Das dürfte die Brandkatastrophe für das Dorf Crans-Montana bedeuten
Über Nacht hat sich Schnee über Crans-Montana gelegt. Das Dorf, aus dem seit Jahresbeginn täglich Bilder um die Welt gehen, steht an diesem Freitag still. Die überwiegende Mehrheit der Geschäfte hat geschlossen, viele Restaurants ebenso. Selbst der Migros-Supermarkt bleibt am Nachmittag dunkel. Alle, so scheint es, wollen heute zusammenstehen für den nationalen Gedenktag, der zumindest für eine Minute die ganze Schweiz stillstehen lassen soll.
Schon in den ersten Minuten nach Ankunft im Dorf wird klar, wie anders die Stimmung ist als in den Tagen zuvor. Während die kirchlichen Trauergottesdienste unmittelbar nach dem Unglück noch schlicht organisiert waren, fast ohne Sicherheitsvorkehrungen, ist die heutige Zeremonie ein Grossereignis. Zutritt haben nur Einheimische und einige akkreditierte Medien. Auch wenn die prominenten Politiker heute in Martigny auftreten und nicht hier, stehen überall Polizisten und vermummte Sicherheitskräfte. An der Uniform einer Beamtin steckt eine weisse Rose.
Vor dem Bekleidungsgeschäft Loro Piana bleibt eine ältere Frau stehen, ihre Tochter neben ihr. Sie wolle später mit der Familie zur Gedenkfeier im Sportzentrum gehen, sagt sie leise. Mit den Medien spreche sie ungern, «es ist doch alles gesagt». Wenn sie durchs Dorf gehe, sehe sie nur traurige Gesichter. So etwas habe Crans-Montana noch nie erlebt. «Hier war immer ein Ort der Freude.»
Sorgen um Zukunft
Wie es weitergeht – mit den Touristen, mit dem Geschäft – weiss derzeit niemand. Viele Ladenbesitzer und Hoteliers fürchten, dass die Brandkatastrophe dem Ort langfristig die wirtschaftliche Grundlage entziehen könnte, falls internationale Gäste in den kommenden Monaten und Jahren fernbleiben. Die Unsicherheit ist gross, zumal Crans-Montana stark vom internationalen Tourismus abhängt.
Der amerikanische Skigebietsbetreiber Vail Resorts, dem das Skigebiet seit einigen Jahren gehört, zeigt sich in einer Stellungnahme gegenüber CH Media betroffen. Man sei «tief erschüttert über das tragische Feuer in Crans-Montana», heisst es. Die Gedanken seien bei den Opfern und ihren Familien. Der Fokus des lokalen Teams liege derzeit darauf, Mitarbeitende, die Gemeinschaft und die Gäste zu unterstützen. Die Verantwortlichen stünden in engem Kontakt mit den Behörden und seien bereit, diese in jeder Form zu unterstützen.
Von der Verunsicherung betroffen ist zudem die internationale Privatschule im Dorf. Ihre bisherige Schülerschaft stammt aus Dutzenden Ländern. «Mehrere Alumni haben ihre Teilnahme am Jahrestreffen bereits abgesagt», berichten zwei junge Frauen, die selbst einmal hier Schülerinnen waren. Die Verantwortlichen würden versuchen, aufgeregte Angehörige von Schülern zu beruhigen. Doch es sei unklar, ob das schlussendlich klappe. Damit verabschieden sich die beiden in Richtung Trauerfeier.
Sehnsucht nach Normalität
Um 13:32 Uhr laufen unter minutenlangem Applaus die Feuerwehrleute des Dorfes im umgebauten Sportzentrum ein. Ihnen gebührt der Dank der Anwesenden, ihnen, die so schnell reagiert haben in der Not. Einige Dorfpolitiker, darunter Gemeindepräsident Nicolas Féraud, die sich beim Hereinkommen kurz vor der Menge verbeugen, nehmen dagegen sehr rasch ihre Plätze im Saal ein. In der Folge füllen Trauer und Betroffenheit den Saal. Immer wieder umarmen sich Menschen, wortlos, in Trauer versunken. Mit Taschentüchern werden Tränen getrocknet. Bis die Live-Übertragung aus Maritgny schliesslich vorbei ist.
Auf dem Weg nach draussen löst sich die Anspannung für einen Moment. Zum ersten Mal an diesem Tag ist ein kurzes Lachen zu hören. Eine Gruppe junger Männer steht beisammen, acht an der Zahl, und amüsiert sich über einen Witz über ihren Kumpel Clément – der irgendwo Journalisten ein Interview gibt. Zunächst wirkt die Szene unpassend, an einem Tag, an dem an 40 getötete junge Erwachsene erinnert wird. Doch nach acht Tagen voller Trauer und Nächte ohne Schlaf ist das vielleicht einfach der menschliche Ausdruck einer Sehnsucht nach etwas, das sich wie Alltag anfühlt.
Wechselbad der Gefühle
Mit zunehmender Distanz von der Sporthalle werden die Gespräche wieder lauter. Ein Jugendlicher ruft einem älteren Mann zu:
Der Ältere erwidert:
Dass sich Macron heute nicht in den Vordergrund gedrängt hat, schätzen die beiden. Danach dreht sich das Gespräch um den vielen Schnee, der gefallen ist, und um das Wetter, das am Montag wieder gut sein soll.
Das Dorf Crans-Montana, es kann die Geschehnisse der letzten Tage noch immer nicht fassen. Abwechselnde Phasen von Trauer und Betroffenheit , danach Wut, jetzt vielleicht der Wunsch nach Normalität, scheinen viele gemeinsam durchgemacht zu haben. Doch jetzt brauchen sie vor allem Zeit, um das Erlebte in Ruhe zu verarbeiten.
Als einige Stunden später die Dunkelheit über das Dorf fällt, setzt erneut leichter Schnee ein. Er legt sich lautlos über Crans‑Montana – wie ein Schleier des Friedens, den der Ort dringend braucht. (aargauerzeitung.ch)
