DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
In so einem Kostüm verteilten die Berufsschüler Knorr-Schlüsselanhänger.
In so einem Kostüm verteilten die Berufsschüler Knorr-Schlüsselanhänger.bild: facebook
Umstrittenes Schulprojekt

Berufsschüler müssen für Nahrungsmittel-Multi Unilever den Knorrli machen – ohne dafür bezahlt zu werden

Zwei Klassen einer Schweizer Berufsschule werden zu Unilever auf Firmenbesuch geschickt. Eine Woche darauf müssen sie Werbeprodukte in Schweizer Städten verteilen – in Knorr-Kostümen. Ist das erlaubt?
02.03.2015, 10:1803.03.2015, 06:34

M. E.* fühlt sich veräppelt. Die 18-jährige Detailhandelsangestellte musste mit ihren rund 20 Mitschülern der HKV Schaffhausen einen halben Tag in einem Knorrli-Kostüm durch Schweizer Städte ziehen und Promo-Produkte der Unilever-Tochter Knorr verteilen – während der Schulzeit und unentgeltlich. E. ist wütend. «Wir wurden nicht einmal gefragt, ob wir das machen wollen.»

Eine Woche zuvor hatten die Berufsschüler bereits einen halben Tag bei Unilever in Thayngen verbracht: Präsentationen über die Geschichte des Unternehmens, Führung durch die Produktionsanlagen, Testen von Gewürzmischungen und Knorr-Suppen.

Dann sollten die Schüler – «als krönender Abschluss» – «hautnah miterleben», wie man ein Produkt an den Mann bringt, wie es bei Unilever hiess. In Zweiergruppen klapperten sie, begleitet von jeweils einem Aussendienst-Mitarbeiter von Unilever, Detailhändler ab, verteilten Knorr-Schlüsselanhänger und räumten Unilever-Produkte in die Regale, wie E. erzählt. Einen halben Tag lang, zwei Stunden davon in einem Ganzkörper-Knorrli-Kostüm. 

Zum Abschluss gab's dann noch ein Aromat-Dösli für jeden Schüler.

Schüler werden kommerziell beeinflusst

Die Aktion der Schule wirft vor allem zwei Fragen auf: 

  • Dürfen Schüler zu Marketing-Zwecken eingesetzt werden? 
  • Und darf bei Schülern so explizit Werbung platziert werden wie in diesem Fall?

Klar ist: Schulen sind längst kein werbefreier Raum mehr. Die an Bildungsinstitutionen verteilte Gratis-Agenda «Schulplaner» ist gespickt mit Anzeigen, Unternehmen wie der Milchverband, Fielmann und Swissnuclear investieren Millionen in Unterrichtsmaterial. Solche Fälle stossen auf Kritik. Zu Recht, finden nicht nur Konsumentenschützer, sondern auch die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen. 

«Die EKKJ fordert (...), dass jede Art von Marketing von Kindergärten, Schulen und der familienergänzenden Betreuung ferngehalten wird.»
Bericht der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen quelle: news.admin

In einem vergangenen November veröffentlichten Bericht schreibt die EKKJ: «Kinder und Jugendliche sollen ohne kommerzielle Beeinflussung lernen können». Jede Art von Marketing solle deshalb von Schulen ferngehalten werden. Werbung an Schulen ist umstritten, verboten aber nicht.

No Components found for watson.rectangle.

Keine Reflexion, keine pädagogische Begleitung

Auch ob Schüler während des Unterrichts für ein Unternehmen Marketing betreiben dürfen ist juristisch nicht geregelt. Claudia Profos, Co-Leiterin des EKKJ-Sekretariats kritisiert das Knorr-Projekt. «Es gibt nichts, was man daran gut finden könnte», sagt sie. 

Einem Projekt wie diesem könne man nur dann etwas Gutes abgewinnen, wenn es pädagogisch begleitet würde, um den Schülern die Marketingstrategien der Unternehmen vor Augen zu führen und kritisch zu beleuchten. «So hätte es ein lehrreiches Experiment werden können, das den Jugendlichen zeigt, wie sie als Werbeträger funktionieren und mit welchen Tricks Marketing betrieben wird», so Profos.

«Ein gelungenes Projekt»

Doch das war weder die Idee der Exkursion, noch hielt es die HKV für nötig, das Ganze kritisch zu beleuchten. «Produkte verkaufen ist der Job dieser Schüler», sagt HKV-Rektor René Schmid. Und praxisnahe Ausbildung sei evident. Aus diesem Grund habe ein HKV-Lehrer eine Bekannte bei Unilever angefragt. Die Idee: Ein praxisnaher Ausflug zum Thema Marketing. So sei die Exkursion entstanden. Danach sei mit den Schülern reflektiert worden, wie PR funktioniert, sagt der zuständige Lehrer.

Auch die bei Unilever für die Exkursion verantwortliche Marketing-Fachfrau Céline Rusch hält die Kritik für unberechtigt.* «Statt Theorie hatten die Schüler mal einen Einblick in die Praxis», sagt Rusch, die den Ausflug zusammen mit dem ihr bekannten HKV-Lehrer organisiert hatte. «Ein gelungenes Projekt mit vielen positiven Rückmeldungen». Dass dabei nicht nur Promo-Artikel verschenkt, sondern laut E. auch Regale eingeräumt wurden, dementiert sie. Das sei nicht der Sinn des Projekts gewesen. 

*Name der Redaktion bekannt – Initialen geändert.

*Korrigendum
In der ursprünglichen Version dieses Artikels hiess es an dieser Stelle, Unilever wolle sich keinen kritischen Fragen stellen. Das ist falsch. Céline Rusch von Unilever wurde um eine Stellungnahme gebeten. Ihre Antworten sind in die ursprüngliche Version dieses Artikels eingeflossen. Wir entschuldigen uns für die Verwirrung.  
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Post aus dem Gefängnis: Was hat der abgewiesene Asylbewerber aus Senegal zu erzählen?
Ein junger Senegalese empfängt CH Media im Gefängnis. Seine Botschaft: Er will einen Ausweis, damit er nicht ständig inhaftiert wird. Seine reale Perspektive: Er wird schon bald wieder nach Italien ausgeschafft – bereits zum siebten Mal.

Die Post erreicht die Redaktion von CH Media aus dem Untersuchungs- und Strafgefängnis Stans. Der Absender: Babukar Ndour (Name geändert) aus dem Senegal, im Strafvollzug wegen illegalen Aufenthalts. Auf einem kleinen Zettel der handschriftliche Vermerk: Bitte um Kontaktaufnahme. Der Brief enthält einen Stapel amtlicher Dokumente. Daraus geht hervor: Am 14. September dieses Jahres wurde Ndour zum sechsten Mal von der Schweiz nach Italien ausgeschafft. Zehn Tage später reiste er mit dem Zug zurück von Mailand nach Chiasso – um hier einen Reisepass zu machen, wie er später den Behörden sagte. Seine finanziellen Verhältnisse? 100 Schweizer Franken und 50 Euro, in Italien habe er geputzt.

Zur Story