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Schweiz
Wirtschaft

Diese ÖV-Abos kommen – und warum Bargeld bei SBB und Co. ausgedient hat

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Während der Pandemie haben viele Pendlerinnen und Pendler ihr GA gegen ein Halbtax getauscht.Bild: EPA

Welche ÖV-Modelle kommen – und warum Bargeld beim Ticketkauf ausgedient hat

Mit dem neuen Guthaben-Abo kämpfen SBB & Co. gegen den Kundenschwund. Warum das GA dennoch wichtig bleibt, und weshalb Billettautomaten ein Auslaufmodell sind, erklärt René Schmied im Interview.
01.12.2022, 10:58
Pascal Michel und Stefan Ehrbar / ch media

Der öffentliche Verkehr erholt sich langsam vom Coronaschock. Trotzdem schliessen Pendlerinnen und Pendler erst zögerlich neue Abos ab. Um die verlorene Kundschaft auf die Schiene zurückzuholen, setzt die Branche auf ein flexibleres Modell: Das sogenannte Guthaben-Abo (watson berichtete). Dieses kommt ab Dezember 2023 in Umlauf. René Schmied, Präsident des Strategierats von Alliance Swiss Pass und Direktor der Stadtberner Verkehrsbetriebe Bernmobil, erklärt, wen er damit ansprechen will – und warum der klassische Billetautomat bald Geschichte ist.

Was bringt mir als Kunde das Guthaben-Abo?

René Schmied: Die Idee ist, dass Sie beispielsweise für 500 Franken ein Guthaben von 800 Franken kaufen können. Das Geld steht Ihnen für den Kauf von persönlichen Einzelfahrausweisen zur Verfügung, beispielsweise Einzelfahrbillette, Verbundtickets, Tageskarten oder Sparbillette. Und Sie profitieren von einem attraktiven Rabatt. Da der Bonus nach einem Jahr verfällt, besteht der Anreiz, diesen zu nutzen.

Sie wollen mit dem Guthaben-Abo jene zurückholen, die während der Pandemie abgesprungen sind. Warum zieht das Generalabo (GA) nicht mehr?

Das GA ist als Pendlerabo nach wie vor das Flaggschiff und unser wichtigstes Produkt. In den letzten 14 Monaten konnten wir wieder über 40’000 zusätzliche GA verkaufen. Tatsächlich haben wir während der Pandemie kurzzeitig rund 100’000 GA-Kunden verloren. Sie sind aber nicht im Nirwana verschwunden, sondern haben sich gefragt, ob sie sich den GA-Komfort noch leisten wollen – und sind dann oft auf Halbtax-Abos umgestiegen. Mit dem Guthaben-Abo wollen wir dieser Kundengruppe, die normalerweise 1000 bis 4000 Franken pro Jahr für den öffentlichen Verkehr ausgibt, eine Lösung anbieten, die weniger als ein GA kostet.

Umlaufentwicklung Generalabonnement

Bild
grafik: ch media/Allianz swisspass

Dann ist das Guthaben-Abo nichts für Pendler?

Eher weniger. Wer zwei bis drei Mal die Strecke Bern-Zürich pro Woche fährt, kommt mit dem GA bereits günstiger. Das Guthaben-Abo soll Personen ansprechen, die regelmässig mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs sind, aber verschiedene Destinationen ansteuern, gerade auch in der Freizeit. Für klassische Pendlerstrecken in einem bestimmten Gebiet sind vermutlich Verbund- oder Streckenabos weiterhin die günstigere Wahl.

Wie viele Guthaben-Abos wollen Sie verkaufen?

Im ersten Jahr rechnen wir mit einigen zehntausend. Nach fünf bis sechs Jahren sollten wir die 100’000er-Marke überschreiten. Wir sind noch am Feinschliff: Wie das Abo heissen soll, und welche Beträge gekauft werden können, wird derzeit noch diskutiert.

Ist das neue Abo übertragbar?

Im Markttest konnten nur persönliche Billette gekauft werden. Dies wird voraussichtlich auch beim definitiven Angebot so sein.

Im Testversuch verschenken Sie 1000 Franken: Wer sich für 2000 Franken einkauft, kann für 3000 Franken fahren – rechnet sich das für Sie überhaupt?

Wir wollen nicht einfach Rabatte verteilen, sondern neue Kunden gewinnen, die heute etwa mit dem Auto unterwegs sind. Mit dem Mehrumsatz möchten wir die Rabatte wieder reinholen. Der Markttest lässt erste Rückschlüsse auf das Marktpotenzial zu. Wir sind überzeugt von diesem Modell. Durch die Kundenrückmeldungen, die repräsentative Umfrage sowie die Markttests sind wir zum Schluss gekommen, dass diese Lösung eine Lücke schliesst.

Sie testen weitere Modelle. Eines davon ist das Wahltage-Abo für Leute im Homeoffice. Kommt das auch auf Ende 2023?

Der Markttest im Kanton Waadt läuft und wurde kürzlich verlängert. Ein Abo, das für gewisse Tage freigeschaltet werden kann, deckt ein gewisses Bedürfnis ab. Zurzeit sind im Vergleich zu den bisherigen Abos jedoch relativ wenig solche «FlexiAbos» im Umlauf. Natürlich ist es günstiger als ein reguläres, 365 Tage gültiges Abo, aber man muss vorab auswählen, an welchen Tagen man es nutzen will. Das schränkt die Freiheit ein. Das Wahltage-Abo national einzuführen, ist derzeit kein Thema.

Mit den neuen Lösungen wird die Abo-Landschaft unübersichtlich. Wie viele verschiedene Abos können Sie der Kundschaft zumuten?

Das ist immer ein Spagat. Wir möchten massgeschneiderte Angebote bieten, dürfen aber die Kundschaft nicht mit zu vielen komplizierten Modellen vergraulen. Wir müssen auch mal etwas ausprobieren und notfalls wieder einstellen, wenn es nicht funktioniert.

Wie wollen Sie die Jugendlichen in den öffentlichen Verkehr holen?

Hier haben wir effektiv ein Potenzial, um zu wachsen und eine langfristige Kundenbindung aufzubauen. Fährt man zu viert mit dem Auto an eine Party, rechnet sich das. Wir möchten aber, dass die Jungen im Viererabteil im Zug in den Ausgang fahren. Konkrete Angebote sind voraussichtlich im ersten Halbjahr 2023 spruchreif.

Inflation, höhere Lohnkosten, teurer Strom – das alles betrifft auch den ÖV. Wird es per Dezember 2023 zu einer grossen Preiserhöhung kommen?

Der Strategierat der Alliance Swiss Pass hat das Thema noch nicht diskutiert.

Es gibt Stimmen, die sagen: Eine Preiserhöhung ist unvermeidbar.

Tatsächlich sind die Herausforderungen gross. Wir sind mitten im Teuerungsthema drin. Die Löhne steigen, ebenso die Zinsen, was ÖV-Betriebe als kapitalintensive Unternehmen hart trifft.

Um wie viel können die Preise steigen, bevor Kunden abspringen?

Da sind mir keine Daten bekannt. Preiserhöhungen in der Vergangenheit – die letzte war 2016 – hatten keinen negativen Einfluss auf die Passagierzahlen. Die sind danach trotzdem gestiegen. Wie sich das Verhalten der Kunden entwickeln wird, ist rein hypothetisch.

Das 9-Euro-Ticket in Deutschland hat gezeigt: Massive Preissenkungen kurbeln die Nachfrage sehr stark an.

Der Vergleich mit Deutschland ist schwierig. In der Schweiz gibt es heute schon viel mehr ÖV-Kunden. Ausserdem hat man auch die negativen Folgen des 9-Euro-Tickets gesehen, nämlich ein völlig überlastetes System.

Was können Sie vom 9-Euro-Ticket lernen?

Das 9-Euro-Ticket war gut fürs Image des Regionalverkehrs. 20 Prozent der Abonnentinnen und Abonnenten waren Neukunden. Vor allem die Einfachheit des Angebots überzeugte. Diese gibt es in der Schweiz dank General- und Verbundabos bereits seit Jahrzehnten.

Die SBB mussten im Sommer sehr teuer Strom einkaufen, Bernmobil hat Mehrkosten in Millionenhöhe. Was bedeutet die Energiekrise für die Branche?

Transportunternehmen sind sehr unterschiedlich betroffen. Beim Strom aus den SBB-eigenen Kraftwerken beispielsweise haben sich die Kosten nicht stark geändert. Bernmobil muss den bernischen Stadtwerken EWB alle 15 Minuten den aktuellen Marktpreis bezahlen. Das ging zwei Jahre gut, aber als sich diesen Sommer die Kosten verzehnfacht haben, schlug das auch bei uns voll durch. Grundsätzlich sind die Energiepreise – dazu gehören auch Diesel und das Gas – massiv gestiegen. Das Thema wird erst verschwinden, wenn die Preise massiv runterkommen.

Wie wollen Sie die Stromkosten reduzieren?

Wir sind mit der Stadt Bern und EWB in Gesprächen. Dabei stellt sich die Frage, ob wir Ausschreibungen mit längerfristigen Preisen durchführen können. Das wäre aber frühestens für übernächstes Jahr möglich. Wir wollen wieder mehr Handlungsspielraum erhalten. Eine Lösung ist kurzfristig nicht in Sicht.

In Davos können Kunden beim Ein- und Aussteigen ihre Debitkarte einchecken. Der Betrag für die Fahrt wird dann automatisch abgebucht. Ist dieser Test ein Thema für andere Betriebe?

Wir schauen mit grossem Interesse auf den Versuch. Doch ein solches System braucht neue Gerätschaften und erhebliche Investitionen. Und wir wollen nicht alle Züge und Busse mit solchen Systemen aufrüsten. Im Gegenteil: Die Alliance Swiss Pass möchte so schnell wie möglich von Investitionen in physische Ticketlösungen wegkommen.

Heisst das, der Ticketverkauf am Automaten ist ein Auslaufmodell?

Ganz abgeschafft wird diese Möglichkeit vorerst nicht. Vorstellbar ist, dass es noch Automaten an grossen Knotenpunkten oder in externen Shops gibt. Aber: Der analoge Vertrieb und seine Infrastruktur sind sehr teuer. Diese Kosten wollen wir reduzieren.

Wie schnell wird das gehen?

Ab 2035 sollen Tickets im Normalfall nur noch digital gekauft werden. Zugleich braucht es Lösungen für jene, die ihr Billett nicht online kaufen können oder wollen. Dazu gehören Touristen, die keine Roaminggebühren zahlen wollen, sofern es die in Zukunft noch gibt. Die Entwicklung geht rasant voran: Bei den Einzeltickets ist der Digitalanteil innert vier Jahren von einem auf zwei Drittel gestiegen. Da stellt sich die Frage, welche Infrastruktur noch verhältnismässig ist.

Wer sich gegen das Handy entscheidet, muss also künftig den Weg zum Automaten an der nächsten grösseren Haltestelle auf sich nehmen?

Alleine auf dem Bernmobil-Netz haben wir heute 360 Automaten. Ich hoffe, dass wir schon in ein paar Jahren deutlich weniger haben und 2035 vielleicht gar keine mehr. Klar ist aber auch: Es muss möglich bleiben, auch ohne Handy ein Billett zu kaufen.

René Schmie, Präsident Alliance Swiss Pass
René Schmie, Präsident Alliance Swiss Passbild: zvg

Es gibt Menschen, die nicht nur auf das Handy verzichten, sondern auch keine Datenspuren hinterlassen wollen. Deshalb wollen sie mit Bargeld bezahlen. Das spielt aber in Ihren Erwägungen keine Rolle.

Die Branche ist nicht mehr verpflichtet, Bargeld entgegenzunehmen. Die Bargeldhandhabung ist sehr aufwendig und teuer. Natürlich werden wir bestehende Automaten mit der Möglichkeit, bar zu bezahlen, nicht von heute auf morgen abbauen. Aber 2035 werden die wenigsten noch Bargeld nutzen. Ein minimales Angebot werden wir wohl auch dann für Bargeldnutzer bieten. Das kann bedeuten, dass man zum Beispiel das ÖV-Guthaben am Kiosk auflädt. Aber wir müssen nicht mehr an jeder Haltestelle einen Tresorschrank aufstellen – und das sind Automaten mit Bargeldbezahlmöglichkeit de facto nun mal.

Auf welche gesetzliche Grundlage stützen Sie sich? Bargeld ist schliesslich ein gesetzliches Zahlungsmittel.

Es gibt keine Geldannahmepflicht. Das Bundesamt für Verkehr stützt diese Sicht. Wir müssen nicht an jeder Haltestelle Bargeld annehmen. Diese Verpflichtung gab es früher, jetzt aber nicht mehr. Wir müssen allerdings unsere Kunden über Alternativen informieren. Oft gibt es diese auch für Bargeldnutzer. Ein aktuelles Beispiel ist das bargeldlose WC im Bahnhof in Luzern. Das kann man jetzt auch mit Bargeld betreten, indem man am Selecta-Automat nebenan eine Zugangskarte kauft. Da könnte man sehr viel sparen.

Bevor man bezahlen kann, muss man erst mal das unübersichtliche Zonensystem durchschauen und das richtige Billett finden. Die Branche will hier massiv vereinfachen. Wo stehen Sie heute?

Die heutigen Tarif- und Vertriebssysteme sind mitunter eine Einstiegshürde. Diese müssen wir massiv senken. ÖV-Fahren muss so einfach werden wie Autofahren. Im ersten Halbjahr 2023 werden wir informieren, in welche Richtung es gehen kann. (cpf)

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42 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Maya Eldorado
01.12.2022 11:27registriert Januar 2014
Bargeldabschaffung durch die Hintertür ---- geht gar nicht.
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Fight4urRight2beHighasaKite
01.12.2022 13:30registriert Oktober 2022
"Die Entwicklung geht rasant voran: Bei den Tickets ist der Digitalanteil gestiegen."

Nur weil vermehrt digitale Zahlungsmittel genutzt werden, heisst das nicht, dass man die Möglichkeit der Bargeldzahlung ablehnt. Zudem gab es auch Infrastruktur für digitale Zahlungsmittel, als diese kaum genutzt wurden.

"Die Bargeldhandhabung ist aufwändig und teuer."

Und jetzt?! Ein vom Staat getragener Betrieb muss mehr als nur Profit sehen.

Es gibt keine Mehrheit für die Gelüste von Technokraten, die eine gläserne, digitale Welt sehen wollen. Das muss die Leitlinie für einen Staatsbetrieb sein!
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KiteKat
01.12.2022 14:58registriert September 2022
Die sollen mal bei den Regionalunzernehmen ansetzen, wo Abopreise für ein paar Zonen fast so teuer sind wie ein GA. Im ZVV kostet mein Abo 2.5kCHF und das nur für den ZVV. Das ist absurd.
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