Schweiz
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Die Bahnhofstrasse mit dem geschlossenen Cafe Spruengli fotografiert am 17. Maerz 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Die leere Bahnhofstrasse in Zürich im März während des ersten Lockdowns. Bild: KEYSTONE

Warum 60 Ökonomen finden, dass es jetzt einen Lockdown braucht – sie aber ungehört bleiben

In einem offenen Brief an den Bundesrat fordern 60 Ökonominnen einen erneuten Lockdown. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass so nicht nur weniger Menschen sterben, sondern auch der wirtschaftliche Schaden kleiner sei. Ihr Aufruf erhielt internationale Aufmerksamkeit.



Während der zweiten Corona-Welle hat sich die Schweizer Regierung für den schwedischen Weg entschieden: Sanfte Massnahmen, die vor allem auf Eigenverantwortung beruhen, sollen die hohen Infektionszahlen runterbringen und gleichzeitig den wirtschaftlichen Schaden klein halten. Einen zweiten Lockdown – so wie er in einigen Nachbarländern aufs Neue verordnet wurde – will kaum jemand. Allen voran nicht die Wirtschaftsvertreter, die seit Beginn der Pandemie vor einer schlimmen wirtschaftlichen Rezession warnen.

Umso bemerkenswerter ist der Zusammenschluss von 60 Schweizer Ökonominnen und Ökonomen, die jetzt einen zweiten Lockdown fordern. In einem offenen Brief wenden sie sich an den Bundesrat und schreiben: «So schwer es fällt und so schmerzhaft es sein wird, die Schweiz braucht einen zweiten Lockdown, gekoppelt mit umfassenden fiskalischen Unterstützungsmassnahmen, um einen weiteren Schaden durch die Corona-Pandemie abzuwenden.»

«Längerfristig ist diese Strategie nicht nur wirtschaftsfreundlicher, sondern rettet auch mehr Leben.»

Martin Kolmar, Wirtschaftsprofessor an der Uni St. Gallen

Ökonomen sehen keinen Zielkonflikt

Bei den Unterzeichnenden handelt es sich allesamt um Volkswirtschaftler, die an verschiedenen Universitäten in der Schweiz als Professorinnen oder Assistenzprofessoren arbeiten. Entgegen der gängigen Meinung, dass ein erneuter Lockdown grosse wirtschaftliche Folgeschäden nach sich zieht, vertreten sie eine gegenteilige Ansicht. Sie schreiben von einem weitverbreiteten und tiefgreifenden Missverständnis hinsichtlich der ökonomischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie: «Oftmals werden Kosten eines Lockdowns in die Argumentation eingebracht, die einen Zielkonflikt zwischen Wirtschaft und Gesundheit voraussetzen. Unserer Meinung nach und insbesondere für die derzeitige epidemiologische Lage, in der sich die Schweiz aktuell befindet, ist diese Dichotomie falsch: Es gibt keinen Zielkonflikt.»

60 Ökonominnen und Ökonomen fordern einen Lockdown

In einem offenen Brief an den Bundesrat fordern 60 Volkswirtschaftlerinnen und Volkswirtschaftler von Schweizer Universitäten einen erneuten Lockdown. Die «Frankfurter Allgemeine» druckte den Brief in ihrer Ausgabe am vergangenen Samstag ab. Online kann man den Brief hier nachlesen. Die Unterzeichnenden sind:

Philippe Bacchetta (Lausanne), Richard Baldwin (Genf), Luca Benati (Bern), Kenza Benhima (Lausanne), Florin Bilbiie (Lausanne), Pietro Biroli (Zürich), Valerie Chavez (Lausanne), Gregory Crawford (Zürich), Rui Esteves (Genf), Beatrix Eugster (St. Gallen), Mehdi Farsi (Neuchâtel), Carlos Alos Ferrer (Zürich), Francesco Franzoni (Lugano), Patricia Funk (Lugano), Alia Gizatulina (St. Gallen), Charles Gottlieb (St. Gallen), Jean-Marie Grether (Neuchâtel), Volcker Grossmann (Fribourg), Isabel Günther (Zürich), David Hemous (Zürich), Holger Herz (Fribourg), Roland Hodler (St.Gallen), Martin Huber (Fribourg), Eric Jondeau (Lausanne), Daniel Kaufmann (Neuchâtel), Michael Knaus (St. Gallen), Martin Kolmar (St. Gallen), Winfried Koniger (St. Gallen), Jaya Krishnakumar (Genf), Felix Kubler (Zürich), Lorenz Küng (Lugano), Luisa Lambertini (Lausanne), Sarah Lein (Basel), Jeremy Laurent-Lucchetti (Genf), Loriano Mancini (Lugano), Nicole A. Mathys (Neuchâtel), Fabrizio Mazzonna (Lugano), Ernst Mohr (St. Gallen), Monika Mrazova (Genf), Ugo Panizza (Genf), Michele Pellizzari (Genf), Giovanni Pica (Lugano), Frank Pisch (St. Gallen), Jean-Paul Renne (Lausanne), Frédéric Robert-Nicoud (Genf), Jean-Charles Rochet (Genf), Dominic Röhner (Lausanne), Luis Pedro Santos Pinto (Lausanne), Sergio Rossi (Fribourg), Simon Scheidegger (Lausanne), Florian Scheuer (Zürich), Kurt Schmidheiny (Basel), Eric Strobl (Bern), Nathan Sussman (Genf), Camille Terrier (Lausanne), Mathias Thoenig (Lausanne), Cédric Tille (Genf), Andreas Tischbirek (Lausanne), Hans-Joachim Voth (Zürich), Conny Wunsch (Basel).

Wie das gemeint ist, erklärt Martin Kolmar, Professor und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen und einer der 60 Mitunterzeichnenden. «Einen Zielkonflikt gibt es vielleicht kurz-, aber nicht mittel- und langfristig. Eine gesunde Wirtschaft setzt gesunde Menschen voraus», sagt er. Es sei nicht der Lockdown, der die ökonomische Rezession antreibe, sondern die Pandemie selbst. Denn was oft vergessen gehe, sei, dass die Menschen in einer Pandemie ihr Verhalten anpassen, ob es nun politische Massnahmen gebe oder nicht.

Kolmar macht ein Beispiel: «Wegen der Pandemie traut sich kaum mehr jemand im Restaurant zu essen, auch wenn dieses weiterhin offen sein darf. Für das Restaurant bedeutet das einen wirtschaftlichen Schaden – auch ohne Lockdown.» Lieferketten würden durchbrochen, der Fortbestand von Unternehmen gefährdet und Arbeitsplätze gingen verloren, warnt Kolmar. Darum sei es wichtig, dass der Staat durch gezielte, koordinierte Einschränkungen eingreife und den betroffenen Unternehmen mit Hilfspaketen unter die Arme greife. «Längerfristig ist diese Strategie nicht nur wirtschaftsfreundlicher, sondern rettet auch mehr Leben

Internationale Aufmerksamkeit

Ihre Argumente stützen die unterzeichnenden Ökonomen auf wissenschaftlichen Studien ab. Diese wurden oftmals in Zusammenarbeit mit Epidemiologinnen verfasst. Sehr verkürzt kann man den Kern der Forschungsergebnisse so beschreiben: Entweder man hat eine tiefgreifende Rezession und eine Überforderung des Gesundheitssystems unter den derzeitigen Massnahmen. Oder man hat eine tiefgreifende Rezession mit weniger Toten und einem Gesundheitswesen, das vor einer Überlastung geschützt wird, wenn man sich für einen zweiten Lockdown entscheidet. Kolmar spricht das Modell Schweden an: «Der ökonomische Einbruch im Frühjahr war dort gleich gross wie in vergleichbaren Nachbarländern. Der Unterschied ist, dass in Schweden viel mehr Menschen starben.»

«Wenn wir dann mit tausenden insolventen Unternehmen dastehen, wird das schwierig.»

Martin Kolmar, Wirtschaftsprofessor an der Uni St. Gallen

Der offene Brief der Ökonominnen stiess in der Westschweiz eine Debatte an, nachdem die Zeitung Le Temps den Aufruf veröffentlicht hatte. Auch im Ausland erhielten die Volkswirtschaftler viel Aufmerksamkeit. Die Frankfurter Allgemeine widmete ihnen eine halbe Zeitungsseite und sogar das US-Magazin Foreign Policy berichtete. Nur in der Deutschschweiz scheint der Ruf von den Uni-Professorinnen und -Professoren ungehört zu verhallen – oder auf Kritik zu stossen.

So schrieb der Chef der Wirtschaftsredaktion der NZZ in einem Meinungsartikel, ein Zielkonflikt bei der Frage Gesundheit oder Wirtschaft sei unvermeidlich. Und eine «chinesische Nullrisikostrategie, die das Virus völlig eindämmen will, wäre prohibitiv teuer und unverhältnismässig einschränkend». Auch Rudolf Minsch vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse widerspricht dem Aufruf der Ökonomen. In einem SRF-Podcast sagte er: «Ein Shutdown, wie wir ihn im Frühling hatten, muss verhindert werden.»

Schneller wieder aus der Krise

Kolmar geht es nicht darum, Recht zu haben, sondern die Aufmerksamkeit auf das verfügbare ökonomische Wissen zu richten. In der öffentlichen Meinung scheine es Konsens zu sein, dass ein erneuter Lockdown einen grösseren wirtschaftlichen Schaden anrichte. Doch dem würden viele Studien widersprechen. «Ob wir einen Zielkonflikt haben oder nicht, sollte sich doch anhand der wissenschaftlichen Evidenz klären lassen. Wir sollten die Ergebnisse dieser Studien ernst nehmen und unsere Politik dann danach ausrichten», so Kolmar. Dann würde sich auch das Schreckgespenst Lockdown als gezieltes Massnahmenbündel zur Reduktion der Kontakte entpuppen.

Gut wäre, die Infektionszahlen jetzt so schnell wie möglich drastisch runterzubringen und sie dann mit langanhaltenden, sinnvollen, aber auch deutlich weniger einschneidenden Massnahmen unten zu halten. Längerfristig betrachtet sei es wichtig, dass man gute Voraussetzungen für die Zeit schafft, wenn die Pandemie die Wirtschaft nicht mehr lähmt. Dann müsse die Schweizer Wirtschaft schnell wieder in Schwung kommen. «Wenn wir dann mit tausenden insolventen Unternehmen dastehen, wird das schwierig. Sorgen wir beispielsweise mit Überbrückungskrediten dafür, dass diese Firmen nicht pleitegehen, dann steht die Schweiz für einen raschen Aufschwung sehr gut da», so Kolmar.

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