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La Chaux-de-Fonds: So versuchen Betrüger, um Unwetter zu profitieren

La Chaux-de-Fonds: attention aux escrocs.
Die Sachschäden sind in La Chaux-de-Fonds hoch.Keystone

Wie Betrüger versuchen, vom schweren Sturm in La Chaux-de-Fonds zu profitieren

Beim Wiederaufbau in La Chaux-de-Fonds wollen nicht alle der Gemeinschaft helfen: Betrüger wollen die Gunst der Stunde nutzen, um sich die Taschen zu füllen. Ein Polizist erklärt, wie man damit umgehen soll.
26.07.2023, 20:3226.07.2023, 20:46
Alexandre Cudré
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Im Zuge des schweren Sturms, der innerhalb weniger Minuten die Stadt La Chaux-de-Fonds verwüstete, konnten die Bewohnerinnen und Bewohner grundsätzlich auf grosse Hilfe zählen. Die obere und die untere Hälfte des Kantons Neuenburg arbeiteten Hand in Hand, andere Kantone halfen ebenfalls mit – etwa Lausanne oder Genf.

Aber nicht alle hatten dabei gute Absichten: Während die Leute sich um ihre beschädigten Häuser kümmerten und von Freiwilligen unterstützt wurden, nutzen andere die Situation aus, um sich zu bereichern. So liess die Kantonspolizei in einer Medienmitteilung verlauten:

«Einige Personen mit bösen Absichten nutzen die Situation aus, um betrügerische Hilfe oder Rat anzubieten. Nur zertifizierte ECAP-Experten oder Personal mit Erlaubnis dürfen mithelfen.»

Daniel Favre, Präventionsbeauftragter der Kantonspolizei Neuenburg, erklärt watson, in welchen Situationen die Einwohner von La Chaux-de-Fonds Gefahr laufen, betrogen zu werden.

Zu viel Geld für nicht professionelle Arbeiten

Seit Montagabend stehen die Arbeiten in La Chaux-de-Fonds nicht mehr still. Lokale Unternehmen und handwerklich begabte Hausbesitzer sind für Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau mobilisiert.

Daniel Favre, Sergent-major de la Police neuchateloise parle lors d'un point de presse un jour apres le passage de la forte tempete le mardi 25 juillet 2023 a La Chaux-de-Fonds. (KEYSTONE/Jean-Ch ...
Daniel Favre von der Kantonspolizei Neuenburg.Bild: keystone

Aber sie sind nicht die einzigen Beteiligten. Teilweise tauchen Privatpersonen unangekündigt auf und klingeln an den Türen. Sie bieten ihre Hilfe an, für ein paar Stunden oder einen ganzen Tag. Dabei verlangen sie zum Teil Geld – und stellen merkwürdige Forderungen:

«Sie verlangen, dass sie sofort in bar bezahlt werden. Die Preise sind oft unverhältnismässig hoch und sie lehnen Bankzahlungen ab oder behaupten, dass später eine Rechnung ausgestellt wird.»
Daniel Favre

Was natürlich eine Lüge ist. Der «Kunde», der vor vollendete Tatsachen gestellt und durch die Situation eingeschüchtert wird, ist versucht, den Betrag zu bezahlen. Favre nennt ein Beispiel:

«Ein Mann aus La Chaux-de-Fonds hat wegen des Sturms mehrere Löcher in seinem Dach und keine Zeit, sich darum zu kümmern. Alle örtlichen Unternehmen sind bereits besetzt. Jemand kommt mit einem Lieferwagen und Material und bietet für ein paar Stunden seine Dienste an. Der Arbeiter begnügt sich damit, das Dach abzudecken, und verlangt dann, sofort mehrere hundert oder sogar tausend Franken in bar bezahlt zu bekommen.»
Daniel Favre

Rechtlich gesehen spricht man von «Wucher», wenn die Situation und die Verletzlichkeit von Menschen ausgenutzt werden, um sehr teure Lösungen anzubieten. Im Artikel 157 des Strafgesetzbuches heisst es:

1. Wer die Zwangslage, die Abhängigkeit, die Unerfahrenheit oder die Schwäche im Urteilsvermögen einer Person dadurch ausbeutet, dass er sich oder einem anderen für eine Leistung Vermögensvorteile gewähren oder versprechen lässt, die zur Leistung wirtschaftlich in einem offenbaren Missverhältnis stehen, wer eine wucherische Forderung erwirbt und sie weiterveräussert oder geltend macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.

2. Handelt der Täter gewerbsmässig, so wird er mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft

Favre stellt klar: «Firmen, die nach dem Sturm ihre Dienste anbieten und dabei ihre üblichen Preise verlangen, sind davon nicht betroffen.» Es ist nicht verboten, dass eine Firma für Privatpersonen in einem Katastrophengebiet arbeitet.

Jirawat Jun-en, proprietaire du restaurant Siam Orchidee, constate les degats dans son appartement, un jour apres le passage de la forte tempete le mardi 25 juillet 2023 au Cret-du-Locle a cote de La  ...
Ein zerstörtes Haus in Cret-du-Locle bei La Chaux-de-Fonds.Bild: keystone

Der Preis sollte jedoch vor den Arbeiten besprochen werden. Es kann ein Kostenvoranschlag eingeholt werden, auch für eine dringende Situation wie in La Chaux-de-Fonds. Die Tatsache, dass man sofort und in bar bezahlen muss, ist besonders verdächtig.

«Der Eindruck von Altruismus kann auch dazu benutzt werden, Personen in eine Falle zu locken.»
Daniel Favre

Falsche Gemeinde- und Hilfskräfte

Dann gibt es noch die Fälle, in denen es sich schlicht und einfach um Betrug handelt. In diesem Fall handelt es sich ebenfalls um Arbeitnehmer, die unerwartet auftauchen, aber es nicht nur bei einer Geldforderung belassen:

«Sie behaupten, von der Gemeinde oder der ECAP beauftragt zu sein, obwohl dies nicht der Fall ist.»
Daniel Favre

Die Methode ist die gleiche: Die Arbeiterinnen und Arbeiter erledigen ihre Arbeit und bitten dann darum, in bar bezahlt zu werden. In solchen Fällen handelt es sich um «Betrug». Dazu heisst es im Strafgesetzbuch, Artikel 146:

1. Wer in der Absicht, sich oder einen andern unrechtmässig zu bereichern, jemanden durch Vorspiegelung oder Unterdrückung von Tatsachen arglistig irreführt oder ihn in einem Irrtum arglistig bestärkt und so den Irrenden zu einem Verhalten bestimmt, wodurch dieser sich selbst oder einen andern am Vermögen schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.

2. Handelt der Täter gewerbsmässig, so wird er mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.

3. Der Betrug zum Nachteil eines Angehörigen oder Familiengenossen wird nur auf Antrag verfolgt.

Daniel Favre erklärt, dass das Personal der ECAP (die Kantonale Versicherungs- und Präventionsanstalt) eine erkennbare Ausrüstung und Uniform trägt. Wenn es Zweifel an Gemeindepersonal gibt, «ist es durchaus möglich, die Polizei oder die Gemeinde anzurufen, um die Identität der Person zu überprüfen».

Des personnes regardent les debris dans une rue, un jour apres passage de la forte tempete le mardi 25 juillet 2023 a La Chaux-de-Fonds. Le deblaiement des materiaux et la reparation des infrastructur ...
Eine Strasse in La Chaux-de-Fonds.Bild: keystone

Ein Dutzend Fälle sind bereits bekannt

Bisher sei keiner der Betrüger aggressiv geworden oder habe einem Sturmopfer gedroht oder versucht, es anzugreifen, sagt Daniel Favre. Dies sei jedoch nicht völlig auszuschliessen:

«Wenn die Person bedrohlich wird oder man sich nicht wohl fühlt, sollte man sofort die Polizei anrufen.»
Daniel Favre

Könnten einige Opfer leichtere Ziele sein,etwa ältere Menschen? Daniel Favre verneint dies und sagt, dass jeder zum Ziel werden könne:

«Diese Betrüger gehen von einem Haus zum nächsten und versuchen überall ihr Glück.»
Daniel Favre

Der Polizist sagt gegenüber watson, dass bereits etwa zehn Fälle von verdächtigen Haustürgeschäften oder Betrugsversuchen bei der Polizei gemeldet wurden.

«Man muss wachsam bleiben, darf aber deshalb nicht in Paranoia verfallen.»
Daniel Favre

Gegenstände stehlen, die auf der Strasse herumliegen

In den letzten Tagen wurde eine andere Art von Verbrechen festgestellt. Dabei geht es darum, das Chaos zu nutzen, um Material zu erbeuten. Zwei Personen wurden bereits von der Polizei wegen solcher Delikte festgenommen.

«Ein typisches Beispiel ist eine Person, die wertvolle Materialien wie Kupferdachteile von der Strasse holt, die vom Wind weggeweht wurden.»
Daniel Favre

Es kann aber auch Gegenstände von Privatpersonen betreffen. «Vom Restauranttisch bis zu Gartenmöbeln einer Privatperson sein, die von ihrem Grundstück weggeweht wurden, alles ist möglich», erklärt Daniel Favre. Hierbei geht es um unrechtmässige Aneignung. Dazu steht im Strafgesetzbuch, Artikel 137:

1. Wer sich eine fremde bewegliche Sache aneignet, um sich oder einen andern damit unrechtmässig zu bereichern, wird, wenn nicht die besonderen Voraussetzungen der Artikel 138–140 zutreffen, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

2. Hat der Täter die Sache gefunden oder ist sie ihm ohne seinen Willen zugekommen, handelt er ohne Bereicherungsabsicht oder handelt er zum Nachteil eines Angehörigen oder Familiengenossen, so wird die Tat nur auf Antrag verfolgt

Gar das Holz von Bäumen, die durch den Sturm entwurzelt oder geknickt wurden, wird teils mitgenommen. «Manche versuchen, sich das Holz anzueignen, nachdem sie es abgesägt oder gekürzt haben», was ebenfalls verboten ist.

Es ist jedoch durchaus möglich, auf Anfrage als Freiwilliger oder Ehrenamtlicher fremdes Material zu bewegen oder zur Mülldeponie zu bringen. «Die Polizeipatrouillen führen manchmal Kontrollen durch», erklärt der Polizist. Man muss aber keine Angst vor der Polizei haben, wenn man losgeht, um die beschädigten Stühle der 80-jährigen Nachbarin zu entsorgen. «Man muss eine gewisse Weitsicht bewahren», gibt Daniel Favre zu bedenken.

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Tornado in La Chaux-de-Fonds fordert ein Todesopfer
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13 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Andi Amo
27.07.2023 01:32registriert April 2015
Schon heftig, wie weit es schon gekommen ist. Nicht mehr viel, und wir haben bald Amerikanische oder Französische Verhältnisse und jeder schaut nur noch auf die eigene Bereicherung & die seines engsten Kreises. Einfach Mitnehmen oder Bescheissen, sobald sich Gelegenheiten bieten.
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John What's on
27.07.2023 05:10registriert April 2015
Solches verhalten macht mich einfach nur noch traurig und wütend.
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J. Iskariot
27.07.2023 06:01registriert Januar 2022
Niederes Pack, ist aber nicht neu, genau die Problem hatte man nach der Ueberschwemmung von Oey-Diemtiegen auch schon.

Kamen um zu "helfen" und haben die Häuser ausgeräumt...
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