«Skifahrerinnen und Skifahrer kommen nicht in gewohntem Masse auf ihre Kosten»
Zwischen Weihnachten und Silvester ist die Nebeldecke in Schweizer Städten dicht, die Trams sind leer. Im glarnerischen Elm scheint die Sonne vom blauen Himmel. Der Parkplatz vor der Gondelbahn Elm-Ämpächli ist voll. Die Bahn bringt einen auf 1486 Meter über Meer direkt ins grüne Skigebiet.
In Elm ist der Schnee dieser Tage ausgeblieben. So wie in vielen anderen Schweizer Skigebieten. Lediglich zwei von 16 Pisten sind hier aktuell geöffnet. Eine davon ist der Kinderübungshügel.
Die Terrassen der Gasthütten sind trotzdem gut gefüllt. Familien, Schulklassen, Seniorinnen und Senioren sitzen dort, viele davon in Wanderkleidung. In der Sonne ist es frühlingshaft warm. Vor der Hütte stehen Ski und Snowboards.
watson war vor Ort:
Wandern statt Schlitteln
Etwas abseits fotografieren drei junge Frauen in Skianzügen das Bergpanorama. Line, Basma und Maya sind eigentlich zum Schlitteln nach Elm gekommen. Maya ist aus Frankreich in der Schweiz zu Besuch, die beiden anderen wollten ihr den Schnee zeigen. «Jetzt wandern wir halt», sagt die 20-jährige Basma, zeigt auf die grünen Wiesen um sie herum und fügt an: «Es hat ja keinen Schnee.»
Auch eine Familie wäre gern Schlitteln gegangen. Jetzt wird spaziert. «Für die Kinder ist es schade», sagt die Mutter.
Aber nicht alle sind traurig, dass der Schnee ausbleibt. So etwa die 78-jährige Elisabeth aus Uznach, St. Gallen. Die Jacke hat sie sich um die Hüfte gebunden, mit Wanderstöcken ausgerüstet läuft sie den Kieswanderweg entlang. Sie macht Ferien in der eigenen Ferienwohnung und sagt: «Mich persönlich stört es überhaupt nicht. Andere haben schlechtes Wetter und Nebel. Wir haben Sonne, das ist ein Glück.»
Optimismus bei den Skifahrerinnen und Skifahrern
Auf einem weissen Streifen fahren Menschen in bunten Skianzügen auf Skis und Snowboards den Berg hinunter. Links und rechts von ihnen: grüne Wiese. Die blaue Piste ist die einzige – abgesehen vom Übungshügel –, die an diesem Tag geöffnet ist. «Die Piste ist gut präpariert», sagt ein erwachsener Snowboardschüler, der neben seiner Lehrerin am Pistenrand sitzt.
Der weisse Streifen führt an der Munggä-Hütte vorbei. Auf deren Terrasse sind fast alle Tische besetzt. Reto, der aus Wetzikon, Zürich, angereist ist, steigt vor der Hütte in die Bindung seiner Skier. Der 57-Jährige geniesst den Skitag trotz des eingeschränkten Betriebs. Der Schnee sei am Nachmittag zwar etwas sulzig. «Dafür hat es aber nicht so viele Leute», sagt er.
Zwei Jugendliche gehen zielstrebig auf das Gasthaus zu. Wim und Ben, 15 und 16 Jahre alt, sind für mehrere Tage im Skilager in Elm und kommen aus Langendorf, Solothurn. «Das Fahren ist sehr monoton», sagt Ben. «Aber man nimmt, was man bekommt.» Dass der Skibetrieb trotz mangelnden Schnees aufrechterhalten wird, befürwortet Wim:
Ben hat zwar Bedenken wegen der Umwelt, fände es aber auch schade, hätte das Skilager ganz abgesagt werden müssen.
Für einen Mann, der mit seiner Familie die ganze Woche in Elm verbringt, ist der Skitag kurz vor halb drei Uhr nachmittags zu Ende. Nach acht Abfahrten auf der einzigen Piste hat er genug. «Es ist ein wenig mühsam», sagt er. «Aber die Betreiber machen, was sie können.»
Sportbahnen sprechen von Umsatzeinbussen
Die Betreiber, das sind die Sportbahnen Elm. Der Direktor Stefan Elmer hat Verständnis für enttäuschte Besucherinnen und Besucher: «Skifahrerinnen und Skifahrer kommen im Moment nicht in gewohntem Masse auf ihre Kosten.» Die Sportbahnen hätten den Ticketpreis deswegen um zehn Prozent gesenkt.
Gegenüber watson sagt Elmer:
Genaue Zahlen könne er noch keine nennen, aber sicher sei schon jetzt: Der ausbleibende Schnee bedeute momentane Umsatzeinbussen.
Dass das Skigebiet trotzdem gut besucht ist, sei dem sonnigen Wetter zu verdanken. Ein Teil der Ausfälle bei den Skitickets werde durch die Wanderinnen und Wanderer kompensiert, die die Gondelbahn nutzen und die Berggasthäuser füllen. Elmer sagt:
Wie andere Skigebiete in diesen Höhenlagen setzt auch Elm verstärkt auf Sommer- und Herbsttourismus. Der Winter bleibe aber die umsatzstärkste Saison, so Elmer.
Die Sportbahnen Elm planen deswegen, im kommenden Jahr die Beschneiungsanlage auszubauen. Der Wasser- und Energieverbrauch ist bei der Herstellung von technischem Schnee, wie Kunstschnee in der Fachsprache genannt wird, hoch.
Ökologische Bedenken relativiert Elmer. Im Vergleich zur Anreise der Gäste und der Beherbergung führe die Beschneiung zu einem geringen Anteil an CO₂-Emissionen, so Elmer.
Elmer zeigt sich optimistisch:
Die Hauptbesuchszeit im Februar stehe erst noch an. In der Nacht auf Mittwoch könne mit der Beschneiung fortgefahren werden und für kommende Woche sei Schnee prognostiziert. Davor steigt im Skigebiet eine grosse Silvesterparty, von der sich Elmer ebenfalls volle Restaurationsbetriebe erhofft.
Um 16 Uhr hat sich der Parkplatz bei der Gondelbahn fast geleert. Eine Familie schält sich vor ihrem Auto aus den Skikleidern. Die Kinder sitzen müde auf der Kante des Kofferraums. «Zum Fahren war der Tag nicht gut», sagt die Mutter. Sie hätten aber unbedingt einmal Skifahren gehen wollen in den Winterferien. Zum Sonne tanken und Pommes Frites essen habe sich der Besuch gelohnt. Nochmals wiederkommen bei diesen Verhältnissen würde die Familie jedoch nicht. Lieber wartet sie auf den grossen Schnee.
