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Jeder fünfte Zug hat mindestens eine Minute Verspätung – so wollen die SBB dies ändern

Die SBB kämpfen im November mit tieferen Pünktlichkeitswerten. Die Bahn prüft nun neue Lösungen. So könnten Züge häufiger halten und am Wochenende für Ausflügler anders fahren.
13.11.2021, 10:0213.11.2021, 12:06
Stefan Ehrbar / ch media
Ein häufigeres Bild dieser Tage: Verspätete SBB-Züge (Symbolbild).
Ein häufigeres Bild dieser Tage: Verspätete SBB-Züge (Symbolbild).Bild: KEYSTONE

Fahrleitungsstörungen, Zugausfälle, defekte Türen: Die Züge der SBB sind weniger pünktlich unterwegs als in den vergangenen Monaten. Im Oktober betrug die Zugspünktlichkeit, die angibt, wie viele Züge mit weniger als drei Minuten Verspätung verkehren, über das gesamte Netz 90.6 Prozent – deutlich unter dem Wert des letzten Jahres.

Doch warum sind Züge unpünktlich – und was unternimmt die Bahn dagegen? CH Media hat mit David Fattebert gesprochen. Der Westschweizer ist Leiter Kundenpünktlichkeit bei den SBB und verantwortlich für die Einhaltung des Fahrplans.

«Der Bahnbetrieb ist nie fehlerfrei»

«Die Faktoren für Verspätungen sind vielseitig», sagt Fattebert. «2021 sind wir bei der Pünktlichkeit auf Kurs. Im November haben wir aufgrund der Witterungsverhältnisse jedoch mehr Probleme mit der Pünktlichkeit als im Rest des Jahres». Bei Feuchtigkeit schalte sich beispielsweise der Gleitschutz der Lokomotive Re 460 ein und die Produktivität auf den Baustellen lasse nach, was zu verspäteten Streckenfreigaben führt.

Sogenannte Ereignisse – also defekte Züge, Fahrleitungsstörungen oder Türen, die klemmen – wurden bisher als wichtigster Hebel gesehen. Das soll sich ändern. Zwar sind tatsächlich etwa 7 Prozent aller Züge wegen Ereignissen verspätet, und es sei wichtig, diese so weit wie möglich zu minimieren, sagt Fattebert. Um die Bahn pünktlicher zu machen, will er den Fokus aber verschieben.

«Wir werden uns hier nicht massiv verbessern können»
David Fattebert, Leiter Kundenpünktlichkeit bei den SBB

Denn: «Wir werden uns hier nicht massiv verbessern können. Die Bahn ist ein technisches Umfeld. Einen zu 100 Prozent fehlerfreien Bahnbetrieb werden wir nie haben.» Klar, die SBB könnten mit viel Geld die tägliche Zahl der zehn Türstörungen halbieren, sagt Fattebert. «Aber das wäre für die Kundinnen und Kunden nicht einmal spürbar.»

Keine Reserven mehr

Stattdessen will er sich auf die «Robustheitsebene» konzentrieren. Über 20 Prozent der SBB-Züge sind mit einer Verspätung zwischen einer und drei Minuten unterwegs. Sie gelten offiziell nicht als verspätet – aber die Folgen solcher Verzögerungen sind immens. «Wenn ein Zug nur schon 60 Sekunden zu spät unterwegs ist, hat er keine Reserve mehr», sagt Fattebert. «Auf Strecken mit Zugfolgezeiten von 90 Sekunden hat das sofort Einfluss auf das gesamte Bahnsystem.»

Ein robustes Netz aufzubauen, ist komplex. Die Fahrpläne, die Personaldisposition, das Rollmaterial mit seinen Beschleunigungs-Eigenschaften und die Verfügbarkeit der Infrastruktur spielen eine Rolle. Wie die verschiedenen Faktoren zusammenspielen, wissen die SBB nicht. «Es gibt sehr viele Wechselwirkungen», sagt Fattebert. «Wir können sie nicht simulieren oder modellieren. Vielleicht gelingt uns das mit künstlicher Intelligenz in Zukunft, aber wir sind noch nicht soweit».

«Pünktlichkeit ist nicht sexy»

Ein weiteres Problem ist, dass Investitionen in die Pünktlichkeit nicht sonderlich beliebt sind. «Wenn wir zusätzliche Perrons bauen wollen, um das Angebot robuster zu machen, kostet das viel Geld, ohne zusätzliche Angebote zu ermöglichen. Hier müsste in der Politik ein Umdenken stattfinden», sagt Fattebert. «Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten.»

Positive Beispiele gibt es. So ist der Regionalverkehr in der Region Ost mit der Zürcher S-Bahn deutlich pünktlicher als anderswo in der Schweiz, weil hier massiv investiert wurde. Dieses Jahr verkehren dort bisher 96.9 Prozent der Züge pünktlich. Das sei das Resultat von 20 Jahren Planung, sagt Fattebert.

Bild: keystone

Diverse Massnahmen geplant

«Der Kanton Zürich hat Investitionen in die Infrastruktur vorfinanziert, das richtige Rollmaterial beschafft und geschaut, dass der Güter-, Fern- und Regionalverkehr auf der Schiene so gut wie möglich getrennt werden.» Es seien aber auch Fahrzeiten «auf Basis der Realität» angepasst worden. So sind in den vergangenen Jahren die Fahrzeiten mehrer Linien verlängert worden. Mit den steigenden Kundenzahlen war der Fahrplan immer schwieriger einzuhalten.

«Die Pünktlichkeit ist nach der Sicherheit die wichtigste Kennzahl. Das ist allen klar.»

Wird die Fahrzeit verlängert, fallen weitere Investitionen an. Im Kanton Zürich etwa mussten die Fahrpläne der Busse umgestellt werden, die Anschluss auf die S-Bahnen bieten. Das löste einen Mehrbedarf an Fahrzeugen aus, den der Kanton ebenfalls übernehmen musste.

Trotzdem sieht Fattebert Fahrzeitverlängerungen in der ganzen Schweiz als mögliches Mittel an. Der gesamte SBB-Fahrplan wird derzeit analysiert, schon 2024 könnten auf ersten Linien neue Fahrzeiten resultieren. Der Nachteil: Wenn Züge etwa in einem grossen Bahnhof eine Minute früher abfahren, um mehr Fahrzeit auf der ganzen Linie zu haben, sind gewisse Anschlüsse nicht mehr garantiert. Die SBB analysieren deshalb auch andere Massnahmen. Dazu gehören:

  • Differenzierte Angebote nach Wochentag: Am Wochenende, wenn statt der Pendlerinnen und Pendler Freizeitreisende unterwegs sind, könnten Züge künftig auf anderen Strecken fahren oder anders durchgebunden werden. Ausflügler müssten dann etwa auf dem Weg in die Berge weniger umsteigen, was das Risiko von Anschlussbrüchen minimieren würde.
  • Mehr Stopps in Agglomerationen: Wenn Interregio-Züge in Nebenzentren der Agglomerationen halten würden, müssten ebenfalls weniger Leute umsteigen und weniger Anschlüsse könnten verloren gehen, was sich positiv auf die Anschlusspünktlichkeit auswirkt Allerdings kosten zusätzliche Stopps Zeit.
  • Dichtere Takte: Wenn Interregio-Züge häufiger halten, könnte auf gewissen Strecken in Kombination mit bestehenden Regioexpress-Zügen ein Viertelstundentakt hergestellt werden. Wenn dann einmal ein Zug verspätet unterwegs ist, ist ein Anschlussbruch nicht mehr so schlimm, weil kurze Zeit später schon der nächste Zug fährt.
  • Höhere Geschwindigkeiten: Zwischen Lausanne und St-Maurice analysieren die SBB derzeit, welche Infrastrukturen welche Geschwindigkeiten vorgeben. Möglicherweise könnten in Folge davon die Geschwindigkeiten erhöht werden. Noch verfügen die SBB über keine Datenbank, in der diese Informationen hinterlegt sind.
  • Andere Anschlüsse: Zurzeit haben beispielsweise in Lausanne die Intercity-Züge Anschluss auf die Interregio-Züge in Richtung Wallis. Künftig soll der offizielle Anschluss ins Wallis mit den Regioexpress-Zügen hergestellt werden, die etwas später verkehren. So steigt die Anschlusspünktlichkeit.

Ein Trugschluss ist laut Fattebert, dass neue Technologie zu mehr Pünktlichkeit führt. Exemplarisch zeigt sich das am neuen Zugsicherungssystem ETCS. Das führt laut Analysen der Bahn sogar zu längeren Fahrzeiten. «Die Lokführer sind mit ETCS konservativer unterwegs», sagt Fattebert. Sie bremsen früher, um nicht vom System übersteuert zu werden. Ein weiteres Beispiel sind Elemente zum Energiesparen, die in modernen Loks verbaut werden. «Sie nehmen einen Teil der Kraft weg», sagt Fattebert. «Die Beschleunigungsleistung sinkt.»

In den nächsten Jahren rechnet die Bahn mit steigenden Bauvolumen, mehr Fahrgästen und längeren und schwereren Zügen, die weniger schnell beschleunigen. Es sind zusätzliche Herausforderungen für die Pünktlichkeit. Die eine Lösung gibt es nicht. Fattebert ist optimistisch. «Die Wichtigkeit und Komplexität des Themas wurde erkannt», sagt er. «Die Pünktlichkeit ist nach der Sicherheit die wichtigste Kennzahl. Das ist allen klar.» (aargauerzeitung.ch)

So pünktlich sind die SBB
Die betriebliche Pünktlichkeit der SBB beträgt seit Anfang Jahr 95,1 Prozent – kein schlechter Wert. Die Unterschiede sind gross. In der Region Westschweiz beträgt sie im Regionalverkehr 92,4%, in der Region Mitte im Dreieck Luzern-Bern-Basel 94,6%, in der Region Ost mit Zürich und der Ostschweiz 96,9%.
Grösser ist der Handlungsbedarf laut Fattebert im Fernverkehr. Der IC1 Genf Flughafen-St. Gallen ist mit einer Zugspünktlichkeit von 92,1 Prozent im grünen Bereich, nicht aber der IC5 Genf/Lausanne-Zürich(-St. Gallen) mit 89,4%, der IR15 Genf Flughafen-Luzern (88,1%) oder der IR90 Genf Flughafen-Brig (90,5%).
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