Crans-Montana: Politiker wirft dem Vater eines Opfers Verleumdung vor
Stepan Syshchikov, Kandidat für den Gemeinderat von Pully VD für die rechtsextreme Partei Rassemblement romand patriote (RRP), wird beschuldigt, persönliche Gegenstände seines Freundes Julien (Aliasname) gestohlen zu haben, der beim Brandunglück von Crans-Montana ums Leben kam. Die Diebstähle sollen sich Mitte Januar ereignet haben, der Vater des Opfers erstattete darauf am 2. März Anzeige bei den Behörden.
watson weiss: Der junge Pullyer entschied sich zum Gegenschlag, indem er seinerseits eine Verleumdungsklage einreichte.
Gegenstand des Rechtsstreits sind vermeintlich eine Jacke einer bekannten italienischen Marke, Mokassins, Parfums, Jacken und sogar eine Soft-Air-Pistole. «Die Soft-Air-Pistole ist auf meinen Namen registriert. Der Kaufvertrag beweist es», beteuert Syshchikov.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
«Ich habe nichts gestohlen»
Laut dem Waadtländer Politiker begann alles am 13. Januar vor einer Bar. Sechs Freunde von Julien sollen ihn angegriffen und ihm vorgeworfen haben, Habseligkeiten des Verstorbenen gestohlen zu haben. Nach einer etwa halbstündigen Diskussion sei der Vater des Opfers hereingeplatzt. Syshchikov behauptet Folgendes:
Er habe «mehrere Schläge» einstecken müssen, erzählt der Politiker weiter. Doch weniger die körperliche Verletzung habe ihn geschmerzt als das Gefühl des Verrats. «Ich sagte ihnen immer wieder, dass es nicht stimme, dass ich meinem verstorbenen Freund nichts gestohlen hätte.»
Unter Druck stehend habe er beschlossen, die Gruppe zu sich nach Hause zu bringen, um zu beweisen, dass er nichts gestohlen habe. Er berichtet:
Wenige Minuten nachdem sie bei Syshchikov angekommen waren, traf eine Polizeistreife ein. Die Kantonspolizei Waadt bestätigt auf Anfrage: «Es gab tatsächlich einen Einsatz.»
Die Strafverfolgungsbehörden erklären:
Juliens Vater habe die Taschen in Anwesenheit der Polizei durchsuchen dürfen. Die Durchsuchung der Habseligkeiten des jungen Politikers sei ergebnislos gewesen und die Polizei habe den Vater aufgefordert, das Gelände zu verlassen. «Anscheinend hat der Vater nichts mitgenommen. Die Drohungen können wir jedoch nicht bestätigen», so die Polizei.
Syshchikov sagt aber:
Der Vater des Opfers und sein Anwalt, Christophe de Galembert, haben eine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgelehnt und darum gebeten, den Rechtsweg abzuwarten. «Die Beteiligten werden im Rahmen des Verfahrens Gelegenheit haben, sich gegenüber den Strafverfolgungsbehörden zu äussern», so der Anwalt abschliessend.
«Eifersucht» und Politik
Aber warum sollte er ausgerechnet den Freund seines Sohnes ins Visier nehmen? Stepan Syshchikov hat eine Vermutung. Demnach könnte es sich um Eifersucht handeln, die seiner Ansicht nach mit der Unterstützung zusammenhängt, die er der Mutter des Verstorbenen zukommen liess. Er erinnert sich:
Den Informationen der Tageszeitung «24 heures» zufolge forderte der Vater des Opfers Syshchikov am 12. Januar ausdrücklich auf, den Wohnsitz der Mutter zu verlassen. Der Politiker soll dieser Aufforderung widerstandslos nachgekommen sein.
Weil die Ereignisse aber in jener Woche nach dem Unglück von Crans-Montana stattgefunden hätten, ist das Datum der Anzeigenerstattung, der 2. März, für Syshchikov alles andere als unbedeutend. Der Fall tauchte nämlich erst zwei Tage vor den Kommunalwahlen in der Presse auf. Der Politiker spricht von einem «politischen Mordanschlag».
Syshchikov, der kürzlich für die Gemeinde Pully kandidierte, erhielt im ersten Wahlgang 6,91 % der Stimmen und zog seine Kandidatur zurück.
Sein Anwalt, Albert Habib, beklagt ebenfalls eine «absichtliche zeitliche Übereinstimmung»:
Stepan Syshchikov erzählt uns, dass Julien sein Wahlkampf-Manager bei den Kommunalwahlen und Mitglied seiner Partei war. «Für meinen verstorbenen Freund und mich war es so etwas wie unsere eigene Wahl. Und diese bedeutete ihm sehr viel», sagt der junge Waadtländer.
Er beteuert, dass diese Anschuldigungen, so schwer sie auch zu akzeptieren seien, seinen politischen Entschluss nicht geschwächt hätten. Nachdem beide Seiten Anzeige erstattet haben, liegt es nun an der Justiz, den Fall aufzuklären.
In Zusammenarbeit mit Alessia Barbezat
