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SRF-«Arena»: Rentner macht Matthias Aebischer von der SP hässig

Die freitägliche Politrunde mit Benjamin Giezendanner, Susanne Vincenz-Stauffacher, Moderator Mario Grossniklaus, Matthias Aebischer und Lisa Mazzone (v. l. n. r.).
Die freitägliche Politrunde mit Benjamin Giezendanner, Susanne Vincenz-Stauffacher, Moderator Mario Grossniklaus, Matthias Aebischer und Lisa Mazzone (v. l. n. r.).bild: screenshot srf
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«Katastrophe» in der Autobahn-«Arena»: Rentner macht SP-Aebischer hässig

Fünf Tage nachdem das Stimmvolk den Autobahn-Ausbau versenkt hat, traf sich die Politik in der «Arena» zur Aufarbeitung. Für die SVP sind die Ausländer schuld, SP und Grüne möchten mehr Velowege und Klimaschutz. Und dann ist da noch Rentner Jacques Sutter mit einem speziellen Vorschlag.
30.11.2024, 01:4430.11.2024, 14:11
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Eigentlich wollte «Arena»-Moderator Mario Grossniklaus mit seinen Gästen die Abstimmungen diskutieren. Im Speziellen, wie es nach dem Autobahn-Nein nun weitergeht.

Doch das gelang mehr schlecht als recht. Gegenseitige Schuldzuweisungen von Parlamentarierinnen und Parlamentariern ist man sich von der Sendung gewohnt. In der gestrigen Debatte gesellten sich jedoch massenhaft Zahlenklaubereien und Fachsimpelei hinzu. Der eine oder andere Fernsehzuschauer dürfte früher oder später eingenickt sein.

Und so bleibt vor allem ein kurioser Moment in Erinnerung. Doch dazu gleich mehr. Zunächst zur geladenen Politrunde, die in der Abstimmungs- und Autobahn-«Arena» die Klingen kreuzte:

  • Lisa Mazzone, Präsidentin Grüne
  • Matthias Aebischer, Nationalrat SP/BE
  • Susanne Vincenz-Stauffacher, Nationalrätin FDP/SG
  • Benjamin Giezendanner, Nationalrat SVP/AG

Die Sache mit den Volksrechten

Der angesprochene kuriose Moment ereignete sich, als nach rund 20 Minuten Jacques Sutter aus dem Publikum zu Wort kam. Am vergangenen Sonntag versenkte das Stimmvolk gleich drei der vier Behördenvorlagen.

Moderator Grossniklaus wollte von Sutter wissen, ob er sich vom Parlament noch genügend repräsentiert fühle. «Eigentlich nein», lautete die zunächst harmlose Antwort des Aargauer Rentners, der eher rechts wählt und den Autobahn-Ausbau unterstützte. Dann fuhr Sutter fort:

«Bei solch wichtigen Projekten für die Schweiz sollte der Bundesrat selbst entscheiden können und das Volk nicht fragen müssen.»

Autofahrer wie er hätten Milliarden in den entsprechenden Fonds einbezahlt, das Geld sollte zweckgebunden eingesetzt werden, da müsse man niemanden mehr fragen.

Das kam bei Matthias Aebischer gar nicht gut an. War der SP-Nationalrat zu Beginn der Sendung noch bestens gelaunt – nebst den Abstimmungserfolgen für Links-Grün wurde Aebischer am Sonntag in die Berner Stadtregierung gewählt –, war nun Schluss mit lustig.

«Wenn Herr Sutter kommt – fünf Tage nach einer Abstimmung, die er verloren hat, weil man seine Autobahnen nicht breiter macht – und sagt, man müsse die Volksrechte aushebeln, dann muss ich mich vehement dagegenstellen.»

Matthias Aebischer (SP) kann mit Rentner Jacques Sutters Haltung wenig anfangen:

Video: srf/arena

Die Schweiz sei eine direkte Demokratie, er sei extrem stolz, in diesem Land zu politisieren, und froh, gebe es mit der Bevölkerung ein Korrektiv, so Aebischer weiter.

«Jetzt zu sagen, man müsse die Volksrechte abschaffen, finde ich eine Katastrophe.»

Auch FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher zeigte sich über den Vorschlag von Sutter erstaunt. «Ich war letzten Sonntag zum Teil sehr betroffen von dem, was unser Volk abgestimmt hat, und doch ist für mich völlig klar, dass ich das nicht einschränken möchte.»

«Ich lebe lieber damit, dass ich nicht zufrieden bin und mir überlege, was ich das nächste Mal besser machen kann.»

Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) setzt sich für die direkte Demokratie ein:

Video: srf/arena

Die ausbleibende Einigkeit

Abgesehen von diesem demokratiepolitischen Exkurs war die «Arena» eine eher zähe Sache. Einerseits sollte die Frage besprochen werden, ob Bund und Parlament aufgrund der Klatsche am vergangenen Sonntag am Stimmvolk vorbei politisieren. Andererseits ging es um die Zukunft der Schweizer Mobilität nach dem Nein zum Autobahn-Ausbau.

Allerdings wurden beide Themen laufend vermischt, die Debatte war daher mässig aufschlussreich.

SVP-Nationalrat Benjamin Giezendanner warf Links-Grün vor, den Individual- und den öffentlichen Verkehr gegeneinander auszuspielen. Der Transport-Unternehmer argumentierte mit den 27 Milliarden Franken, die bis 2035 in den ÖV investiert und vom Parlament getragen werden.

«Wir sind nicht die, die wieder in den Grabenkampf gehen, wir suchen nach Lösungen. Ihr kommt bei allem mit dem Referendum.»

Etwas später bediente sich Giezendanner dem bekannten SVP-Narrativ. «Das Problem ist, dass wir zu viele Menschen in diesem Land haben. Deswegen kommen wir nicht mehr weiter.»

Die 30 Prozent der SVP-Wähler, die gegen den Autobahn-Ausbau gestimmt hätten, litten unter Dichtestress und hätten daher ein Zeichen setzen wollen. «Wir haben seit 2003 rund 1,5 Millionen mehr Menschen im Land und 1,3 Millionen Autos mehr, die Strassen sind gleich geblieben. Über das sollten wir reden.»

Benjamin Giezendanner (SVP) sieht das Problem in der Zuwanderung:

Video: srf/arena

SP-Mann Aebischer hingegen plädierte für günstigere ÖV-Preise. «77 Prozent der Schweizer Familien haben ein Auto. Wenn ihr als Familie von Bern nach Luzern ins Verkehrshaus gehen möchtet, kostet der Zug 100 Franken. Wenn da ein Auto in der Garage steht, wärt ihr ja blöd, würdet ihr es nicht nutzen.» Aebischer schlussfolgerte:

«Die ÖV-Preise sind zu teuer.»

Susanne Vincenz-Stauffacher brach in Bezug auf das Autofahren eine Lanze für das Gewerbe. Bei ihr in der Familie werde gerade ein Haus umgebaut, «der Fensterbauer und der Maler können ihr Material nicht aufs Lastenvelo laden, das müssen wir doch auch berücksichtigen».

Auch die Versorgung, etwa bei Migros und Coop, sei wichtig, so Vincenz-Stauffacher weiter. «Wenn die im Stau stehen, funktioniert es nicht.»

Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone zeigte Verständnis für die Ansprüche des Gewerbes, verwies dann aber rasch auf den Freizeitverkehr:

«Mehr als ein Drittel des Verkehrs entsteht durch die Freizeit. Da kann man den ÖV nutzen und dort spielt der Preis eine wichtige Rolle.»

Lisa Mazzone (Grüne): «Der öffentliche Verkehr muss bezahlbar werden»

Video: srf/arena

So ging es weit über eine halbe Stunde hin und her. Mazzone möchte Gelder aus dem Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) für das Klima einsetzen, Aebischer argumentierte mit dem Velo, das viele Stauprobleme lösen würde.

Giezendanner erachtet die von Bundesrat Albert Rösti vorgeschlagene Velo-Steuer als eine gute Idee, über die man diskutieren könne. Vincenz-Stauffacher hält es für wichtig, dass der Individualverkehr nicht verteufelt wird.

Nach 70 «Arena»-Minuten waren die Fernsehzuschauer nur bedingt schlauer. Die Zukunft der Schweizer Mobilität bleibt nach dem Autobahn-Nein ein Zankapfel, Einigkeit dürfte noch sehr lange nicht einkehren.

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409 Kommentare
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Chill Dude
30.11.2024 05:59registriert März 2020
Giezendanners Aussage, in der CH seien seit 2003 die Strassen gleich geblieben stimmt so nicht. Es gab etliche Ausbauten, Baregg, Luzern - Zug, Gubrist, Westring ZH, Nordtangente Basel, Umfahrung Biel und etliche Umfahrungen von Dörfern.
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Oliver01
30.11.2024 05:35registriert Februar 2023
Das war ja absehbar, dass eine Woche danach in der Arena nichts gescheites herauskommt. Manchmal frage ich mich, ob diese Form der Diskussion überhaupt etwas nützt. Es ist mehr und mehr eine Chropflärete.
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Wolfman
30.11.2024 05:58registriert April 2020
Frage an Hr. Giezendanner... Wieviele ausländische Mitarbeitet beschäftigen Sie und zahlen sie diesen den gleichen Lohn wie ihren CH-Mitarbeitern? 😉
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