Schweiz
Natur

Die Gletscher in der Schweiz verhungern von oben her

Die Gletscher in der Schweiz verhungern von oben her

30.04.2023, 11:29
Mehr «Schweiz»
Athabasca-Gletscher in Columbia Island, British Columbia, Kanada
Bild: Shutterstock

Um die Schweizer Gletscher steht es zu Beginn der Schneeschmelze erneut kritisch - im zweiten Jahr nach 2022. Im April lagen wieder unterdurchschnittliche Schneemengen. So verhungern die Gletscher von oben her. Eine erneute Rekord-Gletscherschmelze droht.

Zum Teil war die Lage noch schlimmer als 2022 mit seiner rekordhohen Gletscherschmelze, wie der ETH-Glaziologe Matthias Huss in einem Interview mit der «Sonntags-Zeitung» sagte. Huss leitet das Messnetz Glamos und vermisst mit seinem Team jeweils im April landesweit 15 Gletscher. Die Schneemenge ist zu diesem Zeitpunkt am grössten.

2023 massen die Fachleute eine rekordhohe Gletscherschmelze. In einer Juniwoche schmolzen mehr als 300 Millionen Tonnen Gletschereis und Schnee ab. Diese Menge Schmelzwasser füllt in fünf Sekunden ein olympisches Schwimmbecken.

Das Eis auf dem Rhonegletscher schmilzt im Rekordtempo

Video: srf/Roberto Krone

Das Risiko für eine neue Rekordschmelze steigt, wie Huss sagte. 2022 lag im April ähnlich wenig Schnee wie aktuell. Den Gletschern fehlt demnach die Nahrung, und das Eis hat keine Schutzschicht, sobald es wärmer wird.

Erstmals nahm das Glamos-Team am Strahlhorn im Wallis Messungen auf über 4000 Metern über Meer vor. Dort lag «schlicht null Schnee» - nur noch das blanke Eis, wie Huss der Zeitung sagte. Auf der glatten Eisfläche konnte sich der Schnee nicht mit dem Altschnee verbinden: die Winde in diesen Höhen bliesen ihn weg.

Auf dem Jungfraujoch schmolz im Sommer 2022 zum ersten Mal mehr Schnee, als im Winter zuvor gefallen war, erklärte Huss weiter. Ende März 2023 lag auf dem Berg an den selben Stellen sogar noch weniger Schnee.

Bei drei zuvor vermessenen Gletschern musste das Netzwerk 2022 die Arbeiten einstellen, weil sie praktisch weggeschmolzen oder durch Gletscherspalten oder Steinschlag zu gefährlich waren. 2023 rechnet Huss damit, die Messungen am St. Annafirm oberhalb von Andermatt UR einstellen zu müssen. Dieser sei in sich zusammengefallen und nur noch von Schutt bedeckt.

Huss geht nicht davon aus, dass kleinere Gletscher noch zu retten sind. Und wenn die Schweiz die grossen Gletscher nicht bewahre, verliere sie ihre weissen Berge. Stattdessen seien dann nur noch graue Geröllhalden zu sehen. (aeg/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Gletscher in Gefahr
1 / 12
Gletscher in Gefahr
30. November: Wanderer auf dem Perito Moreno Gletscher in Argentinien.
quelle: getty images south america / mario tama
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Überleben unsere Gletscher das 21. Jahrhundert?
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
19 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Hirngespinst
30.04.2023 12:30registriert August 2019
Die Farbe der Berge ist mir egal.
Das Problen ist eher das fehlende Trinkwasser.
286
Melden
Zum Kommentar
avatar
FACTS
30.04.2023 16:56registriert April 2020
"Und wenn die Schweiz die grossen Gletscher nicht bewahre, verliere sie ihre weissen Berge. Stattdessen seien dann nur noch graue Geröllhalden zu sehen."

Schwacher Bericht, da er die gravierenden Folgen auf die getrübte Optik beschränkt, statt auch auf gravierende ökologische und wirtschaftliche Folgen hinzuweisen, wie z.B. auf die Wasser- und Stromwirtschaft (leere Stauseen) oder steigende Hochwasser-, Erdrutsch- und Erosionsgefahren. Gletscher sind nun mal auch wichtige Wasserspeicher für die heissen und trockenen Monaten.
225
Melden
Zum Kommentar
19
Ungenügendes Angebot an Immobilien: Preise für Wohneigentum steigen leicht
Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser in der Schweiz sind im zweiten Quartal im Durchschnitt leicht teurer geworden. Die Preise für Häuser und Wohnungen sind laut der Immobilienplattform RealAdvisor in den letzten drei Monaten um 0,6 Prozent gestiegen.

Für die vergangenen zwölf Monate steht damit für Wohnungen ein Plus von 1,9 Prozent zu Buche, wie es in einer Mitteilung vom Mittwoch heisst. Für Häuser muss im Vergleich zum Vorjahr 1 Prozent mehr bezahlt werden.

Zur Story