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Wie Ringier-CEO Marc Walder wegen eines Satzes an den Pranger gestellt wird

Marc Walder, geschäftsführender Teilhaber des Ringier-Konzerns, liebt die Macht und die Mächtigen. Dies rächt sich nun: Den Gegnern des Medienpakets hat er eine Steilvorlage geboten.
09.01.2022, 06:03
Christian Mensch / ch media
Ringier-Konzernchef Marc Walder hat sich mit unbedachten Formulierungen ins Abseits manövriert – ohne Not, aber nicht zufällig.
Ringier-Konzernchef Marc Walder hat sich mit unbedachten Formulierungen ins Abseits manövriert – ohne Not, aber nicht zufällig.Bild: keystone

Es liegt an diesem einen verschwörerischen Satz, dass es ihm nun um die Ohren fliegt: «Ich wäre froh, wenn dies in diesem Kreis bleibt.» Marc Walder, Konzernchef und Teilhaber des mehrheitlich familiengeführten Ringier-Konzerns, sagte ihn vor knapp einem Jahr auf einem Management-Podium. Erst damit machte er seinen folgenden Satz zur brisanten Aussage: «Wir wollen die Regierungen unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, dass wir alle gut durch die Krise kommen.»

Selbst deutsche Medien wie «Bild» und die ARD-«Tagesschau» berichten nun, Walder habe den Ringier-Chefredaktoren einen publizistischen Schmusekurs mit den Regierenden in der Coronakrise befohlen – und damit die journalistische Freiheit und Unabhängigkeit ausgehebelt. Ein Sakrileg.

Der Kungelei-Vorwurf trifft einen wunden Punkt

Gezündet hat den medialen Flächenbrand der Ex-Journalist und PR-Berater Philipp Gut. Er publizierte im «Nebelspalter» das Video der Tagung mit skandalisierender Freude. Als Geschäftsführer der Kampagne gegen das Medienpaket, das im kommenden Monat zur Abstimmung steht, ist ihm damit ein Coup gelungen: Ein vermeintlicher Beleg, dass die Medienkonzerne mit dem Bundesrat kungelten, um an Staatsgelder zu kommen.

Philipp Gut ist verantwortlich für den aktuellen Aufruhr rund um Marc Walder.
Philipp Gut ist verantwortlich für den aktuellen Aufruhr rund um Marc Walder.Bild: zvg

Der Vorwurf der Kungelei trifft den Ringier-Konzern und seinen Chef an einem wunden Punkt. Denn so fehl der konstruierte Zusammenhang zwischen Covid-19-Berichterstattung und Medienpaket auch geht, so ist es doch die Nähe zur Macht und zu den Mächtigen, die den Ringier-Konzern seit Jahrzehnten sowohl ausmacht als auch seinen Journalismus zuweilen korrumpiert.

Entsprechend überreizt reagiert der Konzern auf den Shitstorm: Marc Walder erklärte sich in einem NZZ-Interview und einer internen Veranstaltung. Verleger Michael Ringier haute persönlich in die Tasten, um sich auf der «Blick»-Front vor seinen Konzernchef zu stellen. «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer sah sich mit seinen Kollegen genötigt, in einem Kommentar ihre Unabhängigkeit zu betonen. Souverän wäre wohl anders gewesen.

Kontakte sind Walders Kapital

Walder hat das System bei Ringier nicht erfunden, doch er ist ein Meister der Kontaktpflege zu den Mächtigen, den Reichen und den Schönen des Landes. Kaum einer, kaum eine ist gefeit davor, nicht zumindest als Mobilnummer bei ihm abgespeichert zu sein. Freund Sergio Ermotti (Ex-UBS) war an den Galas so häufig an seiner Seite wie Urs Schäppi (Swisscom) oder Andreas Meyer (Ex-SBB). Auch Pierin Vincenz (Ex-Raiffeisen) war in der Nähe, solange diese noch opportun war.

Bundesräte gehören selbstredend dazu, parteiübergreifend. Alain Berset (SP) ist derzeit ein besonders häufiger Gast, Ex-Magistratin Doris Leuthard (CVP/Mitte) war es zeitweise nicht weniger. Dies ist reichlich dokumentiert und durch die geneigte Berichterstattung der hauseigenen Medien illustriert.

Marc Walder (links) mit der ehemaligen Bundesrätin Doris Leuthard und dem ehemaligen SBB-Chef Andreas Meyer.
Marc Walder (links) mit der ehemaligen Bundesrätin Doris Leuthard und dem ehemaligen SBB-Chef Andreas Meyer.Bild: SBB/KEYSTONE

Kontakte sind Walders Kapital. Damit hat er seine journalistische Karriere gestartet, als seine Tennis-Profikarriere in drittklassigen Turnieren dümpelte. Gegen die Grossen des Sports hatte er keinen Stich, doch er hatte ihre direkte Durchwahl. Das brachte ihn im Sportressort des «Blick» voran, wohin ihn sein Tennispartner Michael Ringier vermittelt hatte.

Sein Ehrgeiz hievte ihn rasch in die Chefredaktion der «Schweizer Illustrierten». Dort perfektionierte er, was People-Journalisten unter Journalismus verstehen: aushandeln, welchem Prominenten für welche Geschichte welcher Platz eingeräumt wird. «Er ist kein eigentlicher Journalist, er ist ein Deal-Maker», sagt einer, der ihm wohlgesonnen ist.

Ein Verkäufer mit der «magischen Wirkung»

Auf der Karriereleiter ist Walder im Zürcher Pressehaus bis ganz nach oben in die kunstbehangene Teppichetage gestiegen. Redaktionsleitung hat er gegen Konzernleitung getauscht. Aus dem Praktikanten ist ein Acht-Prozent-Teilhaber geworden. Eine stolze Leistung. Seiner Methode blieb er treu: Es geht um den guten Deal.

Walder ist ein exzellenter Verkäufer. «Wer auch immer sein Büro verlässt, tut dies mit einem guten Gefühl», erzählen Personen, die das Erleben aus eigener Erfahrung kennen. Eine «magische Wirkung» ist ihm attestiert. Sein Gegenüber nimmt er auf eine jovial verbindliche Art ernst, durchaus humorvoll und eloquent. Er fragt interessiert nach, ist nicht der ferne Manager. Lässt andere aber gerne teilhaben an seiner Welt der CEOs und der Sternchen.

Einen Satz, der einerseits Belangloses mit Bedeutung auflädt und andererseits dem Gegenüber Vertrauen suggeriert, lässt er in den Gesprächen und Gesprächsrunden immer wieder fallen: «Das bleibt aber unter uns.» Der Satz ist ihm zur stehenden Formulierung geworden. Zur Worthülse. Als Phrase ist er nun über ihm zusammengebrochen.

Die Falle, in die er tappte, hat er selbst aufgestellt. Dass sie zuschnappen wird, bahnte sich an. Seit vergangenem Herbst rückt der «Blick» zunehmend in den Fokus der Massnahmekritiker. Das Boulevardblatt sei keine Zeitung mehr, lästerte «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel im Oktober. Im November schrieb Philipp Gut die Geschichte einer «Komplizenschaft» zwischen Berset und Walder und stellte einen direkten Zusammenhang zu den möglichen Subventionen aus dem Medienpaket her. Das Video brachte nun der gleichen Geschichte den nötigen Kick, um abzuheben.

Der Deal-Maker erhält Konkurrenz im Haus

Trotz der von «Weltwoche», «Nebelspalter» und Co. rhetorischen Hochrüstung, Ringier stecke in der grössten Krise seit dem Fall Borer und Walder sei der Totengräber des Medienpakets: Walder sitzt fest im Sattel. Er führt den Konzern mit straffer Hand, interveniert direkt auf allen Ebenen, auch auf redaktioneller. Die Wirtschaftsjournalisten etwa von der «Handelszeitung» wissen jedenfalls genau, welches Interview mit einem Konzern-CEO opportun ist und welches nicht. Es braucht dazu keine Befehlsausgabe und Widerspruch ist möglich. Doch häufig gerinnt der Wunsch von selbst zur Ausführung.

Marc Walder hat sich im Hause Ringier schnell hochgearbeitet.
Marc Walder hat sich im Hause Ringier schnell hochgearbeitet.Bild: KEYSTONE

Im Namen von Ringier hat Walder gut zwei Milliarden Franken in die Transformation zum digitalen und datengetriebenen Unternehmen investiert. Im vergangenen Jahr hat er ein Büchlein schreiben lassen, «Ringen um Ringier», das ihn in seiner liebsten Pose zeigt: dem visionären Macher.

Allerdings scheint er nicht mehr der einzige Deal-Maker im Konzern zu sein. Nahestehende erzählen, die spektakuläre Fusion von Ringiers elektronischen Marktplätzen mit jenen der TX Group sei gerade nicht unter seiner Ägide ausgehandelt worden. Vielmehr habe Robin Lingg, ein Vertreter der sechsten Ringier-Generation, den Deal vollbracht. Dessen Aufstieg ist programmiert, sein Halbbruder Roman Bargezi ist bereits Verwaltungsrat und herrscht über jenen erheblichen Teil des Familienvermögens, der aus der Ringier AG ausgegliedert wurde.

Es wird wohl Walder selbst sein, der dereinst erzählen wird, mit welchem Deal das Ringen um Ringier weitergeführt wurde. Er wäre aber froh, «wenn dies im kleinen Kreis bleiben würde». (saw/ch media)

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