Ausländische Organisation testet Suizidhalsband in der Schweiz – ein gefährlicher Plan
Philip Nitschke, 78-jähriger Arzt aus Australien und Gründer der Suizidhilfeorganisation Exit International, nennt seine Erfindung «Kairos». Der altgriechische Begriff steht für den «günstigen Moment» – hier: den Moment zu sterben.
Kairos ist ein Halsband, das laut Nitschke per Druckimpuls auf die Halsschlagader eine rasche Bewusstlosigkeit auslösen soll. Er verspricht einen Tod binnen Sekunden – ohne Schmerzen, ohne Erstickungsgefühl.
Entsprechende Forschungen stammen aus dem Militär. Die Methode gilt als heikel: Wer den Punkt verfehlt, riskiert schwere Hirnschäden. Deshalb verwarfen andere Organisationen solche Pläne.
Nitschke will Kairos als Do-it-yourself-Methode anpreisen. Die Komponenten seien legal und günstig erhältlich. Auf Anfrage sagt er: «Das Halsband wird auf Knopfdruck über eine Smartphone-App aktiviert.» Vorgeschaltet sei ein Test zur Urteilsfähigkeit, durchgeführt von einem Programm namens «Nora», das auf künstlicher Intelligenz basiere. Er kündigt an, die App im März in Zürich vorzustellen.
Nitschke nutzt die Schweiz als Experimentierfeld, weil assistierter Suizid nur hier auch für Ausländer legal ist. Eine organisatorische Begleitung ist vor allem für die ersten Tests nötig. Laut Exit International steht danach schon die erste Patientin bereit: eine Niederländerin.
Kann Künstliche Intelligenz die Ärztin ersetzen?
Das übliche Suizidmittel in der Schweiz ist Natrium-Pentobarbital. Weil der Wirkstoff rezeptpflichtig ist, braucht es die Zustimmung eines Arztes. Die Patienten müssen urteilsfähig sein, aber weder tödlich krank sein noch unerträglich leiden – das sind in der Schweiz keine rechtlichen Voraussetzungen, höchstens ethische.
Bei psychisch gesunden Personen ist die Urteilsfähigkeit rasch abgeklärt. Die Patienten müssen lediglich zu erkennen geben, dass sie sich nach rationalen Überlegungen für den Tod entschieden haben und sich dessen Endgültigkeit bewusst sind. Ob künstliche Intelligenz das leisten kann, ist fraglich. Sicher ist: Der Algorithmus trägt am Ende keine Verantwortung.
Die Lancierung von Kairos ist für Exit International ein PR-Stunt – wie 2024 die erstmalige Nutzung der Suizidkapsel Sarco in der Schweiz. Die Geräte generieren globale Aufmerksamkeit. Diese gehört zum Geschäftsmodell von Exit International.
Die Organisation finanziert sich über Mitgliederbeiträge und Onlinepublikationen: 60 Franken pro Jahr für die Mitgliedschaft, 60 Franken für ein Online-Handbuch mit Suizidanleitungen für ein Jahr, 40 Franken pro Jahr für Updates.
Ein Insider von Exit International packt aus
Tom Curran ist der ehemalige Europa-Direktor von Exit International und sieht die Organisation heute kritisch. Er sagt auf Anfrage: «Das Problem von Exit International ist, dass die Mitgliedschaften und Buchverkäufe zurückgingen.» Die bisher wichtigste Publikation sei zuletzt vor allem gefragt gewesen, weil sie illegale Bezugsquellen für Natrium-Pentobarbital aufgelistet habe. Doch diese Quellen versiegten.
Deshalb brachte Exit International einen Schweizer Reiseführer für Sterbetouristen auf den Markt. Die laufend aktualisierte Onlineversion kostet 50 Euro pro Jahr. Sie erklärt die «Swiss Option» für Ausländer, die in ihren Ländern keinen assistierten Suizid begehen dürfen.
Anfangs vermittelte Exit International Patienten an den Schweizer Suizidhilfeverein Pegasos und verdiente dabei. Gemeinsam wollten die beiden Organisationen die Suizidkapsel Sarco lancieren, doch ein Streit über das Vorgehen trennte sie: Exit International sucht die Konfrontation, Pegasos den diskreten Weg mit den Behörden.
2025 gründete ein Pflegefachmann, der zuvor über eine Firma für Pegasos tätig war, eine eigene Organisation: Athanasios, mit einem Sterbezimmer in Allschwil BL. Exit International führt ihre Patienten nun dorthin und rät von Pegasos ab. Früher war Pegasos noch erste Wahl und Dignitas erhielt schlechte Bewertungen. So nimmt eine Organisation mit Sitz in den Niederlanden Einfluss auf die Entwicklung der Suizidhilfe in der Schweiz.
Für Exit International ist dies allerdings kein langfristiges Geschäftsmodell. Die Informationen über das Angebot der Schweizer Organisationen liefert inzwischen auch ein britischer Journalist auf einer eigenen Plattform – kostenlos und unabhängig.
«Kairos ist für Exit International deshalb vor allem ein neues Verkaufsargument», sagt Tom Curran. Die Anleitung wird über die kostenpflichtige Onlinepublikation erhältlich sein. Auch die Funktionsweise über die eigene App bindet die Kundschaft.
Beide Seiten werfen sich vor, illegale Gewinne zu machen
Exit International rechtfertigt die Kosten. Alle Einnahmen würden in die Entwicklung investiert. Philip Nitschke sagt auf Anfrage: «Innovationen im Bereich der Sterbehilfe wie das Sarco-Projekt, die KI-Software Nora und Kairos wurden von Schweizer Sterbehilfeorganisationen wie Pegasos heftig kritisiert, vermutlich weil sie ihr lukratives Geschäftsmodell unangefochten lassen wollen.»
Das ist ein schwerer Vorwurf. Denn «lukrative Geschäfte» wären in der Schweiz nicht erlaubt. Das Schweizer Strafgesetz verbietet Suizidhilfe «aus selbstsüchtigen Beweggründen». Der Straftatbestand stammt aus der Zeit, als es noch keine Freitodorganisationen gab. Damals wollte der Gesetzgeber vor allem verhindern, dass jemand seinen Verwandten beim Sterben hilft, um an das Erbe zu kommen.
Die Zürcher Justiz hat in einem Gerichtsverfahren gegen Dignitas-Gründer Ludwig Minelli geklärt, wie viel Geld Suizidhilfe für Ausländer in der Schweiz kosten darf. Die Organisation verlangt 11'000 Franken inklusive Bestattung. Das war strafrechtlich nicht zu beanstanden. Seither verlangen alle Schweizer Organisationen rund 10'000 Franken. Markt-Neuling Athanasios hingegen macht auf Aldi und wirbt mit einem Preis von nur 9500 Franken.
Sterbemaschinen gefährden liberales Schweizer Modell
Pegasos-Präsident Ruedi Habegger bezeichnet den Vorwurf der «lukrativen Geschäfte» als «völligen Blödsinn». Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat sein Vorgehen geprüft und überwacht die assistierten Suizide in einem vereinfachten Verfahren. «Das wäre nicht möglich, wenn wir Gewinn schreiben würden. Wir decken nur unsere Kosten und Löhne», sagt er.
Habegger wirft Exit International vor, mit kalkulierten Rechtsverstössen die liberale Gesetzgebung in der Schweiz zu gefährden. Nach der Sarco-Aktion forderte die SVP schärfere Regeln, doch das Bundesparlament sah keinen Handlungsbedarf. Kairos könnte eine neue rechtspolitische Debatte auslösen. «Für Exit International sind auch negative Schlagzeilen gut für das Geschäft. Doch damit gefährdet die Organisation die liberalen Errungenschaften der Schweiz», sagt Habegger.
Schaffhauser Strohmann führt neu den Verein The Last Resort
Nitschke kündigt auf Anfrage an, dass der Schweizer Verein The Last Resort die Nutzung von Kairos koordinieren werde. Das ist ein Ableger von Exit International: formal unabhängig, gegründet für die Lancierung der Sarco-Kapsel.
Der aktuelle Präsident von The Last Resort heisst Marc Dusseiller. Er ist Schaffhauser und Dozent an der ETH Zürich im Departement für Materialwissenschaften. Er stellte der Organisation das Waldstück für den ersten Einsatz der Suizidkapsel zur Verfügung.
1. Die Verantwortlichen des Sarco-Projekts installierten zwar Kameras. Doch diese filmten nicht durchgehend, sondern aktivierten sich nur vorübergehend, wenn sie Bewegungen registrierten. Die Kamera im Sarco nahm zudem nur einen Ausschnitt auf, keine Weitwinkelsicht. Deshalb ist der Vorgang bruchstückhaft dokumentiert, Kontext fehlt.
2. Es war nur ein Zeuge vor Ort: Willet. Exit-International-Chef Philip Nitschke verliess den mutmasslichen Tatort kurz vor dem Suizid und brachte sich über die nahegelegene Landesgrenze in Sicherheit. Mehr Zeugen hätten die Rekonstruktion erleichtert.
3. Der Sauerstoffmangel führte zwar rasch zur Bewusstlosigkeit der Patientin. Doch der Kreislauf des Körpers blieb dabei aufrecht. Dieser reagierte mit Zuckungen und Krämpfen. Dadurch kam es vermutlich zu Verletzungen am Hals, welche die Rechtsmedizin als mögliche Würgemale fehlgedeutet haben könnte. So entstand ein Tötungsverdacht.
Die Staatsanwaltschaft liess den damaligen Präsidenten Florian Willet verhaften und behielt ihn zwei Monate lang in Untersuchungshaft. Danach hatte der Deutsche psychische Probleme und nahm sich mit einer deutschen Suizidhilfeorganisation in Köln das Leben.
Dusseiller übernahm das Präsidium danach, um Willets Arbeit wertzuschätzen, wie er gegenüber den «Schaffhauser Nachrichten» sagte. Er übe das Amt aber nur vorübergehend aus und habe mit Kairos nicht viel zu tun: «Ich bin da gar nicht involviert und weiss auch nicht viel darüber.» Kairos – der «günstige Moment» – könnte Duseiller noch überraschen. (aargauerzeitung.ch)
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
