Nelio Biedermann wird in den USA gefeiert – doch bei einem Magazin fällt er durch
Dieser Tage ist in den USA der Erfolgsroman «Lázár» des 22-jährigen neuen Schweizer Literaturstars Nelio Biedermann erschienen. Seither stürzen sich die renommiertesten US-Zeitungen und Magazine auf ihn.
Die «New York Times» besuchte ihn in Zürich, wo sie einen «schlaksigen, sanft sprechenden Mann» traf. Er bekenne sich zwar dazu, literarisch «old fashioned» zu sein, aber mit seinem dünnen Schnäuzchen und der floppigen Friese sehe er genauso aus, wie man derzeit in der Zürcher Generation Z aussehen muss.
Biedermann posiert mit Patti Smith
Selbstverständlich reiste Biedermann zur Buchpremiere nach New York. Auf Instagram posiert er zusammen mit Kultstar Patti Smith vor einer Buchhandlung. Smith hält seinen Roman hoch, er ihr neues Buch, und in der Legende heisst es: «now friends». Bereits 27'000 Leute haben das Bild gelikt, das auch Patti Smith mit ihren 1,5 Millionen Followern postete.
Einen vergleichbaren Hype hat in den USA schon lange kein Schweizer Schriftsteller mehr erlebt, auch Kim de l’Horizon oder Peter Stamm nicht. Und selbst die Erfolgsgaranten Joël Dicker und Martin Suter (letzterer zeigte sich vor Kurzem mit Biedermann in der «Kronenhalle») können mit dem neuen «Wunderkind» nicht mithalten, dessen Roman 29 Wochen lang die wichtigen deutschsprachigen Bestsellerlisten anführte und nun auch in den USA durchstartet.
Die «New York Times» wertet in ihrem Bericht nicht gross. Das Blatt wiederholt unkritisch die steilen Vergleiche mit Thomas Mann oder mit dem magischen Realismus von Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez. Wir erfahren zudem, dass Regisseur Tom Tykwer den Roman verfilmen wird.
Nostalgie verkauft sich
Ausführlich geht die «New York Times» der Frage nach, warum das Buch so hohe Wellen wirft, und zitiert dabei deutsche Journalisten. In Deutschland seien Familienromane besonders beliebt, weil dort viele Familien durch die Nazi-Epoche und die Sowjetzeit belastet waren und auseinandergerissen wurden.
Das Buch spreche aber auch eine heutige Leserschaft an, die aus unseren unruhigen Zeiten in ein früheres Zeitalter fliehen wollen, auch wenn es damals nicht besser war als heute. Mit anderen Worten: Nostalgie verkauft sich.
Von dieser These geht auch das legendäre Prestigemagazin «New Yorker» aus, sonst überaus wählerisch bei Literatur aus der Schweiz. Die erlauchte Zeitschrift nimmt eher Mass an Robert Walser, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt oder Ágota Kristóf, die sie ausführlich würdigte. Aber darunter?
Fleur Jaeggy – Schweizer Darling des «New Yorkers»
Joël Dicker brachte man einmal unter der Rubrik «Page-Turner» – und war eher enttäuscht. Der einzige noch lebende Schweizer Darling scheint für den «New Yorker» Fleur Jaeggy zu sein, über die in jüngerer Zeit ein grosses Porträt und eine fulminante Rezension erschienen.
Doch nun kommt Nelio Biedermann, und da lässt sich auch der «New Yorker» nicht lumpen. Allerdings erscheint er wie einst Dicker unter der etwas zwiespältigen Rubrik «Page-Turner» – und letztlich ist man wieder enttäuscht.
Hätten Modernisten früher gefordert, alles neu zu machen, sei jetzt eine starke Gegenbewegung im Kulturbetrieb im Gang: «Macht alles alt!» Es gebe einen Hang zu historischen Filmen, Remakes, Adaptionen und Biopics von grossen Figuren der Vergangenheit und eben zu Retro-Romanen wie «Lázár». Vieles davon sei oberflächlich und die «Strafe für unser selbstzufriedenes Unoriginellsein».
«Als besuche man ein Museum älterer Romane»
Als erstes Medium hat CH Media bemängelt, wie Biedermann in seinem Debüt lauter literarische und historische Kulissen herumschiebt. Becca Rothfeld beklagt im «New Yorker» ebenfalls, alles bei Biedermann wirke so vertraut, «als besuche man ein Museum älterer Romane».
Und an anderer Stelle: «Lázár» lädt uns ein, «im Bett zu liegen – und die Fantasie zu geniessen, dass alles noch so ist wie im Jahrhundert zuvor.» Es sei verlockend, nach all den «dünnen, säuerlichen Werken der Autofiktion», die in letzter Zeit dominierten, wieder einmal episch und souverän zu erzählen, wie es Thomas Mann tat und wie es jetzt Biedermann versucht.
Doch der Vergleich mit Mann, so der «New Yorker», sei schon deshalb nicht stichhaltig, weil Mann, anders als Biedermann, die literarischen Möglichkeiten seiner Zeit neu definiert habe. Biedermann würden zwar Szenen gelingen, die vor «Realitätsnähe nur so sprühen», doch insgesamt sei zu viel «Getöse» in seinem Roman. Und zu wenig Substanz. Die Figuren seien Antiquitäten, die als Menschen verkleidet sind, und ihre Traumata würden sich häufen, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen hätte.
«Lázár», so das Fazit der strengen Kritikerin, ist «weniger eine Reflexion über die Gegenwart als vielmehr eine sentimentale Flucht aus ihr». Und sie fügt an, «Lázár» zu lesen sei «wie auf einem Laufband zu rennen. Es herrscht hektische Betriebsamkeit, aber es gibt keinen Fortschritt, und am Ende stehen wir genau dort, wo wir angefangen haben.»
Etwas vom Schlimmsten, was einem jungen und «offensichtlich talentierten Autor» passieren kann, sei, «zu früh und zu überschwänglich gelobt zu werden», heisst es zum Schluss im «New Yorker»: «Hoffentlich lässt sich Biedermann von dem Lob nicht verwöhnen.» (aargauerzeitung.ch)

