Schweiz
Schule - Bildung

Nur mit BMS an die PH? So will der Bundesrat den Lehrermangel entschärfen

Schuelerinnen und Schueler an ihrem ersten Schultag nach den Ferien, an einer Primarschule in Chiasso, am Montag, 31. August 2020. Fuer die Schueler bis 12 Jahre besteht im Kanton Tessin keine Maskenp ...
Viele Lehrkräfte gehen in Pension, zu wenige PH-Absolventen rücken nach: In der Schweiz herrscht Lehrermangel.Bild: keystone

Nur mit BMS an die PH? So will der Bundesrat den Lehrermangel entschärfen

Wer die Berufsmatura absolviert, soll automatisch ein Lehrerstudium starten dürfen: Das fordern nationale Bildungspolitiker. Der Bundesrat sieht keinen Grund zur Eile – und erntet dafür Kritik.
29.11.2022, 07:35
Kari Kälin / ch media
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Die Generation der Babyboomer geht langsam in Rente: Bis im Jahr 2031 müssen die Kantone für die Primar- und Oberstufe rund 70'000 neue Lehrpersonen rekrutieren. Abgängerinnen und Abgänger von Pädagogischen Hochschulen (PH) werden die Lücke gemäss dem Bundesamt für Statistik nicht schliessen können. Schon jetzt setzen die Behörden auf Notmassnahmen. Sie legen Klassen zusammen oder engagieren Lehrer ohne Diplom.

«Man holt quasi Lehrpersonen von der Strasse.»
Heisst es in einem Vorstoss der Bildungskommission

Verantwortlich für die Volksschule sind die Kantone. Die Bildungskommission des Nationalrats (WBK) hat aber einen Hebel entdeckt, mit dem auch der Bundesrat dem Lehrermangel entgegenwirken könnte: Das Bundesgesetz zur Hochschulbildung, das auch den Zugang zu den PH regelt, besagt, dass man eine gymnasiale Matura oder eine Fachmatura mit pädagogischer Ausrichtung benötigt, um ohne Zusatzprüfung ein PH-Studium starten zu können.

Personen mit Berufsmatura sind nur unter bestimmten Bedingungen zugelassen. In der Praxis bedeutet das: Berufsmaturanden müssen eine Aufnahmeprüfung bestehen – was ohne Vorkurs schwierig sei, wie die Bildungskommission kritisiert. Diese Hürde sei zumindest auf Stufe Primarschule nicht mehr gerechtfertigt. «Man holt quasi Lehrpersonen von der Strasse», schreibt die Bildungskommission in einem Vorstoss. Und man wolle Studenten und Pensionäre einsetzen. Gerade in Zeiten von Lehrermangel sei es unverständlich, ausgebildeten Berufsleuten mit Berufsmatura den direkten Zugang für ein PH-Studium zu versperren.

Eine treibende Kraft hinter den Plänen der Bildungskommission, die im Parlament auf breite Unterstützung stossen, ist Simon Stadler. Die heutige Situation in den Schulen mit den vielen unausgebildeten Lehrkräften sei nicht mehr tragbar, sagt der Urner Mitte-Nationalrat.

Stadler: Via Berufsmatura ins Klassenzimmer

Stadler hat nach abgeschlossener Maurerlehre und sieben Jahren Arbeit auf dem Bau die Berufsmatura absolviert und danach das Primarlehrerdiplom gemacht. Er übernimmt immer noch regelmässig Stellvertretungen und kennt die Realität im Klassenzimmer. Stadler musste einen Vorkurs besuchen, der die Primarlehrerausbildung von drei auf vier Jahre verlängerte. Diese Zeit raubende Zusatzschlaufe könne Personen mit Berufsmatura potenziell vom PH-Studium abhalten, sagt Stadler.

Und: «Bildungspolitikerinnen und -politiker feiern gerne die Medaillen unserer fantastischen Berufsleute an Weltmeisterschaften und loben das duale Bildungssystem. Wenn sie dann den Zugang zu weiterführenden Schulen wie der PH erschweren, zeugt das von einem gewissen elitären Standesdenken.»

Springt regelmässig als Lehrer ein: der Urner Nationalrat Simon Stadler.
Springt regelmässig als Lehrer ein: der Urner Nationalrat Simon Stadler.

Der Bundesrat will jetzt immerhin prüfen, ob Berufsmaturanden prüfungsfrei an einer PH studieren dürfen sollen oder nicht. Er hat letzte Woche das entsprechende Postulat der Bildungskommission zur Annahme empfohlen. Die Forderung, die Barriere mittels Gesetzesänderung schneller niederzureissen, lehnt er jedoch ab – mit Gründen, die Stadler nicht überzeugen.

«Der Berufsmatura fehlt die thematische Breite im Vergleich zur gymnasialen Matura oder zur Fachmatura mit pädagogischer Ausrichtung»

Postulate seien oft ein Mittel, um Forderungen zu verschleppen. «Doch in der Schweiz besteht schon heute ein akuter und lange anhaltender Lehrkräftemangel», gibt Stadler zu bedenken.

Einverstanden mit dem Vorgehen des Bundesrats, die Frage der Zulassung zuerst in einem Bericht zu analysieren, ist hingegen Dagmar Rösler. «Der Berufsmatura fehlt die thematische Breite im Vergleich zur gymnasialen Matura oder zur Fachmatura mit pädagogischer Ausrichtung», sagt die Präsidentin des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Der Verband setze alles daran, um die Qualität der Lehrerausbildung hochzuhalten. «Das erreicht man nicht, indem man die Hürden für die Zulassung senkt», sagt Rösler. (aargauerzeitung.ch)

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51 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Madison Pierce
29.11.2022 08:38registriert September 2015
Aus meiner Sicht wird in Bezug auf ihre Fächer von den Lehrern der Primarschule und auch Oberstufe sehr viel verlangt. Wichtiger als die fachspezifische Ausbildung finde ich die pädagogische Ausbildung. Man kann in der Oberstufe Mathematik unterrichten, ohne es studiert zu haben. Einer meiner Lehrer war Doktor der Chemie, aber es war nicht mein bester Lehrer.

Überhaupt, wenn ich schlechte Lehrer hatte, waren sie nie in ihren Fächern schlecht, sondern konnten schlecht lehren und motivieren.

Insofern halte ich die Berufsmaturität für ausreichend als Basis für ein pädagogisches Studium.
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Grobianismus
29.11.2022 07:57registriert Februar 2022
"Der Berufsmatura fehlt die thematische Breite im Vergleich zur gymnasialen Matura oder zur Fachmatura mit pädagogischer Ausrichtung." Was fehlt denn genau? Latein für die Primarschule? Zu unterrichten lernt man auch nicht im Gymi.
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Lienat
29.11.2022 09:04registriert November 2017
"Der Verband setze alles daran, um die Qualität der Lehrerausbildung hochzuhalten."

Dann sollten die PHs aber zuerst mal ihre eigenen Ausbildungskonzepte und Lehrpläne überdenken. Denn es gibt in der Schweiz wohl keine praxisfernere Berufsausbildung als eine Lehrpersonenausbildung. Zudem konnten sie auch gleich noch damit anfangen, valide Promotiobsbedingungen einzuführen, so dass ungeeignete Kandidat*innen bereits im Studium ausselektioniert werden. Damit könnte man nämlich auch BM-Absolvent*innen direkt an die PH lassen, ohne dass die Qualität leidet.
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