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Stereotypes Frauenbild: Neocitran-Werbung gerät in die Sexismus-Kritik

Stereotypes Frauenbild: Neocitran-Werbung gerät in die Sexismus-Kritik

Das Schweizer Kult-Medikament gegen Grippesymptome bedient in einem neuen TV-Spot ein stereotypes Frauenbild und sendet dabei eine Botschaft, die für Tadel sorgt.
02.12.2022, 07:2902.12.2022, 07:41
Benjamin Weinmann / ch media

Die Temperaturen sind gefallen, das Schlottern hat begonnen. Damit steigt die Zahl der Personen, die sich mit Husten, Kopfweh und Schnupfen herumplagen müssen. Klassischen Grippesymptomen also. So manche Patienten greifen da nach dem Medikamentenklassiker Neocitran, der zum britischen Pharmakonzern Haleon gehört. Dieser zählt in seinem Waadtländer Ableger in Nyon rund 1200 Angestellte.

Aktuell läuft denn auch eine Kampagne für das Pulver. Doch diese sorgt für Kritik. Im TV-Spot ist die Stimme eines Mädchens zu hören, das dem Publikum von seiner Mutter erzählt. «Mama schaut gut zu uns», sagt sie auf Schweizerdeutsch. Und man sieht, wie sie ihrer Mutter lachend davon springt, und wie diese sich um die Grossmutter sorgt.

Um diesen Werbespot geht's.Video: YouTube/NeoCitran CH

Bettruhe? Nein, Neocitran!

Die Grippe-Viren machen der Idylle allerdings einen Strich durch die Rechnung. Am Arbeitsplatz beginnen die ersten Schnupfensymptome, zu Hause auf dem Sofa folgen die Kopfschmerzen. «Ich würde mir wünschen, dass sich Mama auch mal zu sicher selber schaut.» Die Lösung? Ein umsorgender Partner? Bettruhe und viel Tee? Nein, natürlich Neocitran. Denn dieses bekämpft laut der Werbestimme sechs häufige Grippe- und Erkältungssymptome, «damit es dir wieder besser geht und du dich auch um andere kümmern kannst».

Der Neocitran-Spot sorgt nicht nur bei der Protagonistin für Kopfschmerzen.
Der Neocitran-Spot sorgt nicht nur bei der Protagonistin für Kopfschmerzen.bild: screenshot youtube

Für Valérie Vuille, Direktorin der Genfer Organisation Décadrée und Expertin für Gleichberechtigungsfragen, ist dieser Spot problematisch. Gezeigt werde eine sehr traditionelle Geschlechterrolle, mit der Mutter, die sich um das Kind kümmert, arbeitet und keine Zeit habe, um sich selber Ruhe zu gönnen. Also werde sie krank. Niemand stehe ihr helfend zur Seite. «Das Medikament bietet eine Lösung, damit sie die ihr auferlegte Rolle weiter ausführen kann.»

Fragwürdige Botschaft

Diese Realität existiere sehr wohl, aber sie sei problematisch und sollte nicht dazu verwendet werden, um ein Produkt zu verkaufen, sagt Vuille. Zudem sei die Grundbotschaft fragwürdig. Sie laute: «Ihr habt kein Recht, krank zu sein, im Bett zu liegen und um euch selber zu kümmern. Ihr müsst immer eine rasche Lösung finden, um euch wieder um andere zu kümmern.»

Valérie Vuille von der Genfer Gleichberechtigungsorganisation Décadrée.
Valérie Vuille von der Genfer Gleichberechtigungsorganisation Décadrée.bild: zvg

Dieses sexistische Gebot führe bei Frauen zu Schuldgefühlen und habe Folgen auf deren psychische und physische Gesundheit, sagt Vuille. Leider seien derart sexistische Werbungen in der Schweiz erlaubt und auch oft zu sehen. Gemäss einer Inserate-Analyse von Décadrée aus dem Jahr 2020 beinhaltet etwa jede vierte Werbung in der Schweiz sexistische Inhalte. Laut Vuille ist es dringend nötig, dass Unternehmen und Werbeagenturen ihre Kampagnen verstärkt hinterfragen.

Haleon-Sprecherin Martina Gernet sagt, man wolle mit der Neocitran-Werbung auf keinen Fall ein traditionelles oder ungleiches Geschlechterrollenbild sich zu Nutzen machen oder gar propagieren. Dass diese auf Kritik stösst, tue der Firma leid. «Der Werbespot ist Teil einer globalen Kampagne, die unterstreichen möchte, wie wichtig es ist, sich bei Erkältung genügend Ruhe zu gönnen.» Zudem würden die Themen Diversität und Gleichberechtigung Haleon sehr am Herzen liegen und seien fester Bestandteil der Werte im Unternehmen. So würden ab Januar alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Anspruch auf sechs Monate bezahlte Elternzeit haben. (aargauerzeitung.ch)

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Sexismus in den Medien

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Sexismus in den Medien
quelle: shutterstock / screenshot blick / bearbeitung watson
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171 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Grobianismus
02.12.2022 08:02registriert Februar 2022
Ich verstehe zwar, was der Sexismus dahinter sein soll, aber ist unser gesellschaftliches Problem nicht eher, dass sich jeder wegen allem angegriffen fühlt?
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RichiZueri
02.12.2022 08:18registriert September 2019
Die Werbung zeigt eine klassische Alltagssituation - Punkt! Viele Mamis/Papis haben schlicht nicht die Zeit, um auf sich selbst zu schauen.
Dieses dauernde Suchen nach möglichen Sexismus-Skandalen kotzt mich langsam an.
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MaskedGaijin
02.12.2022 08:05registriert Oktober 2014
Unglaublich. Ich bin sowas von empört... 🤦🏻‍♂️
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