufklärung der immer gleichen Inhalte verloren geht», erklärt diese. Des Weiteren können Konsultationen online stattfinden, sodass Patientinnen auch aus weiter entfernten Regionen der Zugang erleichtert wird. (aargauerzeitung.ch)

