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Queere Lehrpersonen: So oft werden sie in der Schweiz diskriminiert

So oft werden queere Lehrpersonen in der Schweiz diskriminiert

Im Kanton Zürich wurde ein schwuler Lehrer wegen seiner Sexualität von Eltern und Schulleitung diskriminiert. Kein Einzelfall, wie eine Umfrage von watson bei 15 kantonalen Lehrerverbänden zeigt.
24.04.2024, 05:0524.04.2024, 06:44
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Der Fall sorgte vergangene Woche schweizweit für Aufsehen: Nach starkem Druck von konservativen und religiösen Eltern auf eine Schulleitung im Zürcher Oberland entliess diese einen langjährigen Lehrer wegen seines Sexualkunde-Unterrichts mit LGBTQ-Themen. Das Brisante daran: Der Lehrer wurde klar wegen seiner Homosexualität diskriminiert.

Dass Lehrpersonen in der Schweiz keinen einfachen Job haben, ist nichts Neues. Vergangenes Jahr zeigte eine Umfrage des Lehrerverbandes, dass zwei Drittel aller Lehrpersonen bereits einmal eine Form von Gewalt erlebt haben – durch Schüler, Eltern oder Vorgesetzte.

Bereits damals forderte der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) eine «unabhängige Ombudsstelle sowie flächendeckend niederschwellige Beratungs- und Mediationsangebote». Das sei auch heute noch ein Thema, bekräftigt Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des LCHs, auf Anfrage von watson. Denn oftmals haben Lehrpersonen, die Diskriminierung erleben, keine einheitliche Anlaufstelle.

«Ein beschwerlicher Weg»

watson wollte nach dem Fall mit dem Lehrer im Kanton Zürich von den kantonalen Lehrerverbänden wissen, wie oft sie mit Diskriminierungen ihrer Lehrpersonen konfrontiert sind und welche Unterstützungsmöglichkeiten sie diesen bieten. Auf eine Umfrage bei 20 Kantonalverbänden antworteten 15 – mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Was auffällt: Nicht alle Kantone sind gleich gut aufgestellt. Im Kanton Obwalden etwa gibt es keine Beratungsstelle für Lehrpersonen. «Das ist unbefriedigend», schreibt der kantonale Lehrerverband. Betroffene können jedoch das Angebot «Schulberatung» in Luzern nützen. Doch auch der Luzerner Lehrerverband schreibt, dass er «keine explizite Stelle für Volksschullehrpersonen» hätte und somit auch «keine Anlaufstelle für Diskriminierung».

«Wir haben in den letzten vier Jahren zwei Lehrpersonen unterstützt, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert wurden.»
Genfer Lehrerverband

Auch im Kanton Uri gibt es «keine neutrale Stelle». Aber der Lehrerverband sei momentan in Verhandlung mit dem Gemeindeverband, um solch eine Ombudsstelle einzuführen. «Es ist aber ein beschwerlicher Weg, die Gemeinden vom Sinn einer solchen Stelle zu überzeugen.» Doch wie oft wird die Anlaufstelle in den Kantonen genutzt, die ein Beratungsangebot haben?

Wenn Lehrpersonen diskriminiert werden

Von den 15 Kantonalverbänden erfassen die meisten nicht, wie oft sie diskriminierte Lehrpersonen beraten. Gerade der Zürcher Lehrerverband, bei dem sich der schwule Lehrer aus dem Oberland gemeldet hatte, führt dazu keine Zahlen. Insgesamt würden jedoch rund 500 Lehrpersonen pro Jahr die Beratungsstelle in Anspruch nehmen. Auch der Lehrerverband des Kantons Bern, der jährlich «2000 bis 3000 Beratungsanfragen» erhält, weist Diskriminierung nicht explizit aus. «Was nicht heisst, dass es keine solchen Fälle gibt», schreibt der Verband.

Fälle, in denen Lehrpersonen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung entweder von Eltern oder der Schulleitung Diskriminierung erfahren haben, wurden in zwei Kantonen erfasst. Der Genfer Lehrerverband Société Pédagogique Genevoise (SPG) schreibt auf Anfrage von watson: «Wir haben in den letzten vier Jahren zwei Lehrpersonen unterstützt, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert wurden.» Auch im Kanton Basel-Stadt sei es in den letzten vier Jahren zu einem Fall gekommen, bei welchem eine Lehrperson wegen ihrer Sexualität diskriminiert wurde. «Wir haben eine neutrale Beratungsstelle für Lehrpersonen, bei der Betroffene psychologische Unterstützung erhalten», schreibt der Verband dazu.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Lehrpersonen eher selten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung durch die Schulleitung oder Eltern diskriminiert werden. Doch da in vielen Kantonen die Anlaufstellen fehlen und keine Zahlen erhoben werden, kann die Dunkelziffer deutlich höher ausfallen.

Auch die Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz, Pink Cross, weist darauf hin: «Für queere Lehrpersonen gibt es relativ wenig Unterstützungsmöglichkeiten. Das Interesse der Lehrerverbände ist zwar vorhanden, aber es gibt noch wenige Aktivitäten dazu.» Dies zeige sich auch dadurch, dass sich verunsicherte homosexuelle Lehrpersonen bei Pink Cross melden, wie sie mit ihrer sexuellen Orientierung an der Schule umgehen sollen.

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204 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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NoraDrenalin
24.04.2024 06:23registriert Mai 2014
Ich glaube, den Eltern wird generell zu viel Mitspracherecht gewährt. Insbesondere die Lehrerinnen in meinem Umfeld haben vor Elterngesprächen geradezu Angstzustände. Aber einige „Karens“ motzen auch das ganze Jahr hindurch und beschweren sich bei der Schulleitung, die das Personal oftmals überhaupt nicht deck. Das kann es echt nicht sein. Ohne Lehrpersonen geht unsere Bildung den Bach runter und diese können wir willsgott nicht „importieren“.
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Die Lauchin
24.04.2024 06:19registriert Oktober 2015
In vier Jahren 2 Fälle. Bei diesem Mengengerüst bitte bloss nicht föderal in jedem Kanton etwas basteln. Da kann ja gar keine souveräne und professionelle Beratungskompetenz aufgebaut werden. Bitte regionalisieren und dafür dann echte Expertinnen und Experten engagieren, die das Thema tief kennen, Routine entwickeln und echte und schnelle Beratung bieten können. Und wenn es dann sogar rechtlich relevant wird, ist es sowieso ein anderer Weg, den ich übrigens niemandem wünsche.
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DerLauch
24.04.2024 08:37registriert Januar 2019
Ich verstehe nicht wie so ein Thema an einer Schule relevant sein kann. Die Sexualität eines Lehrers sollte keine Auswirkungen auf seinen Unterricht haben. Weder von seiner Seite her noch von der, der Schüler und Eltern. Die sexuelle Ausrichtung ist etwas privates und muss auch nicht an die Öffentlichkeit hinaus getragen werden.
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