«Am meisten nerven mich Eltern, die sich null informieren und ihren Kindern ein Aquarium mit Fischen im Baumarkt kaufen», sagt Elias Müller. Er weiss selbst, wie widersprüchlich diese Aussage aus seinem Mund klingt. Besonders hier, in der kühlen Lagerhalle in Oftringen im Kanton Aargau. Hier, wo ihm 5000 Fische in 150 Aquarien so lange folgen, wie es das Glas zulässt, wenn er an ihnen vorbeiläuft. Weil sie ihn erkennen als jenen, der ihnen regelmässig Futter bringt. Sich um sie kümmert.
Ausgerechnet das, was Müller am meisten nervt, ist der Grund, weshalb es das Aqualuz heute gibt. Das einzige Fischtierheim der Schweiz.
Als Müller 2003 in Reiden im Kanton Luzern eingeschult wurde, hatte er relativ schnell Mühe im Unterricht. «Man könnte aber auch sagen: Meine Lehrer waren überfordert», sagt Müller. Überfordert mit ihm, dem hyperaktiven Buben, der kaum stillsitzen konnte, schnell gelangweilt war, den Unterricht störte.
«Heute würde man wahrscheinlich sagen, ich hatte oder habe ADHS», sagt Müller und zuckt die Schultern. Eine Diagnose hat er nie bekommen und auch nicht gesucht. Seine Eltern fanden ein anderes Mittel als Ritalin, um ihn zur Ruhe zu bringen: Sie stellten dem Primarschüler ein Aquarium ins Schlafzimmer. Gefüllt mit Mollys.
Die ursprünglich aus Mittelamerika stammende Fischart ist bekannt für ihr ausgesprochenes Sozialverhalten in Gruppen. Aber auch für etwas anderes: «Mollys sind absolute Anfängerfische», sagt Müller. In seiner Stimme ist leichte Verachtung zu hören. Sie gilt nicht der Fischart, sondern den Tierhandlungen und Baumärkten, die Mollys so vermarkten.
So etwa auch Fressnapf. Auf seiner Website listet der Händler Mollys als Anfängerfische auf. Denn sie gehörten zu den Fischarten, «die über eine robuste Gesundheit verfügen und kleinere Fehler verzeihen, die Einsteigern bei der Einstellung und Pflege des Aquariums leicht unterlaufen können».
Als Kind verstand Müller noch nicht, was an Sätzen wie diesen problematisch sein soll. Er sah nur die Mollys in seinem Aquarium. Beobachtete sie fasziniert. Sog jede Information über sie auf, die er in seinem Fischlexikon für Kinder finden konnte, das ihm seine Eltern zum Aquarium dazu geschenkt hatten.
Mit den Mollys tat sich vor seinen Kinderaugen eine völlig neue, weite, spannende Unterwasserwelt auf. Eine Unterwasserwelt, die es zu entdecken galt.
Der Plan von Müllers Eltern ging auf. Müller wurde ruhiger, wenn er sich mit den Fischen beschäftigen konnte. Bald schon markierte er in seinem Buch, welche Fische er sich als Nächstes anschaffen wollte.
Müllers Eltern gingen mit dem Primarschüler daraufhin regelmässig in die Tierhandlung, wo er die Verkäuferinnen und Verkäufer mit Fragen durchlöcherte. Er muss lachen, als er das erzählt. «Ich wusste meistens besser über die Fische Bescheid als die Verkäufer. Ich war ein kleiner Besserwisser.» Dann erlischt sein Lächeln.
Als Kind verstand er nicht, weshalb die Erwachsenen, die Fische verkaufen, so wenig über sie wissen. Heute kennt er die traurige Antwort: Nach Schweizer Gesetz muss ein Geschäft, das Zierfische verkauft, nur einen Angestellten vorweisen können, der eine Weiterbildung für die Tiere absolviert hat. Diese Weiterbildung besteht lediglich aus einem dreitägigen Kurs. Müllers Fazit deshalb:
Welche Konsequenzen diese Ausgangslage für die Fische hat, wurde Müller erst als Teenager bewusst. Ein befreundeter Hobby-Zierfischzüchter suchte nach einem Platz für Fische, die jemand loswerden wollte. Er fragte bei Müller nach, ob dieser sie bei sich aufnehmen könnte. Er konnte. Denn inzwischen besass er im Atomschutzkeller seines Elternhauses fünfzig Aquarien, gefüllt mit Hunderten Fischen.
Nachdem Müller die Fische bei sich aufgenommen hatte, folgten immer wieder solche Anfragen. Und ihm dämmerte: Wenn er sie nicht aufnahm, würden die Tiere sterben. Denn leider sei es heute noch immer so:
Manche Fische landen aber auch in Seen und Flüssen, weil ihre Besitzer sie aussetzen. Zahlreiche Goldfische, Sonnenbarsche, Katzenwelse und Dreistachlige Stichlinge fanden so schon in Schweizer Gewässer, wie es in einem Bericht des Bundesamts für Umwelt (BAFU) von 2022 heisst.
Sie alle gelten inzwischen offiziell als Neozoen, sprich: als invasive Arten, die einheimische Arten vertreiben und ganze Ökosysteme zerstören können.
Zierfische stammen nie aus der Schweiz – oder nur schon aus Europa. Sie kommen aus dem Amazonas, dem Mekong, aus kolumbianischen Flüssen, malawischen Seen, aus dem Meer. Warum, weiss Müller inzwischen:
Seitdem er das Fischtierheim Aqualuz betreibt, zweifelt er aber sogar an dieser Aussage. Er hat den Eindruck, die meisten sehen im Zierfisch ein Deko-Objekt. Einen Gegenstand.
«Es geben regelmässig Leute Fische ab, über die sie absolut gar nichts wissen. Weder die Fischart noch, welchen Lebensraum sie bräuchten.» Müller findet das höchst problematisch. Immerhin gehören Fische zu den beliebtesten Haustieren in der Schweiz. So schreibt das BAFU:
Der Grossteil von ihnen leidet, glaubt Müller. Lautlos. Denn Fische könnten ihr Leid nicht ausdrücken, könnten keine Geräusche machen. «Darum will ich mit dem Aqualuz eine Stimme für die Stummen sein.»
Ob es den Fischen gut geht oder nicht, könne man nur anhand ihres Verhaltens erkennen. «Aber 95 Prozent aller Aquarien-Besitzer können dieses Verhalten nicht richtig deuten.»
Die tragischen Ergebnisse davon tummeln sich in den Aquarien im Aqualuz. Etwa eine Schmerle: Sie schwimmt unkoordinierter als ihre Artgenossen in demselben Tank. Ihr Rücken hat einen unübersehbaren Knick. Müllers Diagnose:
Schmerlen würden an Aquarienbesitzer verkauft, die ein Schneckenproblem haben. Oft unter dem Namen Schneckenfresser. Beim Kauf seien sie maximal zwei Zentimeter gross. Den neuen Besitzern sei oft nicht klar, dass sie in kurzer Zeit auf bis zu 15 Zentimeter heranwachsen und viel Platz brauchen. Und auch nicht, dass die Schneckenfresser kläglich verhungern, sobald sie alle Schnecken im Tank getilgt haben.
Geschichten wie diese kann Müller viele erzählen. Sie tun ihm im Herzen weh. Genau darum hat er 2019 letztendlich das Fischtierheim gegründet. Seine Mission:
Im besten Fall findet Müller für die Tiere ein schönes, neues Zuhause. Für etwa die Hälfte des Preises, den der Tierhandel für einen Fisch verlangt, verkauft er die Zierfische weiter. An Besitzerinnen und Besitzer, denen er vertraut, die er gut aufklärt.
Mit diesen Verkäufen finanziert sich das Aqualuz zu 70 Prozent selbst. Den Rest übernehmen Spenden, etwa vom Schweizer Tierschutzverband. Funktionieren kann das Fischtierheim aber nur dank zahlreicher freiwilliger Helfer. Darunter die ganze Familie von Müller. Er selbst arbeitet nebenbei nur 40 Prozent als Lehrer.
Am liebsten wäre es Müller, wenn er das Aqualuz eines Tages nicht mehr betreiben müsste, weil es keine Aquarien mehr gäbe. Es ist Wunschdenken, das ist ihm bewusst.
Für viele Fische wird Müller wohl nie ein neues Zuhause finden. Etwa für die Kois, die sich in einem Schwimmbecken auf dem Parkplatz tummeln.
Über zweitausend Franken kann man im Tierhandel für einen Koi hinblättern. Müller würde sie für je 200 bis 300 Franken weitergeben. Aber niemand kommt und kauft sie. Müller weiss inzwischen auch, weshalb:
Die meisten Kois bleiben wahrscheinlich bis an ihr Lebensende in Oftringen. «Verbringen ihre Rente im Aqualuz», wie es Müller schöner formuliert.
Sind sie hier glücklich? Müller zuckt wieder die Schultern. Sagen könne man das nicht. Wenn sie fressen, herumschwimmen, auf ihre Umwelt reagieren, wisse man, dass zumindest ihre Bedürfnisse gedeckt sind. Aber:
Und ich hoffe durch diesen Artikel finden viele Fische ein neues Heim.