Schweiz
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In so einem Kostüm verteilten die Berufsschüler Knorr-Schlüsselanhänger. bild: facebook

Umstrittenes Schulprojekt

Berufsschüler müssen für Nahrungsmittel-Multi Unilever den Knorrli machen – ohne dafür bezahlt zu werden

Zwei Klassen einer Schweizer Berufsschule werden zu Unilever auf Firmenbesuch geschickt. Eine Woche darauf müssen sie Werbeprodukte in Schweizer Städten verteilen – in Knorr-Kostümen. Ist das erlaubt?



M. E.* fühlt sich veräppelt. Die 18-jährige Detailhandelsangestellte musste mit ihren rund 20 Mitschülern der HKV Schaffhausen einen halben Tag in einem Knorrli-Kostüm durch Schweizer Städte ziehen und Promo-Produkte der Unilever-Tochter Knorr verteilen – während der Schulzeit und unentgeltlich. E. ist wütend. «Wir wurden nicht einmal gefragt, ob wir das machen wollen.»

Eine Woche zuvor hatten die Berufsschüler bereits einen halben Tag bei Unilever in Thayngen verbracht: Präsentationen über die Geschichte des Unternehmens, Führung durch die Produktionsanlagen, Testen von Gewürzmischungen und Knorr-Suppen.

Dann sollten die Schüler – «als krönender Abschluss» – «hautnah miterleben», wie man ein Produkt an den Mann bringt, wie es bei Unilever hiess. In Zweiergruppen klapperten sie, begleitet von jeweils einem Aussendienst-Mitarbeiter von Unilever, Detailhändler ab, verteilten Knorr-Schlüsselanhänger und räumten Unilever-Produkte in die Regale, wie E. erzählt. Einen halben Tag lang, zwei Stunden davon in einem Ganzkörper-Knorrli-Kostüm. 

Zum Abschluss gab's dann noch ein Aromat-Dösli für jeden Schüler.

Was hältst du von der Exkursion der HKV-Klassen?

Schüler werden kommerziell beeinflusst

Die Aktion der Schule wirft vor allem zwei Fragen auf: 

Klar ist: Schulen sind längst kein werbefreier Raum mehr. Die an Bildungsinstitutionen verteilte Gratis-Agenda «Schulplaner» ist gespickt mit Anzeigen, Unternehmen wie der Milchverband, Fielmann und Swissnuclear investieren Millionen in Unterrichtsmaterial. Solche Fälle stossen auf Kritik. Zu Recht, finden nicht nur Konsumentenschützer, sondern auch die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen. 

«Die EKKJ fordert (...), dass jede Art von Marketing von Kindergärten, Schulen und der familienergänzenden Betreuung ferngehalten wird.»

Bericht der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen  quelle: news.admin

In einem vergangenen November veröffentlichten Bericht schreibt die EKKJ: «Kinder und Jugendliche sollen ohne kommerzielle Beeinflussung lernen können». Jede Art von Marketing solle deshalb von Schulen ferngehalten werden. Werbung an Schulen ist umstritten, verboten aber nicht.

Keine Reflexion, keine pädagogische Begleitung

Auch ob Schüler während des Unterrichts für ein Unternehmen Marketing betreiben dürfen ist juristisch nicht geregelt. Claudia Profos, Co-Leiterin des EKKJ-Sekretariats kritisiert das Knorr-Projekt. «Es gibt nichts, was man daran gut finden könnte», sagt sie. 

Einem Projekt wie diesem könne man nur dann etwas Gutes abgewinnen, wenn es pädagogisch begleitet würde, um den Schülern die Marketingstrategien der Unternehmen vor Augen zu führen und kritisch zu beleuchten. «So hätte es ein lehrreiches Experiment werden können, das den Jugendlichen zeigt, wie sie als Werbeträger funktionieren und mit welchen Tricks Marketing betrieben wird», so Profos.

«Ein gelungenes Projekt»

Doch das war weder die Idee der Exkursion, noch hielt es die HKV für nötig, das Ganze kritisch zu beleuchten. «Produkte verkaufen ist der Job dieser Schüler», sagt HKV-Rektor René Schmid. Und praxisnahe Ausbildung sei evident. Aus diesem Grund habe ein HKV-Lehrer eine Bekannte bei Unilever angefragt. Die Idee: Ein praxisnaher Ausflug zum Thema Marketing. So sei die Exkursion entstanden. Danach sei mit den Schülern reflektiert worden, wie PR funktioniert, sagt der zuständige Lehrer.

Auch die bei Unilever für die Exkursion verantwortliche Marketing-Fachfrau Céline Rusch hält die Kritik für unberechtigt.* «Statt Theorie hatten die Schüler mal einen Einblick in die Praxis», sagt Rusch, die den Ausflug zusammen mit dem ihr bekannten HKV-Lehrer organisiert hatte. «Ein gelungenes Projekt mit vielen positiven Rückmeldungen». Dass dabei nicht nur Promo-Artikel verschenkt, sondern laut E. auch Regale eingeräumt wurden, dementiert sie. Das sei nicht der Sinn des Projekts gewesen. 

*Name der Redaktion bekannt – Initialen geändert.

*Korrigendum

In der ursprünglichen Version dieses Artikels hiess es an dieser Stelle, Unilever wolle sich keinen kritischen Fragen stellen. Das ist falsch. Céline Rusch von Unilever wurde um eine Stellungnahme gebeten. Ihre Antworten sind in die ursprüngliche Version dieses Artikels eingeflossen. Wir entschuldigen uns für die Verwirrung.  

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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gantii 03.03.2015 08:17
    Highlight Highlight hät ich nicht gemacht. nie und nimmer.
    die Schulen haben echt das Gefühl Sie dürfen alles...
  • wolkenesser 02.03.2015 23:05
    Highlight Highlight Mal ganz ehrlich ich finde das eine Frechheit sondergleichen! Ich bin auch in der Lehre, zwar ein total anderer Beruf, Steinbildhauer, aber ich finde auch in der Schule sollte man sowas nicht machen müssen, wenn man nicht will. Das wäre wie wenn wir in der Klasse eine Skulptur von Cristoph Blocher hauen müssen, dessen Politik ich den letzten Dreck finde! Es hätte ja sein können das die Schüler für eine Fleischbrühe Werbung machen und eine Schülerin ist vegan ..... So als weiteres Beispiel.
    Ausserdem z bsp ich mache neben der Schule noch 3 Abendkürse für meine Lehre & mein Wochenende wird stark verkürzt deswegen, würde mich nun jemand zwingen in so einem hässlichen Kostüm, Werbung zu machen für so einen scheiss Grosskonzern und ohne Lohn, ich würde auf das Kostüm spucken und denen ins Gesicht sagen: "Ihr könnt mich mal"!
  • adritschka 02.03.2015 20:09
    Highlight Highlight unilever ist ein genug grosser konzern, er könnte es sichs leisten, den schülern was zu zahlen. es muss nicht mal viel sein, aber dies würde das ganze in ein anderes licht stellen, wertschätzung zeigen und nicht a la amerikanischem motto "seid froh, dass ihr praxisbezug habt". by the way, die lehrlinge sind ja schon in der arbeitswelt mit der praxis vertraut worden, also find ich dies ein wenig sehr lächerlich
  • Hugo Wottaupott 02.03.2015 19:46
    Highlight Highlight keine bezahlung ist sicher wegen dem starken franken...
  • Noahb 02.03.2015 18:47
    Highlight Highlight Lustig finde ich ja, dass die Schüler bei der Exkursion etwas zum Thema PR lernen sollten, Unilever aber hauptsächlich PR bei den Schülern selbst gemacht hat.
  • Céppe de Chenèque 02.03.2015 18:37
    Highlight Highlight Noch vor Kurzem hat ein Tweet für Fourore gesorgt, in dem sich eine Schülerin über zu wenig Praxisbezug beschwert hatte. Nun haben die Berufsschüler die Möglichkeit Marketing auf der Fläche zu betreiben und es ist auch wieder nicht recht?!? Ich hätte mir einen so innovativen Berufsschullehrer gewünscht!
  • Galahad 02.03.2015 14:54
    Highlight Highlight Ich bin selber Lehrling und kenne einige Lehrlinge der Firma Unilever. Diese Firma ist sehr Mitarbeiter freundlich und man darf nicht verwechseln das dies ein Projekt einer öffentlichen Schule war, und der Lehrer auf die Firma zugegangen ist, um Unterstützung für sein Projekt zu erhalten. Zudem gibt es immer Schüler denen es Spass macht sich auf solche wertvolle Projekte einzulassen und solche die es nur als unentgeltliche Arbeit sehen. Ich wäre gerne ein Tag lang ein Knorrli und finde es schade das unsere Lehrer nicht solche Marketingprojekte veranstalten.
    • Baba 02.03.2015 15:24
      Highlight Highlight Danke Galahad!!!
  • TheDoc 02.03.2015 13:38
    Highlight Highlight Vor 7 Jahren (als Knorrli 60 Jahre alt wurde) durfte ich auch in diesem Kostüm in der ganzen Schweiz auftreten. Aber ich war via Promotion-Agentur angestellt und im Stundenlohn (inkl. Spesen) bezahlt. Wir waren damals anscheinend zu teuer, sodass heute die Lernenden gratis hinstehen müssen. Finde ich eine Frechheit, denn Produkte an die Frau/den Mann bringen, ok, aber nicht im Kostüm und natürlich gegen Bezahlung.
  • Baba 02.03.2015 13:03
    Highlight Highlight "M.E.* Name der Redaktion bekannt..." Ja klar, dieser Fall ist ja soooo brisant, da darf man nicht zu seinem Namen stehen, sonst rächt sich Knorrli plötzlich (Ironie off). Leute, wo ist das Problem? In der Volksschule werden Apple Compis gesponsert und so die 'Kleinen' schon auf eine Marke getrimmt - ich finde das viel schlimmer, als ein paar Berufsschüler in die Realität der Berufswelt einzuführen. Wieder so ein First-World-Problem, das gross aufgebauscht wird. Kopfschüttel...
    • NoraDrenalin 02.03.2015 14:47
      Highlight Highlight Schüler gratis arbeiten zu lassen finden Sie also in Ordnung? In anderen Ländern nennt man das "Zwangsarbeit" und in der Schweiz ist es ein First-Worl-Problem oder was? Ich kann Sie sonst auch mal in die Berufswelt einführen - der Frühlingsputz steht an und wir können und keine Putzfrau leisten...
    • who cares? 02.03.2015 15:06
      Highlight Highlight Realität im Berufsleben haben sie mit 3 oder mehr Tagen arbeiten in der Woche. Das, was eine Lehre ausmacht, nicht unbezahlt Studentenjobs übernehmen.
    • Galahad 02.03.2015 15:18
      Highlight Highlight Die Arbeiten nicht gratis!!! Sie verdienen Geld wie an jedem Tag, in welchem Sie in ihrer Firma arbeiten, oder in die Schule gehen, diese Leute verdienen Geld! Man zwingt Sie nicht zu unentgeltlichem Arbeiten!
    Weitere Antworten anzeigen
  • Androider 02.03.2015 12:35
    Highlight Highlight Und von denen hat sich niemand zu wehren gewusst? Die Aktion war ganz klar daneben & sowas hätte ich auf keinen Fall mit mir machen lassen. Aber es haben halt nicht alle ein hohes Selbstbewusstsein...
    • Cirino Marin 02.03.2015 13:19
      Highlight Highlight Ich denk, gerade für 18-jährige ist das einfacher gesagt als getan. Das Berufsleben ist etwas neues, und man lernt vom ersten Tag an, dass man die persönlichen Interessen etwas zurückstecken muss und tut, was der Lehrer bzw. Lehrmeister verlangt. Natürlich wäre es das einzig richtige gewesen, die Aktion zu boykottieren, bzw. eine Entschädigung zu verlangen. Aber die Situation ist für die Berufsschüler sicher extrem widersprüchlich, schliesslich will man ja einen guten Eindruck machen und nicht Probleme mit Schule oder Lehrbetrieb kriegen.
    • Androider 02.03.2015 17:54
      Highlight Highlight @Cirino: Ich bin mit 15 Jahren in die Berufswelt einestiegen, von dem her hatte ich mit 18 Jahren schon ein wenig Erfahrung ^^ Aber das trifft ja nicht auf alle zu, deshalb gebe ich Ihnen auch recht.
  • swissknight 02.03.2015 11:41
    Highlight Highlight Ach, dann gibts echt Schüler, die lieber in die Schule gehen? Wow, das ist ja echt toll! Ironie beiseite: In welcher geschützten Werkstatt arbeitet M.E. eigentlich? Als Lernende sollte Sie wissen, was harte Arbeit bedeutet und solche Sachen wie in Kostümen rumlaufen gibts eben auch. Die Knorr Produkte hat Sie ja sicher gerne genommen und auch die Führung etc. Oder wie war das mit ProJuventute Märkli, 1.August Abzeichen etc? War früher gang und gäbe, dass man da Schüler abkommandiert hat...
  • tom99 02.03.2015 11:18
    Highlight Highlight Wenn die Wirtschaft nichts macht, dann wird gemotzt, wenn die Wirtschaft sponsort, wird geklagt, wenn die Wirtschaft beeinflusst, wird gejammert, wenn die Wirtschaft Geld verdient, wird angeprangert, wenns der Wirtschaft schlecht geht, sind die blöden Manager schuld, wenn die Wirtschaft ins Ausland auslagern muss, wird geschrienen... lustige Beiträge hier, sehr zu Ende gedacht.... :-(
  • _5am_ 02.03.2015 11:08
    Highlight Highlight Diese Detailhandelslernenden erlernen jeden Tag was der Verkauf an der Front heisst. Diese Aktion geht meiner Meinung nach zu weit und darf sich so nicht wiederholen! Einfach unverschämt Schüler für solche Prokjekte zu missbrauchen.
    • Galahad 02.03.2015 14:59
      Highlight Highlight Das ist kein Missbrauch, das nennt man Ausbildung. Wer in der Theorie etwas vom Marketing verstanden hat, sollte sich auch im Knorrlikostüm behaupten können, denn ich kenne nur wenig Deteilhandelslernende welche einmal die Chance hatten an einer solch Werbeaktion teilzunehmen, Geld zu verdienen, Aussendienstmitarbeiter kennenzulernen und von ihnen die Praxis des Marketings zu erlernen.
  • Señor Ding Dong 02.03.2015 10:54
    Highlight Highlight Wenn die ganze Tuerei nicht reflektiert und mit dem Lehrstoff verknüpft wird, ist es wirklich nur günstige Arbeit und Werbung. Pfui.
    • Galahad 02.03.2015 15:51
      Highlight Highlight Letzter Absatz: "Danach sei mit den Schülern reflektiert worden, wie PR funktioniert,..." - Watson, 02.03.2015
  • Donald 02.03.2015 10:37
    Highlight Highlight Ich dachte immer, dass Lehrlinge die Praxis in ihrem Betrieb hätten?
    • Galahad 02.03.2015 15:07
      Highlight Highlight Die Lehrfirma ist doch glücklich, wenn ihre Lehrlinge auch Erfahrungen z.B. in Kostümen von Marken erlernen können. Die meisten Firmen bieten doch heute überhaupt kein Persönliches Marketing mehr an. Ich bin sicher es hat vielen Lehrlingen Spass bereitet.
    • wolkenesser 02.03.2015 23:15
      Highlight Highlight Seit wann bitte macht es Spass in einem verschwitzten Vollkörperkostüm Werbeprodukte zu verteilen und das nicht einmal für eine kleine Entschädigung und vorallem von so einem Riesenkonzern? Es tut mir leid,solche Konzerne sollten Lehrlinge nicht zu Werbezwecke benutzen, wenn überhaupt hätte das freiwillig passieren müssen!

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