meist klar-1°
DE | FR
132
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schweiz
Wirtschaft

Teures Bio-Fleisch: «Coop und Migros nutzen ihre Marktmacht aus»

Biofleisch ist teuer. Zu teuer, sagt die Fachhochschule Nordwestschweiz.
Biofleisch ist teuer. Zu teuer, sagt die Fachhochschule Nordwestschweiz.Bild: Shutterstock

Teures Bio-Fleisch: «Coop und Migros nutzen ihre Marktmacht aus»

Der Anteil an Label- und Biofleisch in der Schweiz stagniert. Schuld daran seien Coop und Migros, sagt eine neue Studie. Sie würden ihre Marktmacht missbrauchen und zu hohe Preise verlangen.
22.11.2022, 09:0325.11.2022, 14:40
Dennis Frasch
Folge mir

Bio-Gemüse, am besten vom Bauern des Vertrauens – der nachhaltige Konsum erlebt in der Schweiz gerade einen Boom. 2021 stieg der Umsatz von Biolebensmitteln erstmals auf über vier Milliarden Franken. Nur beim Fleisch bleibt der Knall aus.

So nahm der Anteil von Labelfleisch im Jahr 2021 bei praktisch allen Tieren ab. Bei den Mastpoulets führt die tierfreundliche Produktion nach wie vor ein Nischendasein.

So erhielten Tierhalter im Juni 2022 pro Kilogramm Schlachtgewicht für Rindshackfleisch und Rindsplätzli einen Preis von 10.40 Franken. Wurden die Tiere nach Biorichtlinien gehalten, erhielten sie 10.60 Franken.

Konsumenten mussten für Labelprodukte hingegen erheblich tiefer in die Tasche greifen. So zahlten sie bei Grossverteilern für Hinterschinken vom Schwein im Juni 2022 für Billigangebote wie Prix Garantie oder M-Budget im Durchschnitt gut 18 Franken pro Kilogramm. Für Bioangebote wurde zum gleichen Zeitpunkt im Durchschnitt 54.55 Franken pro Kilogramm bezahlt.

Coop-Sprecherin Rebecca Veiga sagt auf Anfrage, dass die Beträge für die Tierhalter nicht stimmten: «Unsere Bäuerinnen und Bauern erhalten für ihr Bio-Rindlfeisch eine weitaus höhere Preisdifferenz als die angegebenen 20 Rappen. Beim Bio-Schweinefleisch erhalten sie gar mehr als das Doppelte im Vergleich zu den konventionellen Anbietern.»

Die Studie untersuchte die Preise zu drei verschiedenen Zeitpunkten: im November 2019, im Februar 2022 und im Juni 2022. Die Unterschiede zwischen konventionellen Produkten und Label- oder Bioprodukten haben sich dabei kaum verändert.

Klicke dich durch die Reiter:

Aufschlüsselung von Rindfleisch-Produkten nach Produzentenpreis, Marge und Verarbeitungskosten
Diese Grafik wurde für die erste Berichterstattung zu diesem Thema produziert und bezieht sich auf die erste Untersuchung vom November 2019.grafik: watson/pit

«Konsumenten kaufen tendenziell dort, wo das Produkt am billigsten ist»

Hinter den Ergebnissen dürfte die Marktmacht der Grossverteiler stehen, schreibt Ökonom Binswanger in der Studie. Viele kleine Anbieter würden auf wenige grosse Nachfrage treffen. Das würde den Produzentenpreis nach unten drücken. «Die Anbieter haben keine Chance, an andere Abnehmer zu verkaufen.» Diese Marktkonstellation sorge dafür, dass auch die Produzentenpreise für Label- und Bioprodukten nur wenig höher sind als diejenigen für konventionelles Fleisch.

Dass die Konsumentenpreise hingegen so viel höher seien, wenn man Standard- mit Labelprodukten vergleiche, liege am Wettbewerb bei Standardprodukten. Standard-Hackfleisch von der Migros unterscheide sich kaum von jenem von Coop, Aldi oder Lidl. «Konsumenten in diesem Preissegment kaufen tendenziell dort, wo das Produkt am billigsten ist. Dieses Verhalten sorgt für Wettbewerb und drückt den Preis nach unten», schreibt Binswanger.

Bei Label- und Bioprodukten sei dies weniger der Fall. Dort werde eine kleinere Anzahl von anspruchsvolleren Kunden angesprochen, die meist auch eine höhere Zahlungsbereitschaft haben. «Entsprechend lassen sich deutlich höhere Preise durchsetzen als bei Standardprodukten.»

Binswanger liefert damit auch gleiche eine ökonomische Erklärung, wieso der Labelanteil in der Schweiz insgesamt sinke. Tierhalter haben keinen Anreiz, vermehrt auf tiergerechte Haltung umzusteigen, denn die damit verbundenen Mehrkosten würden kaum abgedeckt. «Konsumenten hingegen müssen hohe Aufpreise für Label- und Biofleischprodukte bezahlen, welche nur ein kleineres Segment von zahlungskräftigen Kunden zu zahlen bereit ist.»

«Vorwürfe werden nicht wahr, wenn man sie wiederholt»

Die Studie ist eine von mehreren, die Migros und Coop vorwerfen, ihre Marktmacht zu missbrauchen. Doch wie alle anderen zuvor auch leidet sie an einem Problem: Sie kann es nicht abschliessend beweisen. Die anfallenden Kosten der Grossverteiler sind ein gut gehütetes Geheimnis.

Somit steht es Aussage gegen Aussage, denn Migros und Coop beharren vehement darauf, keine überhöhten Margen einzustreichen. Höhere Kosten für Warenflusstrennung, Kontrollen, Zertifizierung, Rückverfolgbarkeit und Vermarktungsmassnahmen seien die Gründe für die Preisunterschiede, sagt etwa Coop-Sprecherin Rebecca Veiga. «Coop verdient an Labelprodukten nicht mehr als an konventionellen Produkten.» Die Studie würde relevante Kostenfaktoren nicht berücksichtigen. Ausserdem handle es sich bei der Untersuchung um die gleichen Auftraggeber wie bereits bei früheren Studien.

In die gleiche Kerbe haut auch die Migros. «Die Vorwürfe werden nicht plötzlich wahr, bloss, weil man sie möglichst oft wiederholt», sagt Marcel Schlatter, Leiter der Migros-Medienstelle. Prozentual lägen die ­Margen bei Bioprodukten sogar leicht tiefer als bei konventionell hergestellten. Die Gewinnmargen der Migros seien zudem ausgesprochen dünn. «Würden die Vorwürfe zutreffen, müssten Fleischprodukte in Hofläden ja massiv günstiger sein – was sie nachweislich nicht sind.»

Als Grund für die höheren Preise von Labelfleisch führt Schlatter kleinere Packungsgrössen an. «Wir stehen in einem derart intensiven Wettbewerb mit anderen Detailhändlern, dass Kundinnen und Kunden überteuerte Produkte sofort erkennen und meiden würden.» Daher sei es gar nicht möglich, mit Labelprodukten eine höhere Marge zu erzielen. «Wir wären ganz einfach nicht mehr konkurrenzfähig», sagt Schlatter.

Wer nun recht hat, sei dahingestellt. Damit Labelfleisch sein Nischendasein jedoch beenden kann, muss die Preisdifferenz zum konventionellen Fleisch zwangsläufig sinken. «Ansonsten haben weder Produzenten noch Konsumenten einen Anreiz, die Produktion beziehungsweise den Konsum von Label- und Bioprodukten zu erhöhen», schreibt Binswanger.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

14 Hamburger-Variationen, die du probieren MUSST

1 / 20
14 Hamburger-Variationen, die du probieren MUSST
quelle: shutterstock / shutterstock
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Ich behandle jedes Tier mit Respekt» – 18-jährige Metzgerin wehrt sich

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

132 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
PlusUltra
22.11.2022 09:17registriert Juni 2019
Die Detailhändler könnten zur Abwechslung ja mal ihre Kosten offenlegen. Könnten sie dadurch die Studie entkräften, würden sie es bestimmt machen.
Aber eher scheint mir, dass es der Studie recht geben würde. Also nix mit Transparenz!
2354
Melden
Zum Kommentar
avatar
Kommissar Rizzo
22.11.2022 09:16registriert Mai 2021
«Würden die Vorwürfe zutreffen, müssten Fleischprodukte in Hofläden ja massiv günstiger sein – was sie nachweislich nicht sind.»
Stimmt. Das Fleisch von "meinem" Biohof kostet aber immer noch massiv weniger als beim Grossverteiler. Ich bekomme dort Bioqualität für +/- den Preis von konventionellem Fleisch. Aber das find ich völlig in Ordnung. Die Bauern haben etwas mehr in der Tasche und ich top Qualität zu einem fairem Preis. Win-Win!
2014
Melden
Zum Kommentar
avatar
Overton Window
22.11.2022 09:17registriert August 2022
Apropos Herr Schlatter, die Mikroskopischen-Packungsgrössen (in grossen Schalen damit es nach viel aussieht) stören uns ebenfalls. Also wenn das der Grund für die hohen Preise ist, wäre die Lösung ja eine klassisches win-win...
1231
Melden
Zum Kommentar
132
Online (also watson 👋) löst TV als meinungsmächtigste Mediengattung ab

Online-Medien haben 2021 laut einer Studie in der Schweiz erstmals das TV als meinungsmächtigste Mediengattung abgelöst. Print rutschte in der Bedeutung ab. An Einfluss verloren grosse Marken wie «20 Minuten» und Radio und Fernsehen SRF zugunsten von kleinen Titeln.

Zur Story