«Schämt euch!» – Thurgauerinnen kämpfen seit 35 Jahren für ein Frauenhaus
2025 verzeichnete die Schweizer Kriminalstatistik gleich mehrere traurige Höhepunkte im Bereich häuslicher Gewalt: Die Meldungen von Körperverletzungen (+15 Prozent), Drohungen (+5 Prozent) und Nötigungen (+10 Prozent) nahmen allesamt zu. Die polizeilich registrierten Vergewaltigungen erreichten mit 1402 Meldungen einen neuen Höchststand. Genauso wie die Zahl der Femizide: von 34 vollendeten Tötungsdelikten im häuslichen Bereich waren 30 Opfer weiblich. Damit ist über die Hälfte aller Tötungsdelikte in der Schweiz 2025 ein Femizid gewesen (30 von 55).
Einer dieser Femizide ereignete sich am 3. April 2025 in Münchwilen im Kanton Thurgau. Das Opfer: eine 47-jährige Frau. Der mutmassliche Täter, gegen den derzeit ein Verfahren läuft und für den die Unschuldsvermutung gilt: ihr Ehemann.
Trotzdem ist der Thurgau der einzige Kanton mit über 200'000 Einwohnerinnen und Einwohnern, der kein eigenes Frauenhaus betreibt. Am Mittwochmorgen hat das feministische Streikkollektiv Thurgau deshalb zur Demonstration vor dem Rathaus in Frauenfeld ausgerufen. Prominente Unterstützung erhielt das Kollektiv auf Instagram von Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone und Moderatorin und Podcasterin Gülsha Adilji. Die Forderung: Ein Frauenhaus für den Thurgau.
watson war am Mittwochmorgen in Frauenfeld vor Ort. Wie die Demonstrierenden die Kantonsrats- und Regierungsratsmitglieder auf dem Weg zu ihrer Arbeit ins Rathaus konfrontierten, seht ihr im Video.
Befürchtete «mutmasslich tiefe Auslastung»
Dass sich die rund 100 Demonstrantinnen und Demonstranten direkt gegenüber des Rathauses eingefunden haben, ist kein Zufall. Im Rathaus findet am Vormittag die Kantonsratssitzung statt. Das letzte Traktandum auf der Liste: Die Diskussion der Interpellation mit dem Titel «Ermordet weil sie Frauen sind! Im Thurgau – ein politisches Thema?»
Die Hoheit darüber, was gegen häusliche Gewalt unternommen wird, besitzen in der Schweiz die Kantone. Eine nationale Strategie oder ein nationales Opferschutzgesetz existieren nicht. Dass der Kanton Thurgau kein eigenes Frauenhaus betreibt, liegt daran, dass der Regierungsrat der Ansicht ist, dass ein solches nur «schwer umsetzbar» wäre. Auf eine Einfache Anfrage aus dem Kantonsrat antwortete der Regierungsrat im Mai 2025:
Häusliche Gewalt scheint im Kanton Thurgau kein grosses Problem zu sein, könnte man aufgrund dieser Antwort meinen. Aber das stimmt nicht. Das zeigt nicht nur der letztjährige Femizid. Seit dem Inkraftteten der Istanbul-Konvention 2017 kam im Thurgau jedes Jahr eine Person im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt ums Leben. Tötungsversuche gab es insgesamt zwölf. Im Schnitt rückt die Polizei hier 400 Mal im Jahr wegen häuslicher Gewalt aus. Also: mindestens ein Mal pro Tag. 2025 hat die Anzahl polizeilich registrierter Fälle von häuslicher Gewalt zudem um sieben Prozent zugenommen.
Für Kinder und Jugendliche bietet das Schlupfhuus Zürich Unterkünfte sowie Beratungs- und Hilfsangebote, die auch Betroffene aus anderen Kantonen in Anspruch nehmen können.
Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden.
Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.
Sucht eine gewaltbetroffene Thurgauerin einen Schutzplat, verweist sie die Opferhilfe an das Frauenhaus Winterthur. Mit diesem besitzt der Kanton eine Leistungsvereinbarung. Es gibt nur ein Problem, wie es die Thurgauer Opferhilfestelle BENEFO auf Anfrage von watson prägnant zusammenfasst:
Die Konsequenz: Es kommt immer wieder vor, dass eine Thurgauerin samt ihrer Kinder quer durch die ganze Schweiz, etwa bis nach Lausanne reisen muss, um einen Platz zu ergattern. Oder gar in einem Hotel unterkommen muss, weil schweizweit alle Frauenhäuser ausgelastet sind. Dort muss sie ohne erhöhten Sicherheitsschutz und professioneller Unterstützung auskommen.
Diskussion vertagt
In der Schweiz gebe es grundsätzlich zu wenige Schutzplätze, auch für Kinder und Jugendliche, heisst es von der Opferhilfestelle. Ebenfalls häufig in Stich gelassen würden gewaltbetroffene Männer. Schweizweit existieren nur drei Männerhäuser: in Zürich, Bern und Luzern.
Mit dieser Ausgangslage mache es grundsätzlich keinen Unterschied, wo sich ein Frauenhaus befinde, so die Opferhilfestelle zu watson. Auf diese Kritik angesprochen sagt Florance Hildebrand, Sprecherin des feministischen Streikkollektiv Thurgau, zu watson: «Wir sagen nicht, dass das Frauenhaus sich im Kanton Thurgau befinden muss. Wir wollen einfach ein Frauenhaus für den Thurgau. Das ginge auch in Zusammenarbeit mit anderen Kantonen. Die Istanbul-Konvention verpflichtet den Thurgau dazu, dreissig Schutzplätze zu schaffen. Einen pro 10'000 Einwohner.»
Ob die Demonstration Wirkung zeigen wird, ist noch offen. Wegen einer langen Diskussion übers Frühfranzösisch in Thurgauer Schulen hat der Kantonsrat das Traktandum über Femizide vorerst vertagt.
