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Was ich wirklich denke

Ein Forscher erklärt, warum er beim Töten von Tieren nicht mehr viel empfindet

Mäuse eigenen sich aufgrund ihrer genetischen Ähnlichkeit mit dem Menschen besonders gut für Tierversuche. Bild: AP

watson



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke:» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem Bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Ich mag mich noch genau daran erinnern, wie es war, als ich das erste Mal dabei war, als ein Tier getötet wurde. Es war eine Ratte. Sowas vergisst man nicht.

Die Ratte war anästhesiert und man hat ihr dann die Halsschlagader aufgeschnitten und sie ausbluten lassen. Als ich sah, wie das Blut aus dem Fell tropfte, da wurde ich fast ohnmächtig und musste mich setzen. Das Erschreckende ist allerdings: wenn man das fünf bis zehn Mal macht, dann stumpft man ab.

Wenn ich heute ein Versuchstier töten muss, dann fühle ich nicht mehr viel. Eine leichte Abscheu vielleicht, denn gern tut man sowas ja nie. Nicht das erste Mal, aber auch nicht das letzte Mal.

Das emotional sehr aufwühlende Gefühl während und nach dem Töten geht aber weg. Und das ist erschreckend, denn man stellt sich natürlich unweigerlich vor, dass beim Töten von Menschen – zum Beispiel im Krieg – wohl ähnliche Effekte spielen.

«Es gibt für mich unter den Gegnern von Tierversuchen eigentlich nur zwei Gruppen: die schlecht Informierten und die Vollidioten.»

Ob man die Tötung von Tieren für Forschungszwecke vertreten kann, damit beschäftigt man sich schon lange vor dem ersten Tierversuch – denn Forscher wird man ja nicht über Nacht. Man macht erst Mal eine Grundausbildung, besucht Kurse und Vorlesungen und macht eine Ausbildung. Zudem gibt es bei uns in der Grundlagenforschung keinen, der auch nur eine Sekunde daran zweifeln würde, dass das, was wir machen, essentiell ist. Ohne Tierversuche ist ein weiterer Fortschritt in der Medizin nicht möglich.

Selbstverständlich muss man aber unterscheiden zwischen medizinischer Forschung bzw. Grundlagenforschung an sich und Tierversuchen für alles andere wie zum Beispiel Kosmetik. Da bin ich dagegen. Wo das Experimentieren an Tieren vermieden werden kann, dort ist es zu vermeiden – ich würde auch kein Pelz tragen.

So richtig attackiert wurde ich von Tierversuchsgegnern bisher noch nie. Die Sorge ist aber stets vorhanden, gerade bei Vorträgen vor freiem Publikum. Mit Mist beworfen zu werden ist nicht das Ende der Welt – aber gewisse radikale Gruppen drohen mit Bombenanschlägen oder legen gar Feuer. Das ist dann schon beunruhigend.

Viel eher störend ist aber der Einfluss der radikalen Tierschützer auf meine tägliche Arbeit. Man muss dazu wissen, dass jeder Tierversuch, jede Tierversuchsreihe, eine Lizenz benötigt. Um eine Lizenz zu erhalten, muss man einen Antrag schreiben, welcher dann vom kantonalen Veterinäramt begutachtet und im besten Fall abgesegnet wird.

«Der Einfluss der Tierschützer macht sich ganz klar bemerkbar und die Tendenz zu immer mehr Bürokratie und immer höheren Hürden erschwert den Forschungsprozess.»

Dieser Prozess verschlingt Unmengen an Zeit. Das Schreiben jedes Antrags dauert eine Woche und umfasst 20 bis 30 Seiten. Die reicht man dann ein, es gibt Rückfragen und es kommt zu einem regelrechten Ping-Pong bis man den Versuch starten darf. Dazu ein Beispiel:

Forscher X ist der weltweit führende Experte einer gewissen Transplantationstechnik. Jeder auf der Welt weiss, X ist die Koryphäe. Nun arbeitet X aus irgendwelchen Gründen zwei Jahre lang auf einem anderen Gebiet, hat aber plötzlich einen Geistesblitz für dessen Umsetzung er «seine» Transplantationstechnik benötigen würde – nun darf er diese aber nicht anwenden. Denn X hat zurzeit keine laufende Lizenz um diese Technik verwenden zu dürfen. X muss sich also hinsetzen und die Mühlen in Bewegung setzen. Vom Antrag bis zum ersten Experiment wird er drei Monate verlieren. Einfach so – obwohl er der führende Experte in dem Gebiet ist.

Ein zweites Beispiel: Tierversuche werden nach Schweregrad beurteilt. Level 0 bedeutet kein Leiden für das Tier, Level 3 bedeutet ein schwerwiegender Eingriff wie zum Beispiel die Amputation einer Gliedmasse. Die Einstufung von Versuchen wird aber ständig neu beurteilt. Zum Beispiel waren viele Experimente aus den Bereichen Immunologie, Verhaltensforschung, Stresstests und so weiter früher auf Schweregrad 1 oder 2 eingestuft, und sind seither auf Level 2-3 gehoben worden. Umgekehrt kommt es allerdings so gut wie nie vor, dass ein Test heruntergestuft wird.

Das tönt zwar banal, zieht aber eine Unmenge an Bürokratie mit sich, weil je höher der Schweregrad eines Versuchs liegt, desto schwieriger ist es für einen Forscher, eine Versuchslizenz zu erhalten. Der Einfluss der Tierschützer macht sich hier ganz klar bemerkbar und die Tendenz zu immer mehr Bürokratie und immer höheren Hürden erschwert den Forschungsprozess.

In England zum Beispiel sind einige Versuche, die wir hier ohne Probleme durchführen können, nicht mehr möglich. Und andere, an die wagen sich die Forscher schon gar nicht mehr, weil sie wissen, dass eine Lizenz beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist. 

Wenn man sich die Argumente der Gegner anhört, dann haben die einfach weder Hand noch Fuss. Das zentrale Problem ist, dass es in der biomedizinischen Forschung keine Alternative zu Tierversuchen gibt.

«Ich persönlich habe ein sehr grosses Problem damit, wenn sich jemand radikal gegen den Fortschritt stellt. Denn das ist das eigentliche Problem.»

Zellkulturen (in vitro Experimente) oder Computersimulationen können die enorme Komplexität des Organismus von Säugetieren (inkl. Menschen) nicht ansatzweise nachstellen. Für den Fortschritt in der biologischen Grundlagenforschung sind Tierversuche daher unabdinglich und ganz eng mit jeglichem medizinischen Durchbruch verknüpft.

Ich persönlich habe ein sehr grosses Problem damit, wenn sich jemand radikal gegen den Fortschritt stellt. Deshalb gibt es für mich unter den Gegnern von Tierversuchen, so wie wir das betreiben, eigentlich nur zwei Gruppen. Die schlecht Informierten und die Vollidioten. Dazwischen gibt es nicht viel.

Natürlich können wir das Versprechen nicht halten, für sämtliche tödlichen Krankheiten Heilung zu finden, aber die Hoffnung an sich erübrigt in meinen Augen jegliche Diskussionen.

(Aufgezeichnet von watson)

Stimmst du Prof. Dr. Hans G. in der Frage der Tierversuche zu?

Spielregeln:

Kommentare sind wie immer sehr erwünscht. Kommentare, welche die Identität des Protagonisten zu entlarven versuchen, werden allerdings nicht freigeschaltet.

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