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Warum die liberale Corona-Politik gegen «Zero Covid» siegt

Analyse

Warum die liberale Corona-Politik gegen «Zero Covid» siegt

Länder mit vergleichsweise lockeren Coronamassnahmen, insbesondere die Schweiz und Schweden, wurden anfänglich scharf kritisiert. Die Zero-Covid-Strategie à la China galt als Vorbild. Doch Omikron hat die Spielregeln im Systemwettbewerb verändert: Der Liberalismus scheint dem Autoritarismus überlegen zu sein.
22.01.2022, 22:3222.01.2022, 22:34
Patrik Müller / ch media
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epaselect epa09699797 A security guard looks on as police officers in protective gear stand guard outside a public housing building on lockdown in Hong Kong, China, 21 January 2022. The Hong Kong gove ...
Zero Covid - in China rigoros durchgesetzt.Bild: keystone

Der Ursprung der Corona-Plage liegt in China, und trotzdem wirkte das Riesenland zu Beginn der Pandemie wie ein Sieger.

Während in westlichen Staaten die Lage ausser Kontrolle geriet, gelang es China mit einer rigiden Politik, das Virus schnell einzudämmen. Schon bei einem einzigen Fall wurden Grossstädte abgeriegelt. Medienwirksam liessen die Behörden Quartiere und den öffentlichen Verkehr mit Hochdruckreinigern desinfizieren. Unerheblich, ob es was nützte, wichtig war der Eindruck. Die Chinesen haben's im Griff.

Die Regierungen der USA und Europas wurden vorgeführt. Sie wirkten schwach, konnten trotz Notrecht nicht derart durchgreifen. Mit der Folge, dass die Infektions- und Todeszahlen in die Höhe schnellten.

Mit Big Brother gegen das Coronavirus

Video: srf/SDA SRF

Kein Wunder, begannen viele Länder, insbesondere in Asien und Ozeanien, die Zero-Covid-Strategie zu kopieren. Der Kampf gegen die Pandemie steigerte sich zum Kampf der Systeme.

Chinas Autoritarismus schien der Demokratie überlegen. Gesundheitlich, zunächst auch wirtschaftlich. In Europa rutschten die Länder in eine Rezession ab, während China als einzige grosse Volkswirtschaft 2020 ein positives Wirtschaftswachstum vermelden konnte.

Schweden und die Schweiz als Gegenentwürfe

Die Politik im Westen war und ist alles andere als einheitlich, aber der chinesische Weg wurde nirgends beschritten. Die Schweiz und Schweden gehörten zu jenen Ländern, die auf Eigenverantwortung setzten. Das brauchte Mut. Vor einem Jahr wurde die Schweiz in ganz Europa zum Thema, weil sie trotz Protest der Nachbarländer die Skigebiete offen liess. Nach der Saison zeigte sich, dass dieser Entscheid richtig war. Die Wintersportorte waren keine Corona-Hotspots.

Erst in den vergangenen Wochen wurde indes klar, dass die Zero-Covid-Strategie zum Opfer ihres anfänglichen Erfolgs geworden ist. Omikron ist selbst in China nicht mehr aufzuhalten. Vor einer Woche tauchte die Mutante erstmals in Peking auf, und das kurz vor den Olympischen Spielen. Es erweist sich als fatal, dass die natürliche Immunisierung des Milliardenvolkes minim ist. Das hoch ansteckende Omikron hat nun leichte Beute.

Das bunte Treiben der Coronasünder

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Das bunte Treiben der Coronasünder
Credit-Suisse-Präsident António Horta-Osório hat zweimal gegen die Corona-Quarantäneregeln verstossen – einmal gegen schweizerische, ein zweites Mal gegen britische, weil er den Tennisfinal in Wimbledon live miterleben wollte. Die Folgen: für die Credit Suisse zahlreiche peinliche Schlagzeilen in der globalen Finanzpresse, für Horta-Osório selbst blieb nur noch der Rücktritt.
quelle: keystone / andy rain
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Dies umso mehr, als die chinesischen Impfstoffe gegen Omikron viel weniger gut wirken als die im Kapitalismus hervorgebrachten mRNA-Impfstoffe von Moderna und Pfizer/Biontech. In der Schweiz sind 80 Prozent der Erwachsenen mit mRNA geimpft, ein weiterer Teil ist genesen - oder wird es in den nächsten Wochen sein, da gerade die Omikron-Welle durchs Land flutet, mit zuletzt 35'000 bis 40'000 Neuinfektionen pro Tag.

Das sind nur die gemeldeten Fälle, berücksichtigt man die Dunkelziffer, dürften es täglich 100'000 und mehr Ansteckungen sein. Obwohl die Welle seit Anfang Januar rollt, ist die Belegung der Intensivstationen gesunken. Man kann das Durchseuchung nennen, oder diplomatischer: Natürliche Immunisierung.

Das Undenkbare rückt näher: Die Normalität

Bleibt es so, wird realistisch, wovon wir nicht mehr zu träumen wagen: Wir können zur Normalität übergehen. Bundesrat Alain Berset stellt im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» sogar ein Ende des Zertifikats in Aussicht.

Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie sieht es danach aus, als sei der liberale Weg erfolgreicher als der autoritäre. Doch dazu brauchte es Glück. Das Glück, dass Omikron meist milde Verläufe nach sich zieht. Wo stünden wir sonst?

Jubel über den «Sieg» der Demokratie wäre verfrüht und verfehlt. Verfrüht, weil das Virus weiter mutieren könnte und niemand weiss, wie viele Menschen an Long Covid leiden.

Verfehlt, weil alle im selben Boot sitzen. In China werden jetzt Fabriken geschlossen und Reisen verboten. Wenn dort die Konjunktur einbricht und Lieferketten unterbrochen werden, schadet das allen.

Denn bei allen Unwägbarkeiten gibt es eine Gewissheit: Die Welt kommt nur gemeinsam aus der Misere.

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123 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Daniel Pünter
22.01.2022 23:55registriert April 2021
Wenn wir etwas in den letzten zwei Jahren gelernt haben sollten, so ist das der Fakt, dass wir nicht in die Zukunft schauen können und alle unsere Voraussagen meistens daneben gingen. Also erst mal weiterhin vorsichtig sein, bitte.
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Popo Catepetl
23.01.2022 00:27registriert September 2014
Ich frage mich seit Anfang der Pandemie, was denn die längerfristige Ausstiegstrategie der Null-Covid-Länder ist.

Grundsätzlich könnte es uns ja egal sein, was China genau macht. Da aber praktisch jeder Halbleiter (also alles vom Auto bis zum Vibrator) aus China kommt, und China bei jedem Fall gleich alles dicht macht, sind wir schon auch betroffen von dieser Politik. Was denken diese Masterminds mit ihrer 1.4 Mia.-Bevölkerung, die nicht wirklich immunisiert ist?
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Kugelblitz
23.01.2022 02:21registriert Januar 2017
Bei einer Pandemie gibts keine Sieger.
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